Barbara
Die leise Rückkehr zu mir
Eines Morgens wachte ich auf und hatte das Gefühl, mir selbst abhandengekommen zu sein. Nicht so, wie man etwas verlegt oder vergisst, nicht wie einen Gegenstand, der plötzlich fehlt. Es war leiser, tiefer. Mein Körper war da, alles an seinem Platz, mein Spiegelbild sah aus wie immer und doch fehlte etwas.
Ich ging durch die Wohnung, sah in jeden Raum, suchte in Gewohnheiten, in Gedanken, in Erinnerungen. Alles war wie zuvor. Und trotzdem war ich es nicht mehr. Also ging ich hinaus. Ich sprach Menschen an, suchte in Gesichtern, in Stimmen, in der Bewegung der Stadt. Niemand wusste etwas. Niemand hatte mein Ich gesehen.
Irgendwann setzte ich mich auf eine Schaukel und begann, mich zu vermissen. Nicht alles an mir hatte ich gemocht, aber ich hatte mich gekannt. Und jetzt war da nur noch diese Leere. Ein Kind sah mich an und sagte, man müsse Dinge manchmal einfach richtig suchen. Es klang so einfach, fast zu einfach, und doch blieb dieser Satz bei mir.
Ich nahm einen Stift und versuchte, mich zu erinnern. Nicht an mein Gesicht, nicht an das, was sichtbar war, sondern an das, was mich ausgemacht hatte. Und plötzlich wusste ich es. Mein Ich war nichts Grosses, kein fertiges Bild, keine klare Form. Es war ein Raum. Offen. Unvollständig. Ein Kreis, in dem Platz war für alles, was war und für alles, was noch kommen durfte.
Ich sass noch eine Weile dort, spürte den Wind, hörte die Geräusche der Stadt und merkte, dass etwas in mir ruhiger wurde. Vielleicht hatte ich mich nicht verloren. Vielleicht hatte ich mich nur verändert. Vielleicht ging es gar nicht darum, zurückzufinden, sondern darum, weiterzugehen.
Und zum ersten Mal seit Langem fühlte sich dieser Gedanke nicht bedrohlich an, sondern wie ein Anfang.
Ich habe Barbara kennengelernt, als sie mit der Chemotherapie begonnen hat, und sie über die Zeit immer wieder gesehen, bis ihre Behandlung abgeschlossen war.
Die Zeichnung entstand in der Mitte dieser Zeit, an einem Punkt, an dem die Hälfte geschafft war, aber noch ein Weg vor ihr lag.
Der Text ist aus Gesprächen im Wartezimmer und einem eigenen Gefühl heraus entstanden. Im Original ist er deutlich länger, hier ist eine verdichtete Fassung davon.
Gezeichnet mit Tusche und Graphit auf Papier.
Barbara arbeitet heute wieder.