Kathie

Dieser Text ist nach Gesprächen mit Kathie entstanden. Heute berührt er mich noch einmal auf besondere Weise, weil Kathie ihre Krebserkrankung überstanden hat und auch die zweite Nachkontrolle ein Jahr später gut verlaufen ist – sie ist krebsfrei.

Wenn ich den Text jetzt lese, erscheinen viele seiner Bilder in einem anderen Licht. Was von Liebe, Glück, Stille, Schmerz und dem ständigen Schwanken zwischen Halt und Abgrund erzählt wird, trägt auch etwas von ihrem Weg in sich. Da ist Verletzlichkeit, Erschöpfung, das Ausgeliefertsein an den eigenen Körper, aber ebenso eine grosse innere Kraft, ein Festhalten am Leben und an dem, was bleibt, wenn alles andere ins Wanken gerät.

Gerade in seiner poetischen Zerrissenheit erzählt der Text von einem Zustand, den man nicht einfach erklären kann: von Angst und Hoffnung, von Nähe und Verlust, von Momenten des Glücks, die fast unwirklich wirken, gerade weil sie neben Schmerz und Unsicherheit bestehen. Vor dem Hintergrund von Kathies Geschichte wird daraus mehr als nur dieser Text. Es wird zu einem Echo dessen, was sie durchlebt hat und zu einem stillen Zeugnis dafür, dass sie heute hier ist, lebendig, gegenwärtig und krebsfrei.


Das Glück ist immer nur auf einer Seite

Meine krakelige Handerschrift auf deinem Rücken schrieb Gedichte und vergass die Absätze, sodass niemand sie verstand. Die Liebe trat auf wie etwas Vorzeigbares: geschniegelt, auf Hochglanz poliert, mit einem Lächeln, das zu hell war, um wahr zu sein. Sie stand mitten unter uns, und alle starrten sie an, als wäre sie ein Wunder, das sich freiwillig zur Schau stellte.

Sie hatte mich neu geboren und mir zugleich jeden Zusammenhang genommen. In der Abstraktion fand ich Wahrheiten, nach denen ich lange gesucht hatte, Wahrheiten, die sich im Geraden nie gezeigt hätten. Die Illusion schäumte auf der Zunge der Realität wie Brausepulver und machte die Welt für einen Augenblick leicht. Den Glücklichen stand das gut.

Wir sassen schweigend im Gras. Die Hitze hielt uns zwischen ihren dürren Fingern und sah uns dabei zu, wie wir uns gegenseitig anhimmelten. Niemand sagte etwas. Das stille Einverständnis stand zwischen uns und breitete die Arme aus. Von Zeit zu Zeit fügten sich die Umstände so genau ineinander, dass man glauben konnte, sie seien eigens für diesen Moment gemacht.

Dann, ohne Vorwarnung, rieben wir uns wund aneinander. Die Zeit erwies sich einmal mehr als etwas, das nur grosszügig war, wenn man sie nicht brauchte. In ihrer erbärmlichen Subjektivität schien sie sich selbst die Augen auszukratzen, und wir standen daneben und sahen ihr beim Bluten zu. Du fragtest, warum wir nicht einfach sein könnten, und ich sagte, weil nichts davon einfach sei. Später liessen wir unsere Hände los, verliessen einander und gingen nicht mehr in dieselbe Richtung.

Es gab Tage, an denen ich deine Hand nehmen und mit dir verschwinden wollte. Und es gab andere, an denen ich dich an der nächsten Ecke hätte stehen lassen mögen, um allein weiterzugehen. Doch die Stille zerrte an mir. Sie war nicht sanft. Sie packte mich beim Schopf, schlug ihre Nägel in meine Kopfhaut und warf mich zu Boden. Sie befahl mir, sitzen zu bleiben und abzuwarten. Ich wusste nicht, wie mir geschah, und tat, was sie verlangte. Ich sass und wartete. Die Stille sagte, man könne nicht immer vor allem davonlaufen. So schnell entsteht Vergangenheit.

Und dann erkannte ich plötzlich das Glück, mit einer Klarheit, die beinahe schmerzte. Es hatte eine feingliedrige Gestalt, die sich unter Tausenden hervorhob. Ich streckte die Hand nach ihm aus und strich ihm durchs Fell. Das Glück war ein wildes Tier. Es kam nur, wenn ich lange genug ruhig blieb, wenn ich leise war, wenn ich die Hand offen hielt, ohne es festhalten zu wollen. Es kam über Nacht. Eines Morgens stand es einfach da, hielt mir seine kalte Nase ins Gesicht und strich mit langen Wimpern über meine Wange.

Ich sagte, wir könnten hier nicht sitzen bleiben. Du sagtest, doch, genau das könnten wir, und vielleicht sei das alles, was Liebe bedeute.

Wir sassen am Rand von etwas, das sich wie ein Abgrund anfühlte, und liessen die Beine darüber baumeln. Eine Biene stach mir aus heiterem Himmel in den Fussrücken und fiel leblos zu Boden. Ich rieb einen Eiswürfel auf der Einstichstelle zu Wasser. Die Gänse standen auf dünnen Beinen, als hätten auch sie Mühe, ihr Gleichgewicht zu halten. Ich erzählte dir, dass ich seltsam träumte, dass ich jeden Morgen mit Bildern im Kopf aufwachte, von denen ich nicht wusste, woher sie kamen.

Als die Schwäne verschwanden, kehrten die Gänse zurück ans Wasser. Es waren so viele, dass wir bei dem Versuch, sie zu zählen, hätten alt und grau werden können. Zu Hause kochte ich Tee, und du standest am Fenster und erzähltest den Gänsen unsere Geschichte, als müsste man sie nur oft genug aussprechen, damit sie wahr blieb. Obwohl ich sie längst kannte, hörte ich dir zu, ohne müde zu werden.

Es gibt Geschichten, die immer zwei Seiten haben. Am nächsten Tag gingen wir hinaus und nahmen uns, was da war. Das Glück war immer nur auf einer Seite. Wir beobachteten den Regen und warfen Papierflieger auf die Strasse. Wir verteilten Ohrfeigen an all jene, die versuchten, uns in das eiskalte Wasser der Realität zurückzuziehen.

Auf meinem Arm bewegten sich tausend kleine Tiere. Du rührtest mich nicht an und sahst zu den Gänsen hinüber. Als ich nach deiner Hand griff, klebte ein zerquetschtes Insekt an meiner Fingerkuppe. Alles um uns herum war zugleich lächerlich und von unerträglicher Bedeutung.

Dann fiel neben uns ein kleines Mädchen vom Baum. Sein Bein stand in einem falschen Winkel vom Körper ab, und sein Wimmern drang auf schmerzhafte Weise in unser Universum ein. Verstört sprangen wir auf. Bis der Krankenwagen kam, standen wir unschlüssig da und traten von einem Bein aufs andere. Die Gänse fauchten und kamen näher. Das Mädchen weinte. Die Sonne brannte vom Himmel. Keine Wolke zog über uns hinweg. Du sahst auf meinen Arm und sagtest etwas über Sommersprossen, als wäre selbst in diesem Augenblick noch Platz für Schönheit. Das Glück, dachte ich, ist immer nur auf einer Seite.

Als ich wieder aufsah, waren die Gänse verschwunden. Das Mädchen war verschwunden. Die Sonne war verschwunden. Die Stille war zurückgekehrt wie ein schmerzlich vermisster Liebhaber: leise, vorwurfslos und wie immer viel zu spät.

Blut tropfte aus meiner Nase, aus meinen Ohren, aus jeder Öffnung meines Körpers. Nur nicht aus den Augen, sagtest du. Ich warf den Kopf in den Nacken. Das Schwindelgefühl hob die Schwerkraft auf und schleuderte den Fussboden in die Luft. Dann wurde alles still. Eine stumme Entrücktheit kroch in meine Poren und krallte sich dort fest. Während ich langsam aus diesem Augenblick verschwand, tropfte das Blut ins Leere. Versuch, mich einzufangen, dachte ich. Ich bin doch längst hier.

Schliesslich kam das Glück und holte uns ab. Wir gossen es über uns aus, berauschten uns daran wie Suchtkranke, badeten darin wie Könige. Ich hoffte, mich immer daran erinnern zu können, auch dann noch, wenn wir uns längst vergessen hätten. Bis dahin zwang uns das Glück, sitzen zu bleiben.

Epilog
Heute verstehe ich Kathie und ihre Geschichte viel besser. Die vielen Begegnungen mit den Stillen Heldinnen haben meinen Blick verändert, nicht auf den Text, sondern auf das, was Menschen in sich tragen, wenn sie durch Angst, Schmerz, Chemotherapie, Strahlentherapie, Operationen und das lange Warten hindurchgehen. Im Wissen um Kathies Weg treten die Bilder dieses Textes nicht anders, sondern deutlicher hervor. Der Abgrund, die Stille, das Schwanken, das Sitzenbleiben, das kaum greifbare Glück. All das berührt etwas, das ich aus diesen Begegnungen kenne.

Gerade deshalb lasse ich den Text bewusst so stehen, wie er heute ist. Nicht, weil er erklärt, sondern weil er andeutet. Nicht, weil er auflöst, sondern weil er etwas von jener inneren Wirklichkeit trägt, die sich oft nur in Bildern, Brüchen und Zwischenräumen zeigen lässt. Vielleicht liegt genau darin seine Wahrheit und vielleicht auch etwas von Kathies Geschichte: dass Stärke nicht laut sein muss und Glück manchmal einfach darin besteht, geblieben zu sein.

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