Sophia
Leben heisst Staunen
Sophia kommt aus dem Emmental, weit hinten, dort, wo die Täler enger werden, die Hügel höher und der Himmel noch ein wenig grösser zu sein scheint. Sie hat mir geschrieben. Zurzeit geht sie durch die Chemotherapie und fährt dafür regelmässig nach Bern ins Inselspital. Stunden auf einem Stuhl in der Onkologie, angeschlossen an einen Schlauch, während die Infusion langsam in ihren Körper läuft und die Gedanken irgendwohin wandern müssen.
Wir haben uns getroffen. Danach entstand diese erste Skizze mit Graphit auf Papier. Grob, schnell, noch weit entfernt von einem fertigen Bild. Es ist eher eine Annäherung, ein erster Eindruck von Sophia. Ich wollte vor allem ihre Augen festhalten, so gut es mir in diesem ersten Versuch möglich war. Denn ihre Augen sind das, was mir von unserer Begegnung am stärksten geblieben ist.
Sie sind hell und strahlend. Und ihre Schatten sind lang und dunkel.
Dieser Widerspruch beschäftigt mich. Sophia spricht über die Chemotherapie, über die Fahrten nach Bern, über das Sitzen und Warten, ohne dass ihre Worte von Schwere beherrscht werden. Ihre Krankheit ist da. Sie braucht sie weder kleiner zu machen noch mit grossen Worten zu überdecken. Gleichzeitig scheint in ihr etwas zu leben, das sich dieser Dunkelheit immer wieder entzieht.
Sie erzählte mir auch, wohin ihre Gedanken gehen, wenn sie in der Onkologie liegt. Ich habe ihre Worte später aus der Erinnerung aufgeschrieben. Nicht als wörtliches Zitat, eher als das Bild, das nach unserem Gespräch in mir zurückgeblieben ist.
Wenn die Infusion läuft und um sie herum die Geräusche der Onkologie sind, denkt sie an die Herbstabende bei dem kleinen Haus im Emmental. An die Felder und an diesen unglaublich weiten Horizont, der sie dort von allen Seiten umgab. Sie erinnert sich daran, wie sie sich drehen konnte und überall Himmel war. Hinter ihr sank die Sonne langsam tiefer, vor ihr lag zunächst ein dunstiges Rosa, das allmählich in ein sehr helles, beinahe durchsichtiges Blau überging. Für einige Minuten schien dieses Licht kein Ende zu kennen.
Im Westen wurde das Land bereits dunkel. Die Felder lagen fast schwarz unter einer schmalen, orangefarbenen Linie am Horizont. Doch schon eine kleine Drehung veränderte alles. Die Landschaft bekam wieder Konturen. Die wenigen Bäume, die umgepflügten Felder, die Hügel in der Ferne. Alles wurde weich, als würde der Tag noch einmal kurz innehalten, bevor er verschwand. Über den Feldern blieb ein letzter Widerschein, bis auch er langsam verblasste und die Dunkelheit kam.
Und genau darin, sagte sie, lag etwas Beruhigendes. Für diese wenigen Augenblicke musste nichts geschehen. Nichts entschieden, nichts erklärt, nichts überwunden werden. Der Himmel wurde dunkel, der Tag ging zu Ende, und die Seele durfte einfach still werden.
Dann sagte sie diesen Satz, der mir geblieben ist:
Leben, denke ich, heisst Staunen.
Ich habe lange über diese Worte nachgedacht.
Leben heisst Staunen.
Nicht gewinnen. Nicht ununterbrochen kämpfen. Nicht beweisen müssen, wie stark man ist. Staunen über einen Himmel, der seine Farbe verändert. Über einen einzelnen Augenblick, der schön bleibt, obwohl ringsherum vieles schwer geworden ist. Über das Licht, das noch da ist, während am Horizont bereits die Dunkelheit beginnt.
Sophia ist voller Zuversicht und Optimismus. Dabei wirkt nichts an ihr aufgesetzt. Sie weiss sehr genau, was mit ihr geschieht. Sie kennt die Angst und die Unsicherheit. Und trotzdem schaut sie weiter. Nicht über das Schwere hinweg. Sie schaut hindurch und entdeckt dahinter noch immer etwas, das sie berührt.
Ich staune über sie.
Beim Zeichnen bin ich immer wieder bei ihren Augen gelandet. Ich habe versucht, wenigstens etwas von dem festzuhalten, was ich darin während unserer Begegnung gesehen habe. Sie erinnern mich an helles, klares Wasser. An Wasser, in das man hineinblickt und zunächst glaubt, den Grund sehen zu können. Es wirkt ruhig, beinahe vertraut. Man hat keine Angst davor, darin unterzugehen.
Doch je länger man hinsieht, desto mehr verändert sich dieser Eindruck. Unter der Helligkeit beginnt eine Tiefe, deren Ende nicht zu erkennen ist. Fast wie das Meer: oben Licht, Klarheit und Bewegung, darunter eine unermessliche Dunkelheit. Man könnte sich darin verlieren, weit hinabgezogen werden und irgendwann nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.
Genau diese beiden Seiten sehe ich in Sophias Blick.
Licht und Tiefe.
Zuversicht und Angst.
Das Sichtbare und all das, was darunter liegt.
Fast wie in jenem Emmentaler Sonnenuntergang, von dem sie erzählt hat. Im Westen ist die Landschaft bereits beinahe schwarz. Doch eine kleine Bewegung genügt, und plötzlich werden die Felder wieder sichtbar. Die Bäume bekommen Konturen. Ein Rest Licht liegt noch über dem Land.
Diese erste Zeichnung ist deshalb kein fertiges Porträt. Sie ist eine Begegnung auf Papier. Graphit, wenige Linien, dunkle Flächen, ein Gesicht, das an einigen Stellen beinahe wieder im Weiss des Papiers verschwindet.
Und ihre Augen.
Vor allem ihre Augen.
Ich werde Sophia noch einmal malen. Das nächste Bild darf sich mehr Zeit nehmen. Ich weiss noch nicht, welche Form es annehmen wird. Doch ich weiss, wonach ich suchen werde.
Nach dieser Helligkeit in ihrem Blick. Nach der Tiefe darunter. Nach einem Stück jenes weiten Emmentaler Himmels, den sie vor sich sieht, während sie in Bern in der Onkologie sitzt und die Infusion durch den Schlauch in ihren Körper fliesst.
Nach diesem kurzen Augenblick, in dem nichts verlangt wird und die Seele ruhig werden darf.
Und nach dem Satz, den Sophia mir hinterlassen hat:
Leben heisst Staunen.