Sibille

Vom Balkon aus höre ich die Kühe. Ihr Muhen kommt von unten herauf, dazwischen das helle, unregelmässige Klingen der Glocken. Ein Kuhkonzert, nicht ganz im Takt, aber vielleicht gerade deshalb schön.

Vor mir liegen Wiesen, dahinter die Hügel, weiter hinten die Berge, die sich in den wolkigen Himmel schieben. Ich sitze da, trinke Kaffee und halte die Tasse mit beiden Händen fest, als müsste ich mich an etwas Wärmendem verankern.

Ich bin für ein paar Tage im tiefen Emmental. Zur Erholung. Nach der ersten Runde Chemotherapie, vor der zweiten Serie. Ein Zwischenraum. Keine wirkliche Freiheit, aber eine Pause. Ein paar Tage ohne Spitalflur, ohne Infusion, ohne dieses ständige Rechnen in Terminen, Blutwerten und Wartezeiten.

Die Sonne kommt langsam.

Aber sie kommt.

Ich sage diesen Satz nicht laut. Vielleicht denke ich ihn nur. Vielleicht brauche ich ihn, weil er einfach genug ist, um wahr zu sein. Die Sonne kommt langsam. Mehr muss sie heute nicht leisten. Und ich auch nicht.

Hier ist alles still. Erst wirkt diese Stille freundlich. Dann wird sie grösser. Sie setzt sich neben mich, legt sich auf meine Schultern und beginnt, mir zuzuhören. Das ist das Schwierige an der Ruhe: Sie lässt einen nicht ausweichen. Man hört die Glocken, den Wind, den eigenen Atem. Irgendwann hört man auch die Gedanken, die man lieber nicht hören möchte.

Nichts mit sich selbst anzufangen zu wissen ist wie ein selbst gebautes Gefängnis. Man steckt fest in diesem einen Körper, den man sich nicht ausgesucht hat und der sich plötzlich fremd anfühlt. Ein Körper, der behandelt wird, untersucht, gewogen, vermessen, angeschaut. Ein Körper, der funktionieren soll und manchmal einfach nicht mehr weiss, wie das geht.

Man sitzt an einem Ort, den man sich zur Erholung ausgesucht hat, und weiss trotzdem nicht, wohin mit sich. Manchmal überzieht einen eine Gänsehaut, manchmal ein wohliger Schauer, manchmal gar nichts. Aussen passiert wenig. Innen manchmal zu viel. Und dann wieder auch dort nichts.

Eigentlich müsste ich etwas tun. Lesen vielleicht. Aber Lesen ist zu anstrengend. Schreiben wäre zu nah an mir selbst. Spazierengehen ist möglich, aber schon der Gedanke daran verlangt eine Entscheidung, und Entscheidungen sind an manchen Tagen schwerer als ganze Berge. Gespräche mit anderen Menschen wären vielleicht gut, aber manchmal ist selbst ein freundliches Wort zu viel. Also sitze ich da und starre in die Luft. Nicht unglücklich genug, um zu weinen. Nicht leicht genug, um mich frei zu fühlen.

Vielleicht ist Erholung nicht das, was ich dachte. Vielleicht ist sie kein schöner Zustand, in den man einfach hineinfindet. Vielleicht ist sie zuerst ein Aushalten. Ein Herumsitzen im eigenen Körper. Ein Warten darauf, dass innen und aussen für einen Moment denselben Rhythmus finden.

Unten steht ein einzelnes Huhn zwischen den Autos. Die Kühe kauen. Die Glocken klingen. Die Hügel tun so, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Ich beneide sie darum.

Und doch ist da etwas. Ein kleiner Abstand. Ein Atemzug, der tiefer geht als der vorherige. Ein Moment, in dem die Schwere nicht verschwindet, aber ein wenig von mir abrückt. Nicht weit. Nur gerade so weit, dass ich sie nicht direkt im Nacken spüre.

Vielleicht genügt das für heute.

Als ich später aufstehe und langsam herumgehe, suche ich mir Wege, auf denen mir möglichst niemand begegnet. Keine Gespräche, keine Erklärungen, kein tapferes Lächeln. Nur Gras, Holz, Himmel, Kuhglocken. Ich gehe nicht weit. Aber ich gehe.

Und als ich zurückkomme, weiss ich nicht, ob es besser ist. Vielleicht ist es nicht besser. Vielleicht ist es nur anders.

Aber die Sonne ist inzwischen da.

Sie liegt auf den Wiesen, auf den Hügeln, auf meinen Händen. Sie macht nichts heil. Sie verspricht auch nichts. Aber sie ist da.

Sibille habe ich mehrmals getroffen und dabei zunächst einige Skizzen erstellt. Das endgültige Bild ist erst später entstanden. Nicht sofort, sondern nach und nach, mit etwas Abstand. Erst als sie mir von ihrem Aufenthalt im tiefen Emmental erzählte, von diesen Tagen der Erholung nach der ersten Chemotherapie und vor der nächsten Serie, fand auch der Text seine eigentliche Form.

Ursprünglich war der Text anders angelegt. Erst durch Sibilles Erzählungen habe ich ihn umgeschrieben, näher an ihre Sicht, näher an ihre Worte, näher an dieses Gefühl von Stille, Erschöpfung, innerem Feststecken und dennoch Weitergehen.

Das Bild selbst begann als Graphitzeichnung. In mehreren Schritten wurde es weiter verdichtet und schliesslich mit Tusche verfeinert, nicht ohne Widerstand, eher in einem kleinen Kampf mit dem Material. Gerade dadurch bekam es für mich die Spannung, die ich in Sibille sehe: Verletzlichkeit und Klarheit, Müdigkeit und Standhaftigkeit.

Auch das Format weicht in diesem Fall bewusst von meinen üblichen Porträtformaten ab. Die aufrechte, fast stille Frontalität gibt Sibille Raum. So konnte ich ihre Kraft, ihre Haltung und diese besondere Standfestigkeit zeigen, ohne sie lauter machen zu müssen, als sie ist.

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Kathie

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Naomi