Lisha
Echt
Manchmal beginnt eine Begegnung lange bevor zwei Menschen sich zum ersten Mal gegenübersitzen. Bei Lisha begann sie mit meinen Bildern von Frida Kahlo. Sie hatte sie gesehen, war darüber auf meine Arbeiten gestossen und später auch auf die «Stillen Heldinnen». Irgendetwas darin hatte sie berührt. So sehr, dass sie mir schrieb. Sie wollte unbedingt ein Bild von mir, und als wir uns schliesslich trafen, begann sie zu erzählen.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was hinter diesem offenen, wachen und gleichzeitig so ruhigen Menschen lag. Lisha war 21 Jahre alt, als sie an Krebs erkrankte. Ein Alter, in dem man davon ausgeht, dass noch alles vor einem liegt. Man macht Pläne, probiert sich aus, verliebt sich, verliert sich, beginnt wieder von vorne und hält das eigene Leben noch für nahezu grenzenlos. Eine schwere Krankheit gehört in diesem Alter nicht zu dem, was man für sich selbst vorgesehen hat. Und doch war sie plötzlich da und veränderte alles.
Lisha hat diese Zeit durchgestanden. Heute ist sie 33 Jahre alt, gesund und voller Optimismus. Wenn sie von ihrem Leben erzählt, tut sie das nicht mit Bitterkeit und auch nicht mit jener künstlichen Überhöhung, die aus jeder überwundenen Krise im Nachhinein eine Heldengeschichte machen möchte. Sie erzählt viel einfacher. Und gerade deshalb bleibt so vieles hängen.
Ein Satz von ihr begleitet mich besonders:
«Mein Leben war kein Teeniefilm. Es war chaotisch, manchmal dramatisch, voller lustiger Momente und voller Trauer. Manchmal auch voller Albernheiten, die es niemals in einen Film schaffen würden. Aber mein Leben war vor allem eines: echt. Und das war so viel mehr wert als jeder Traum.»
Echt.
Dieses eine Wort beschreibt für mich sehr viel von dem, was ich in Lisha sehe.
Da ist eine Frau, die nichts beschönigen muss. Eine Frau, die weiss, dass ein Leben nicht nur aus den grossen Wendepunkten besteht. Es besteht aus unzähligen kleinen Augenblicken, aus Nähe und Entfernung, Freude und Verlust, aus Dingen, die wir im Moment kaum wahrnehmen und die Jahre später plötzlich eine ungeheure Bedeutung bekommen. In unseren Gesprächen ging es deshalb irgendwann längst nicht mehr nur um ihre Krankheit. Es ging um das Leben selbst.
Lisha erzählte mir, dass sie jedes Mal, wenn sie einen Ort verlassen muss, an dem sie sich wohlgefühlt hat, das Gefühl bekommt, etwas von sich dort zurückzulassen. Dieser Gedanke ist mir geblieben. Denn wahrscheinlich tun wir genau das unser ganzes Leben lang. Ganz unabhängig davon, ob wir wie Marco Polo durch die Welt reisen oder unser ganzes Leben am selben Ort verbringen. Wir lassen immer wieder etwas zurück. An einem Haus, an einer Strasse, in einem Zimmer, bei einem Menschen, in einem bestimmten Licht, an einem Sommertag, den wir damals für vollkommen gewöhnlich hielten.
Ein Moment entsteht, ein anderer vergeht. Etwas beginnt, etwas endet. Damit Neues wachsen kann, muss anderes verblühen. Das klingt selbstverständlich, doch wir leben meistens, als würden die Dinge bleiben.
Wir wissen bei so vielem sehr genau, wann es zum ersten Mal geschehen ist. Das erste Mal Fahrrad fahren. Der erste Schultag. Die erste Reise. Der erste Kuss. Solche Anfänge schreiben sich in uns ein.
Aber fast nie wissen wir, wann etwas zum letzten Mal geschieht.
Lisha fragte sich, warum das so ist. Warum wir das erste Mal so aufmerksam registrieren und das letzte erst viel später erkennen. Was wäre, wenn wir wüssten, dass ein bestimmter Morgen der letzte Morgen an einem vertrauten Ort ist? Dass wir einen Menschen gerade zum letzten Mal umarmen? Dass wir zum letzten Mal durch eine bestimmte Tür gehen oder zum letzten Mal in einem Klassenzimmer sitzen?
Würden wir langsamer werden?
Genauer hinsehen?
Würden wir versuchen, den Augenblick noch ein wenig länger festzuhalten?
Es ist wohl gut, dass wir es meistens nicht wissen. Ein Leben wäre kaum auszuhalten, wenn wir jedes Ende schon im Moment seines Geschehens erkennen würden. Und trotzdem liegt etwas sehr Berührendes in dieser Frage. Sie erinnert daran, wie viel von unserem Leben geschieht, während wir glauben, es sei einfach nur Alltag.
Als ich Lisha malte, dachte ich oft an unsere Gespräche zurück. An ihr Verhältnis zum Abschied, an diese kleinen Geburten und Tode, die in jedem Leben stattfinden, ohne dass jemand sie ankündigt. Bald wird auch für sie wieder ein solcher Übergang kommen. Sie wird in ihre Heimat Südafrika zurückkehren. Ein Aufbruch und zugleich ein Abschied. Wieder wird sie einen Ort verlassen, an dem etwas von ihr zurückbleiben wird. Und gleichzeitig wird sie etwas mitnehmen, das in keinen Koffer passt.
Auf dem Bild sitzt ein Papagei auf ihrer Schulter. Er ist eine kleine Erinnerung an Frida Kahlo und damit auch an den Grund, weshalb Lisha und ich uns überhaupt begegnet sind. Ohne Frida hätte es dieses Treffen, diese Gespräche und wohl auch dieses Bild nicht gegeben.
Für einen kurzen Moment ist alles ruhig.
Es ist kein Triumphbild. Kein Bild, das sagen will: Seht her, sie hat gewonnen. Für mich zeigt es etwas viel Leiseres: einen Augenblick vollkommenen Daseins.
Lisha ist einfach da.
Nicht als ehemalige Krebspatientin. Nicht als Frau, deren Geschichte zuerst über eine Krankheit erzählt werden muss. Nicht als jemand, der beweisen muss, wie stark er ist.
Sie ist Lisha.
Eine 33-jährige Frau, gesund, optimistisch und neugierig auf das, was noch kommt. Eine Frau, deren Leben chaotisch war und lustig, traurig und albern, dramatisch und leicht. Die Dinge verloren und andere gefunden hat. Die Abschiede kennt und trotzdem weitergeht. Die weiss, dass ein neues Kapitel nicht bedeutet, dass alles Vorherige verschwinden muss.
Genau das berührt mich an ihr besonders.
Sie trägt ihre Geschichte, aber sie trägt sie nicht wie eine Last, die alles andere verdeckt. Sie gehört zu ihr, wie all die anderen Geschichten auch. Die schönen, die schmerzhaften, die absurden, die kleinen. Sie darf bleiben, ohne darüber zu bestimmen, was als Nächstes kommt.
Wenn ich heute auf dieses Bild schaue, sehe ich deshalb vor allem diesen einen Augenblick. Wärme auf der Haut. Geschlossene Augen. Das Blau des Kleides. Das Grün. Ein Tier, das vertrauensvoll auf ihrer Schulter sitzt. Ein kurzer Moment, der entsteht und gleich darauf wieder vergeht.
Darin liegt etwas von dem Leben, von dem Lisha gesprochen hat.
Wir können nicht alles festhalten. Wir können nicht jeden Abschied erkennen, bevor er geschieht. Wir wissen nicht, welches erste Mal irgendwann ein letztes Mal nach sich ziehen wird. Wir lassen an vielen Orten etwas von uns zurück und tragen zugleich Teile dieser Orte weiter in uns.
Bald wird Lisha nach Südafrika zurückkehren. Ein neuer Anfang, der auch ein Abschied ist. Ich wünsche ihr, dass sie sich diese Offenheit bewahrt, mit der sie mir ihre Geschichte erzählt hat. Diesen Blick auf ein Leben, das nicht perfekt sein muss, um kostbar zu sein.
Kein Teeniefilm.
Kein sorgfältig geschriebenes Drehbuch.
Keine Geschichte, in der jede Szene einen Sinn ergeben muss.
Ein wirkliches Leben.
Und am Ende bleibt für mich genau dieses eine Wort, das Lisha selbst dafür gefunden hat:
Echt.