Jolanda
All Is Full of Love
Es gibt Lieder, die ein Bild begleiten. Und es gibt Lieder, die sich mit einem Menschen verbinden.
Für Jolanda ist es All Is Full of Love von Björk.
Dieses erste Bild entstand nach unserem zweiten Treffen. Es ist eine grobe Skizze, noch suchend und offen. Nur bei den Augen wollte ich von Anfang an genau sein. In ihnen lag bereits vieles von dem, was Jolanda mir während des Zeichnens erzählte.
Sie sprach über ihre Gedanken, ihre Ängste und ihre Hoffnung. Sie hielt nichts zurück. Manches kam nur langsam, anderes brach plötzlich hervor, begleitet von Tränen. Während ich zeichnete, wurde spürbar, wie schnell Angst den Blick auf das eigene Leben verändern kann. Wie sie sich zwischen Herz und Verstand schiebt, bis Gedanken ihre Ordnung verlieren und Gefühle das Kommando übernehmen.
Die Welt wird kleiner. Enger. Dunkler.
Man kämpft gegen etwas, das sich nicht greifen lässt, und versucht gleichzeitig, nach aussen weiterzufunktionieren. Irgendwann wird selbst das Aufstehen zu einer Anstrengung. Nicht weil der Wille fehlt, vielmehr weil die Kraft immer wieder neu zusammengesucht werden muss.
Ein einzelnes Bild kann all das kaum tragen. Deshalb soll aus dieser ersten Zeichnung eine Serie entstehen: Arbeiten mit Graphit, Wasserfarben, Acryl und Öl auf Papier. Jede Technik ermöglicht eine andere Annäherung. Das Flüchtige der Wasserfarbe, die Direktheit des Acryls, die Tiefe der Ölfarbe und die Verletzlichkeit der gezeichneten Linie. Erst in dieser Verbindung kann es mir gelingen, all das sichtbar zu machen, was ich in Jolanda sehe.
Denn neben der Angst war während unseres Gesprächs noch etwas anderes gegenwärtig.
Liebe.
Nicht als grosses Versprechen und nicht als schneller Trost. Eher als etwas, das bleibt, wenn vieles unsicher geworden ist. Familie und Freunde. Menschen, die zuhören, ohne sofort eine Antwort zu verlangen. Menschen, die aushalten, dass nicht jeder Tag gut ist. Menschen, die einen halten, wenn der eigene Halt verloren geht.
Jolanda weiss, wie sehr sie geliebt wird. Sie weiss es trotz ihrer Angst, ihres Frustes und ihrer Tränen. Sie weiss es auch mitten darin. Diese Liebe nimmt ihr den schweren Weg nicht ab. Sie kann die Krankheit nicht ungeschehen machen und die Angst nicht einfach zum Schweigen bringen. Doch sie verhindert, dass Jolanda diesen Weg allein gehen muss.
Noch liegt vieles vor ihr. Dieses erste Bild erzählt deshalb nicht vom Ankommen. Es zeigt einen Anfang. Die Traurigkeit ist noch da, die Angst nimmt viel Raum ein, und das Vertrauen ist erst leise zu spüren. Doch es ist vorhanden. Zunächst nur als Ahnung. Als Blick. Als Mensch, der bleibt.
Darum trägt die Serie den Titel All Is Full of Love.
Björks Lied spricht nicht von einer einfachen, unbeschwerten Liebe. Es behauptet nicht, dass alles gut sei oder dass Schmerz durch Nähe verschwindet. Für mich erzählt es davon, dass Liebe vorhanden sein kann, auch wenn wir sie in einem dunklen Moment nicht erkennen. Sie zeigt sich nicht immer dort, wo wir sie erwarten, und auch nicht in der Form, die wir uns wünschen. Manchmal liegt sie in einer Hand, die nicht loslässt. In einem stillen Zuhören. In der Geduld eines Menschen, der bleibt.
Die Liebe ist da. Doch wer von Angst und Erschöpfung überwältigt wird, kann sie nicht immer sehen oder annehmen. Das Lied erinnert daran, den Blick langsam wieder für sie zu öffnen.
Genau darin liegt Jolandas Weg: die Angst nicht zu verleugnen und zugleich wahrzunehmen, was sie trägt.
Noch ist sie am Anfang.
Doch sie ist nicht allein.
Graphit auf Papier.
Das erste Bild einer Serie über eine stille Heldin, ihre Angst, ihre Hoffnung und die Liebe, die bleibt.