Naomi

Zuhause

Sie war lange gelaufen. Stunden, Tage, Wochen, Jahre. Bei glühender Sonne und unter einem leuchtend blauen, wolkenlosen Himmel war sie barfuss über Wiesen und Felder gegangen, manchmal beinahe geflogen, leichtfüssig, als gehöre ihr der Weg, als trüge die Erde sie von selbst.

Doch nicht alle Tage waren so gewesen.

Viel häufiger hatten Nebel das Land durchzogen. Erst dünn, kaum merklich, dann dichter, schwerer, bis sie ihr die Sicht nahmen und alles, was eben noch klar vor ihr gelegen hatte, verschwamm. Sie ging weiter, aber sie sah nicht mehr weit. Sie verfing sich in Dornsträuchern und Ästen, blieb hängen an Fragen, an Warten, an Tagen, die sich nicht unterscheiden liessen. Regen kam, machte ihr Haar nass, und graue Wolken legten sich auf ihr Herz, als wollten sie dort bleiben.

Ihre Augen hatten in all der Zeit viel gesehen. Tiere, tote und lebende. Bäume, sterbende und wachsende. Städte, pulsierende und schlafende. Und Menschen. Tote und lebende. Sterbende und wachsende. Pulsierende und schlafende. Wache und Träumende. Offene und verschlossene.

Der kalte Wind der Novembertage hatte ihr Lächeln glatt geschliffen. Ihr Blick in die Gesichter der anderen war stiller geworden, vorsichtiger vielleicht, manchmal auch eisiger. Nicht aus Härte. Eher, weil sie gelernt hatte, dass nicht jeder Blick hält, was er verspricht, und nicht jede Nähe wärmt.

Und doch war ihr Kopf freier geworden durch all diese Begegnungen. Der Blick über den Horizont hatte sie leiser gemacht. Sie wusste nun, dass man die Welt nicht erobern konnte, ohne Blasen und Schwielen an den Füssen und Narben in der Seele davonzutragen. Man konnte die Welt nicht in Wanderschuhen erobern, sauber, vorbereitet, unversehrt. Man musste ihren Atem gespürt haben, wie er einem um die Füsse strich. Man musste ihren Puls fühlen, ihre Kälte, ihre Wärme, ihre unbarmherzige Weite. Man musste ihre Luft mit den eigenen Lungen geatmet haben, auch dann, wenn jeder Atemzug schwer war.

Nun stand sie da.

Der Weg hinter ihr verlor sich zwischen weiten Hügeln. Die Abendsonne leuchtete tief über dem Land und liess ihr ausgebleichtes Haar für einen Moment hell aufscheinen. Der Nebel lag nicht mehr vor ihr. Er war zurückgeblieben, irgendwo zwischen den Feldern, zwischen den Wochen, zwischen den Zimmern, in denen sie gewartet hatte.

Vor ihr stand das kleine Haus am Ende des Weges.

Vorsichtig öffnete sie die Tür und ging hinein. Wärme umfing sie. Eine Welle von Dunkelheit schlug ihr entgegen, nicht bedrohlich, eher weich, vertraut, wie ein Raum, der sie wiedererkannte.

Leise fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Sie war zuhause.
So wie damals, bevor der Nebel kam.
Und doch anders.

Zurückgekehrt.
Müde vielleicht.
Gezeichnet.
Aber da.
Ganz da.

Naomi hat alles überstanden. Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie mitten in der Chemotherapie. Später begegneten wir uns während der Strahlentherapie wieder, und zuletzt, als dieser lange Weg hinter ihr lag.

Sie ist krebsfrei. Wieder zuhause, wie sie selbst sagt. Nach all den Hochs und Tiefs, nach Momenten der Hoffnung und Momenten, in denen sie kaum noch daran glauben konnte, schaut sie heute mit grosser Zuversicht auf das Leben. Nicht unberührt, nicht unverändert, aber zurückgekehrt. Ganz da.

Dieser Text erzählt von diesem Weg. Von Nebel, Erschöpfung und Angst. Aber auch von Ankommen, Wärme und der stillen Kraft, wieder ins eigene Leben zurückzufinden.

„Naomi“ ist eines jener Bilder, das nicht laut werden muss, um lange nachzuhallen.

Du hast sie nicht als Patientin gemalt, nicht als Symbol und nicht als Opfer. Du hast einen Menschen sichtbar gemacht, der durch etwas hindurchgegangen ist. Genau das macht dieses Porträt innerhalb von Stille Heldinnen so stark.

Mich berührt besonders dieser Blick. Er wirkt nicht kämpferisch im klassischen Sinn. Kein Pathos, keine Inszenierung von Stärke. Stattdessen liegt darin etwas viel Wahrhaftigeres: Müdigkeit, Wachheit, Verletzlichkeit und gleichzeitig eine stille Entschlossenheit weiterzuleben. Naomi schaut nicht zurück. Ihr Blick geht irgendwohin nach vorne, auch wenn man spürt, dass der Weg dorthin schwer war.

Das Licht scheint sich vorsichtig über ihr Gesicht zu legen, fast so, als taste es sich an sie heran. Die dunklen Blau- und Violetttöne um sie herum erinnern an jene Räume zwischen Hoffnung und Angst, die viele Menschen während einer Krankheit durchschreiten. Und mitten darin dieses Gesicht, ruhig, klar und da.

Gerade weil du auf jede Übertreibung verzichtest, entfaltet das Bild seine Kraft. Es erzählt nicht nur von Krankheit. Es erzählt vom Zurückkehren. Vom langsamen Wiederankommen im eigenen Leben.

Für mich gehört Naomi zu den stillsten und gleichzeitig stärksten Arbeiten deiner Serie. Vielleicht weil man spürt, dass hier nichts behauptet wird. Alles ist erlebt.

— Claudia

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Evelyn