Kathrin
Ein neues Kapitel
18 Monate nach dem Ende ihrer Krebstherapie sitzt Kathrin im Starbucks am Hirschengraben. Sie war vorher im Inselspital zur Nachkontrolle. Eigentlich ist alles vorbei. Eigentlich beginnt jetzt etwas Neues. Und doch fühlt es sich nicht nach Anfang an. Eher nach einem Brennen in den Augen, nach einem neuen Schmerz, nach dieser seltsamen Art von Müdigkeit, die bleibt, auch wenn die grossen Kämpfe längst hinter einem liegen.
Seit einer Stunde sitzt sie auf diesem Metallstuhl, einer kleinen Ausgeburt der Sitzmöbelhölle. Als sie ankam, war kein anderer Platz mehr frei. Nun rückt sie näher an den Tisch heran, zieht den Rücken gerade, hebt das Kinn und schaut nach draussen, als liesse sich dort irgendetwas erkennen, das in ihr selbst gerade noch keinen Namen hat. Auf der Bank vor dem Fenster steht ein Blumenstrauss. Ein einzelnes Tram fährt vorbei und verschwindet hinter der Strassenecke. Für einen Moment legt sie die Hand über die Augen, als wollte sie in die Ferne sehen. Dabei ist fern hier kaum mehr als fünf Meter und eine Tramhaltestelle entfernt.
Manchmal fragt sie sich, was sichtbar würde, wenn die Innenseiten der Augenlider Gedanken spiegeln könnten. Vielleicht wären dort Müdigkeit und Sehnsucht. Vielleicht Wut. Vielleicht einfach nur diese grosse Erschöpfung, die sich nicht vertreiben lässt. Die Kaffeemaschine zischt. Sie öffnet die Augen wieder. Draussen laufen Menschen mit verwehten Frisuren vorbei. Es ist windig, ein wilder Tag, Jacken flattern, als wollten sie sich von ihren Besitzern losreissen. Dunkle Wolken ziehen auf, alle werden schneller, als liesse sich der Regen austricksen, wenn man nur hastig genug weitergeht. Doch je schneller sie rennen, desto mehr verschwimmen sie zu einer einzigen bewegten Farbe hinter der Scheibe.
Das Hinterhältige am Leben ist, denkt sie, dass es den Schlüssel zu allem, wonach man sich sehnt, ständig bei sich trägt und ihn doch nie dann hervorholt, wenn man danach fragt. Je grösser die Sehnsucht, desto weiter entfernt sich alles. Und sobald man aufhört zu hoffen, aufhört zu wollen, aufhört innerlich die Hand auszustrecken, steht das Leben plötzlich vor einem, als wäre nichts gewesen, baut ein Buffet auf und fragt höflich, ob man mit den Vorspeisen beginnen oder gleich zum Dessert gehen möchte. Und am liebsten würde man mit einem einzigen Ruck das Tischtuch herunterziehen und alles zu Boden reissen. Freundschaft, Liebe, Hoffnung, Glück; alles nichts als Fertiggerichte auf einer billigen Wachstischdecke. Aber das Leben lächelt nicht einmal dabei. Also bleibt nur, sich innerlich aufzurichten und ihm entgegenzuhalten: Ich habe keinen Hunger mehr.
Draussen hupt ein Auto. Irgendwo regnet es schon. Kathrin schaut der untergehenden Sonne zu, die sich zwischen Wolken und Fensterscheibe für einen Augenblick doch noch behauptet. Vieles ist ihr in den vergangenen Monaten abhandengekommen. Unbefangenheit zum Beispiel. Diese Zeit, in der man lebt, ohne ständig an den nächsten Befund, den nächsten Schmerz, die nächste Unsicherheit zu denken. Sie ging schneller vorbei, als sie ahnen konnte. Dafür begann etwas anderes: die Zeit des Bedenkens. Die Zeit, in der jeder neue Schmerz sofort eine Bedeutung bekommt. In der jedes Brennen in den Augen eine Erinnerung weckt. In der man sich selbst nicht mehr unbefangen über den Weg traut.
Sie ist müde. Müde vom Hin und Her der letzten Monate. Müde vom Warten, vom Hoffen, vom Aushalten. Müde vom Reden zwischen den Zeilen und vom Schweigen dazwischen. Müde vom Vermissen des alten Lebens und vom Versuch, sich gegen die eigene Angst zu schützen. Müde auch von dem Gedanken, immer wieder erklären zu müssen, warum nach aussen alles geordnet aussehen kann, während innen noch lange nichts wieder an seinem Platz ist.
Und dennoch sitzt sie hier. Das ist vielleicht das Eigentliche. Nicht heroisch, nicht laut, nicht versöhnt. Aber da. Mit all dem, was geblieben ist. Mit dem, was sich verändert hat. Mit dem Wissen, dass ein neues Kapitel nicht einfach dort beginnt, wo das alte endet. Man trägt die vergangenen Seiten mit hinein. Manchmal wie einen Schatten. Manchmal wie eine Narbe. Und manchmal wie einen Satz, den man sich selbst erst langsam zu glauben erlaubt.
Vor ihr steht die leere Kaffeetasse. Neben ihr liegt ein Keks, den sie schliesslich doch noch isst, obwohl die Schokolade ihr den Mund verklebt. Der Reissverschluss ihrer Jacke klemmt kurz, als wolle selbst er ihr sagen, dass nichts mehr ganz mühelos aufgeht. Sie packt ihr Buch ein, wünscht dem Mann hinter dem Tresen einen schönen Abend, öffnet die Tür und geht die drei Stufen hinunter auf die Strasse. Vor der Ampel bleibt sie stehen und wartet.
Nicht auf ein Wunder. Nicht auf Erlösung. Vielleicht einfach nur auf Grün.
Dieses Bild von Kathrin entstand nach einer Begegnung im Wartezimmer des Spitals, 18 Monate nach dem Ende ihrer Krebstherapie. Während sie auf die Nachkontrolle warteten, erzählte sie mir, wie es ihr seither ergangen ist. Es waren keine grossen Erzählungen, eher Gesprächsfetzen, Gedanken, Müdigkeit, vorsichtige Sätze über das Danach. Ich habe sie skizziert, während wir warteten, und die Worte in mein Notizbuch geschrieben.
Später habe ich sie im Regen gemalt. Vielleicht, weil sich genau darin etwas von dem wiederfand, was zwischen ihren Sätzen lag: Erschöpfung, Nachhall, Verletzlichkeit und zugleich dieses stille Weitergehen. Der Regen verbirgt nichts, er legt frei.