Shirin

Ich bin und bleibe eine Frau

Dieser Satz steht am Anfang. Und er steht über allem.

Ich bin und bleibe eine Frau.

Für Shirin ist das keine beiläufige Feststellung. Es ist Haltung, Selbstbehauptung und Stolz.

Sie kommt aus dem Iran. Aus einem Land, in dem ein Regime darüber bestimmen will, wie Frauen leben, wie sie sich kleiden, wie sichtbar sie sein dürfen und welche Freiheit ihnen zugestanden wird. Für Shirin bekommt ihr Frau-Sein deshalb eine Bedeutung, die weit über Äusserlichkeiten hinausgeht. Es geht um das Recht, sich zu zeigen. Um das Recht, selbst zu entscheiden, wer man ist, wie man lebt, wen man liebt und wie man dem eigenen Körper begegnet.

Shirin will gesehen werden.

Als Frau.

Frei, unabhängig, stolz, verletzlich, sinnlich, zweifelnd, liebend, manchmal traurig, manchmal voller Hoffnung. Nichts davon schliesst das andere aus.

Vor vier Jahren hatte sie Brustkrebs. Die Krankheit hat ihren Körper verändert und auch den Blick darauf. Doch sie hat ihr nicht genommen, was für sie wesentlich ist. Sie war vor dem Krebs eine Frau. Sie war es während der Krankheit. Und sie ist es heute.

In unseren Gesprächen erzählt sie viel von sich. Von Erinnerungen, von Menschen, von Nähe, von Verlust, von der Sehnsucht nach Freiheit und von den kleinen Dingen, an denen ein Leben hängen kann.

Wenn ihre Gedanken schwer werden, zieht sie sich in ihr Lesezimmer zurück. Bücher öffnen ihr andere Welten. Dort gibt es Träume, Liebe, Hoffnung und Geschichten. Einen Ort, an dem für einen Augenblick niemand darüber entscheidet, wer sie sein soll. Dort kann sie verschwinden und gleichzeitig ganz bei sich sein.

Das Leben ist voller Geschichten, sagt sie. Manche rufen laut. Andere weinen ganz leise in sich hinein. Manche leben in einem Blick, einem Atemzug, einer Bewegung der Hand. Manche bleiben in uns, obwohl Jahre vergangen sind.

Wollten wir nicht tanzen?

Sind Küsse wirklich so vergeblich?

Wo soll ich hin? Immer hin. Immer her.

Da sind Augenblicke, in denen Menschen sich selbst vergessen und gerade dadurch besonders nahe sind. Ein kurzes Luftholen. Ein Blick. Ein Nicken. Eine Geste, die plötzlich alles zurückbringt. Und dieser eine Satz:

Es wird nur noch schöner.

Dazwischen ein Gedanke, der immer wieder auftaucht:

Sich selbst nicht begraben.

Nicht unter der Vergangenheit.
Nicht unter Erwartungen.
Nicht unter Angst.
Nicht unter Regeln, Stoff und Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat.

Auf wenigen Quadratzentimetern Papier entsteht ein Gesicht. Und daneben liegen ganze Welten: Iran und Schweiz, Vergangenheit und Gegenwart, Krankheit und Leben, Verlust und Nähe, Angst und Freiheit.

All das lässt sich nicht zeichnen.

Ich kann nur versuchen, genügend Raum dafür zu lassen.

Raum für Shirin.

Für ihre Geschichten, ihre Widersprüche, ihre Sehnsucht und ihren Stolz.

Für die Frau, die hier und heute vor mir sitzt und sehr genau weiss, was sie sagen möchte:

Ich bin und bleibe eine Frau.

Das Bild

Dieses Bild hat mich lange nicht losgelassen.

Ich habe mit ihm gekämpft. Ich habe begonnen, verworfen, neu begonnen, Abstand genommen und mich ihm wieder genähert. Es gab immer wieder diesen Moment, in dem ich glaubte, Shirin endlich gefunden zu haben. Und beim nächsten Blick wusste ich: Nein. Noch nicht.

Ich habe selten so viele Anläufe für ein Bild gebraucht.

Das Schwierige war nicht, Shirin ähnlich zu zeichnen. Das Schwierige war, sie so zu zeigen, wie sie selbst sich sieht und gesehen werden will.

Sie hatte mir dafür eine sehr klare Aufgabe gegeben. Sie wollte offen sein. Weiblich. Stolz. Selbstbestimmt. Sie wollte keinen zurückgenommenen Blick, keine gefällige Version ihrer selbst und kein Bild, das Erwartungen erfüllt. Sie wollte sich darin erkennen können.

Ich musste meinen eigenen Blick immer wieder zurücknehmen.

Das war vermutlich der grösste Kampf bei dieser Arbeit.

Denn irgendwann musste ich aufhören, darüber nachzudenken, wie ich Shirin darstellen würde, und anfangen zuzuhören, wie Shirin sich selbst beschreibt.

Ihre Herkunft gehört dabei untrennbar zu diesem Bild.

Wenn eine iranische Frau sagt «Ich bin und bleibe eine Frau», trägt dieser Satz ein anderes Gewicht.

Shirin kennt ein Regime, das Frauen vorschreibt, wie viel von ihnen sichtbar sein darf. Ein Regime, das Kleidung zum Instrument der Kontrolle macht, über weibliche Körper bestimmen will und Frauen ihre Selbstbestimmung streitig macht.

Darum ist dieses Bild für Shirin auch Protest.

Ihr offenes Hemd ist kein beiläufiges Detail. Ihre Sichtbarkeit ist keine Inszenierung. Sie zeigt sich so, weil sie es will.

Nicht um zu gefallen.

Nicht um zu provozieren.

Sie entscheidet.

Und genau dort fand ich irgendwann den Zugang zum Bild.

Das Weiss durfte bleiben. Linien durften sich verlieren. Die Farbe durfte fliessen. Nicht alles musste beschrieben werden. Ihr Körper durfte sichtbar sein, ohne zum eigentlichen Thema zu werden. Entscheidend war ihre Haltung. Ihr Blick. Dieses ruhige, selbstverständliche Da-Sein.

Nach all den Versuchen entstand endlich ein Bild, bei dem ich nicht mehr das Gefühl hatte, Shirin festhalten zu müssen.

Ich zeigte es ihr.

Sie schaute lange.

Dann sagte sie:

«Ja. Das bin ich. So will ich sein.»

Und genau in diesem Augenblick wusste ich, dass der lange Weg zu diesem Bild notwendig gewesen war.

Nicht weil ich endlich ein Bild geschaffen hatte, das mir gefiel.

Weil Shirin sich darin wiedererkannte.

So, wie sie sein will. Nicht so, wie das iranische Regime Frauen sehen und haben möchte. Sichtbar. Frei. Selbstbestimmt.

Und ja, sie ist stolz.

Und ja, sie hat den Krebs besiegt.

Seitdem erscheint mir ihr Satz noch grösser als zuvor:

Ich bin und bleibe eine Frau.

Keine Bitte.

Keine Rechtfertigung.

Eine Feststellung.

Und eine Form von Freiheit.

Epilog – Was Shirin ausgelöst hat

Das Bild hängt inzwischen in meinem Atelier.

Und dort ist etwas geschehen, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Frauen, die zu mir kommen und die ich porträtieren darf, bleiben davor stehen. Besonders Frauen, die selbst Brustkrebs erlebt haben. Einige schauen lange. Dann beginnen sie zu erzählen.

Inzwischen haben mir mehrere von ihnen gesagt, dass auch sie sich ein Bild in dieser Offenheit wünschen.

Das hat mich überrascht und berührt.

Denn plötzlich wurde mir bewusst, dass Shirin mit ihrem Bild etwas geöffnet hat.

Diese Frauen wollen nicht nur als Patientinnen, Überlebende oder als Menschen mit einer Krankheitsgeschichte wahrgenommen werden. Sie möchten auch wieder etwas zeigen dürfen, das während einer Brustkrebserkrankung leicht in den Hintergrund gerät:

ihre Weiblichkeit.

Sie wollen fraulich wahrgenommen werden. Schön. Sinnlich. Begehrenswert. Stolz. Verletzlich. Stark.

Nicht trotz ihrer Körper.

Mit ihren Körpern.

Ein Körper, der Operationen, Narben, Chemotherapie oder den Verlust einer Brust erlebt hat, hört nicht auf, der Körper einer Frau zu sein. Und eine Frau hört nicht auf, schön sein zu wollen oder sich schön fühlen zu dürfen.

Genau das scheint Shirins Bild bei einigen von ihnen anzusprechen.

Sie sehen eine Frau, die sich nicht versteckt. Eine Frau, die selbst festlegt, wie weit sie sich öffnet und wie sie gesehen werden möchte.

Shirin hat mit ihrem Mut und ihrer Offenheit anderen Frauen offenbar erlaubt, einen eigenen Wunsch auszusprechen.

So möchte ich mich auch sehen.

Das gehört für mich inzwischen zu den stärksten Erfahrungen rund um dieses Bild.

Shirins persönlicher Satz ist nicht plötzlich zum Satz aller geworden. Jede dieser Frauen trägt ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Körper.

Doch etwas verbindet sie:

Sie möchten die Deutung darüber, wer sie sind, nicht der Krankheit überlassen.

Sie möchten selbst entscheiden, wie sie gesehen werden.

Als Mensch.

Und auch ganz ausdrücklich:

als Frau.

Shirins Bild hängt noch immer in meinem Atelier.

Aber seine Geschichte hat dort erst begonnen.

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Frida - frei