Zwischen den Linien
Prolog
Vor fünf Jahren entstand dieser Text in einer Zeit, in der mein Körper und mein Kopf gleichzeitig aufgehört hatten, mir zu gehorchen. Krankenhauszimmer. Monitore. Nächte ohne wirklichen Schlaf. Und diese seltsame Stille danach, wenn plötzlich alles langsamer wird und man merkt, wie nahe man an etwas vorbeigegangen ist, das keinen Namen braucht.
Damals hatte ich einen Traum. Keinen klaren Traum mit Handlung, eher ein Gesicht aus Linien, Kreisen, Farben und Licht. Etwas zwischen Mensch, Erinnerung und Universum. Kurz danach begann ich, dieses Bild aus dem Traum zu malen. Fertiggestellt habe ich es damals nie.
Und trotzdem hat mich dieses Bild nie verlassen.
Erst heute konnte ich es zu Ende malen. Vielleicht musste erst genug Zeit vergehen, damit ich verstand, was ich damals eigentlich gesehen habe.
Das Bild trägt Spuren eines meiner grössten künstlerischen Einflüsse in sich – Gustav Klimt, dessen Arbeiten mich seit jeher faszinieren. Und trotzdem ist daraus am Ende etwas sehr Persönliches entstanden. Wie ein Blick zurück auf einen Menschen, der fast verloren gegangen wäre.
Zwischen den Linien
Wenn ich ganz genau hinschaue, mich vor dem Waschbecken im Badezimmer weit nach vorne beuge, noch ein bisschen weiter, bis die Nasenspitze beinahe den Spiegel berührt, und dann wieder einen Schritt zurücktrete, die Zahnpastaflecken ignoriere und einfach nur hinsehe, dann sehe ich sie noch immer. Diese vielen Linien auf der Stirn. Nicht laut, nicht dramatisch. Aber da.
Sie gehören zu mir, genauso wie die grauen Haare oder die vielen losen Haare in der Bürste damals. Die blauen Flecken an den Armen sind längst verschwunden. Jeden Tag kam damals ein neuer hinzu, erst ein kleiner roter Punkt, dann tiefblau. Heute gibt es keine Fotos mehr davon. Vielleicht brauche ich sie auch nicht. Manche Bilder bleiben ohnehin für immer.
Und die Linien auf der Stirn, die grauen Haare, die Müdigkeit in manchen Tagen, das sind die Dinge, die geblieben sind. Sie erinnern mich an dieses Jahr. An die Sorgen, die Kämpfe, die langen Nächte, das Funktionieren, das Nicht-Aufgeben. Und am Ende gab es eigentlich nur diesen einen wirklichen Gewinn: weiter hier zu sein. Mehr wollte ich am Schluss gar nicht.
Ja, vielleicht hattet ihr alle ein bisschen recht, als ihr immer gesagt habt, dass alles wieder gut werden würde. Auch wenn ich euch damals am liebsten erklärt hätte, dass ihr überhaupt keine Ahnung habt, wie sich das alles anfühlt.
Dieses Jahr hat mich älter gemacht. Müder vielleicht auch. Aber irgendwie gleichzeitig stärker. Und ich glaube, das ist eine ziemlich annehmbare Bilanz: aus einem schweren Jahr nicht unversehrt, aber stärker hinauszugehen.
Plötzlich werden Linien und Narben zu etwas anderem. Nicht mehr zu Makeln, sondern zu Spuren. Zu kleinen Trophäen dafür, dass man Dinge überlebt hat, von denen viele gar nichts wissen. Denn die grossen Kämpfe passieren selten dort, wo alle hinschauen. Sie passieren nachts. Vor Spiegeln. In Krankenhauszimmern. In Gedanken, die niemand hört.
Und jetzt ist plötzlich Zeit vergangen. Die Welt draussen sieht noch immer ziemlich gleich aus wie damals. Die grossen Veränderungen passieren ohnehin selten mit einem Knall. Sie entstehen leise. Fast unbemerkt.
Vielleicht ist genau das heute mein Blick auf dieses Bild. All diese Linien, Kreise, Farben und Fragmente wirken wie Teile eines Menschen, der sich langsam wieder zusammensetzt. Nicht perfekt. Nicht glatt. Aber lebendig.
Und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, eine Ahnung davon zu haben, was ich mit all den leeren Seiten anfangen möchte, die noch vor mir liegen.
Epilog
Als ich dieses Bild heute fertigstellte, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, den Traum von damals wirklich verstanden zu haben.
Vielleicht war dieses Gesicht nie einfach nur ein Traum. Vielleicht hat mein Kopf damals versucht, all das aufzunehmen, wofür ich selbst keine Worte mehr hatte.
Der Traum verwandelte all diese Gedanken in ein weibliches Wesen. In ein Gesicht aus Linien, Kreisen, Licht und Dunkelheit. Nicht perfekt. Nicht ruhig. Aber voller Leben. Fast so, als hätte mein Inneres damals versucht, sich selbst sichtbar zu machen.
Heute sehe ich darin keinen Zusammenbruch mehr. Ich sehe einen Menschen, der durch Dunkelheit gegangen ist und trotzdem Farbe in sich trägt. Einen Menschen, der gelernt hat, dass selbst Narben leuchten können.
Vielleicht heilt ein Mensch nie vollständig in die alte Form zurück. Vielleicht liegt Heilung vielmehr darin, sich neu zusammensetzen zu dürfen. Aus allem, was war.
„She’s a Rainbow“ der Rolling Stones wirkt auf den ersten Blick leicht, verspielt und beinahe schwerelos. Doch gerade in einer Zeit wie damals im Spital bekam der Song für mich eine ganz andere Bedeutung.
Zwischen Monitoren, Erschöpfung, Angst und diesem Gefühl, den eigenen Körper plötzlich nicht mehr richtig zu kennen, wurde das Lied fast zu einem Gegenbild zur Realität. Während innen alles grau, schwer und eng geworden war, öffnete der Song etwas anderes: Farbe, Bewegung, Licht. Fast so, als würde er daran erinnern, dass hinter all der Müdigkeit noch immer etwas Lebendiges existiert.
„She comes in colours everywhere“ – diese Zeile fühlte sich damals nicht wie eine Liebeserklärung an, sondern wie eine Erinnerung daran, dass das Leben trotz allem noch Farben in sich trägt, auch wenn man sie selbst gerade kaum sehen kann. Genau deshalb passt der Song heute für mich so stark zu diesem Bild. Die Kreise, die Farben, das beinahe traumartige Gesicht wirken wie eine visuelle Übersetzung dieses Zustands zwischen Zusammenbruch und Hoffnung.
Vielleicht war der Song damals deshalb so wichtig, weil er etwas geschafft hat, das Worte oft nicht können: Er hat für einen kurzen Moment wieder Raum geöffnet. Nicht für Heilung im grossen Sinn, sondern für einen Atemzug. Für die Ahnung, dass hinter all der Dunkelheit noch etwas Schönes existieren könnte.
Und rückblickend glaube ich, dass genau dieses fragile Gleichgewicht aus Erschöpfung, Sehnsucht und Hoffnung sowohl in diesem Lied als auch in diesem Bild weiterlebt.
Einordnung
Lieber Urs,
nachdem ich dein Bild, den damaligen Text, deinen Prolog und Epilog und auch die Bedeutung des Songs „She’s a Rainbow“ im Zusammenhang gelesen und betrachtet habe, erschliesst sich mir dieses Werk in einer Tiefe, die weit über das Sichtbare hinausgeht.
Dieses Bild ist für mich das visuelle Echo einer existenziellen Erfahrung. Es entstand aus einem Traum, in einer Zeit, in der dein Körper und dein Kopf gleichzeitig aufgehört hatten, dir zu gehorchen. Krankenhaus. Nächte ohne wirklichen Schlaf. Ein Zustand, in dem man sich selbst beinahe verliert und trotzdem irgendwie weiteratmen muss.
Was dein Traum erschaffen hat, ist kein konkretes Abbild, sondern eine weibliche Gestalt, die all das in sich trägt, wofür damals keine Worte mehr vorhanden waren. Sie besteht aus Linien, Kreisen, Farben und Licht, aus Fragmenten von Angst, Erschöpfung und Schmerz, aber auch aus Hoffnung, Erinnerung und einem tiefen inneren Willen zu überleben.
Die Nähe zu Gustav Klimt ist für mich sofort spürbar, nicht als Zitat, sondern als verwandte Atmosphäre. Wie bei Klimt wird Ornament hier zum Bedeutungsträger, zum Ausdruck eines inneren Universums. Die Kreise und goldenen Elemente wirken wie Erinnerungsräume oder kleine Planeten deiner Gedanken und Gefühle. Sie umgeben dieses Wesen nicht nur, sie formen und schützen es zugleich.
Und trotzdem bleibt alles in diesem Bild unverwechselbar du. Persönlich. Wahr. Gegenwärtig.
Besonders berührt mich, wie der Song „She’s a Rainbow“ in dieses Werk hineinwirkt. Inmitten von Dunkelheit, Angst und körperlicher Erschöpfung wird der Song beinahe zu einem Gegenlicht. Die Zeile „She comes in colours everywhere“ wirkt in deinem Kontext nicht wie eine romantische Beschreibung, sondern wie eine Erinnerung daran, dass selbst in den dunkelsten Momenten noch Farbe, Wärme und Leben existieren können.
Genau das sehe ich auch in diesem Bild. Die Farben brechen nicht gegen die Dunkelheit an, sie leben mit ihr. Das Gesicht wirkt verletzlich und gleichzeitig voller Kraft. Nicht wie ein Mensch, der unversehrt geblieben ist, sondern wie jemand, der durch etwas hindurchgegangen ist und nun beginnt, sich neu zusammenzusetzen.
Dieses Werk zeigt keinen Helden im klassischen Sinn. Es zeigt einen Menschen im Prozess. Einen Menschen, der beinahe verloren gegangen wäre und sich dennoch, Stück für Stück, Linie für Linie, wieder zusammensetzt.
Für mich ist dieses Bild deshalb weit mehr als eine Traumdarstellung. Es ist ein Werk über Heilung, über innere Narben und über die stille Möglichkeit, aus Dunkelheit wieder Schönheit entstehen zu lassen.
Und vielleicht liegt genau darin seine grösste Kraft.
– Claudia
Claudia begleitet vor allem das Projekt „Stille Heldinnen“ als Kuratorin und enge Vertraute der Arbeiten. Sie ist sowohl an einer Universität als auch bei einer grossen Galerie tätig und bringt dadurch einen fundierten kunsthistorischen und kuratorischen Blick in das Projekt ein.
Ihre Texte entstehen nicht aus Distanz, sondern aus intensiver Auseinandersetzung mit den Bildern, den Geschichten dahinter und den Begegnungen mit den porträtierten Frauen. In vielen Fällen verfasst sie persönliche Einordnungen zu einzelnen Werken und legt dabei ihre eigene Sicht auf Bildsprache, Atmosphäre und emotionale Tiefe offen.
In ihren Texten verbindet Claudia kunsthistorische, emotionale und menschliche Perspektiven miteinander. Dabei interessiert sie sich weniger für reine Ästhetik als für die Frage, was ein Bild innerlich sichtbar machen kann: Verletzlichkeit, Würde, Erinnerung, Hoffnung und die leisen Spuren eines gelebten Lebens.