Aline

Es gibt diesen Moment nach der Narkose, in dem die Welt langsam zurückkommt. Erst ist da nur ein Geräusch, weit weg, dann eine Stimme, dann der eigene Name. Jemand sagt, es sei alles gut gegangen. Alles so, wie es sein soll. Ein Satz, der klein klingt und doch ein ganzes Leben tragen kann.

Ich liege da, noch nicht ganz hier, noch nicht ganz wach. Der Körper weiss früher Bescheid als der Kopf. Die Infusionsnadel im Arm, die Maske eben noch vor dem Gesicht, dieses tiefe Einatmen, Ausatmen, Weggleiten. Für einen Augenblick muss ich nichts halten. Keine Angst, keine Kontrolle, keine Tapferkeit. Nur loslassen. Nur verschwinden dürfen und später wieder auftauchen.

Zuhause ist der Kopf zuerst leer. Dann kommen die Erinnerungen. An frühere Untersuchungen. An Krankenhausflure. An kaltes Licht. An das Warten. An das letzte Mal. An diesen einen Gedanken, der nie ganz verschwindet: Es ist überstanden. Aber was, wenn es wiederkommt?

Krebsfrei. Dieses Wort ist ein Geschenk. Ein grosses, helles, kostbares Wort. Und trotzdem löscht es nicht alles aus, was war. Es nimmt die Spuren nicht einfach weg. Es macht die Angst nicht stumm. Sie steht noch irgendwo im Raum. Nicht immer vorne. Nicht mehr jeden Tag gleich laut. Aber sie ist da. Als Schatten an der Wand. Als kurzes Ziehen im Bauch. Als Frage, die sich manchmal genau dann meldet, wenn alles eigentlich gut ist.

Und doch ist da Leben.

Mehr Leben vielleicht als früher. Weil die Tage anders schmecken, wenn man weiss, dass sie nicht selbstverständlich sind. Weil ein Morgen nicht einfach nur ein Morgen ist. Weil Licht auf der Haut plötzlich zählt. Ein Gespräch. Ein Kaffee. Ein Lachen. Ein Blick aus dem Fenster. Ein kleiner Moment, der früher übersehen worden wäre und heute bleibt.

Ich muss nicht mehr so tun, als hätte mich nichts verändert. Natürlich hat es mich verändert. Der Körper erinnert sich. Die Seele auch. Aber ich bin nicht nur das, was mir geschehen ist. Ich bin auch das, was weitergeht. Was wieder aufsteht. Was schaut, atmet, lacht, geniesst. Was sich dem Leben erneut zuwendet, nicht laut, nicht triumphierend, eher still und entschieden.

Vielleicht ist genau das Glück: nicht das grosse, makellose Leuchten. Eher dieses kleine, hartnäckige Licht, das bleibt, obwohl es dunkle Zeiten gesehen hat. Es verlangt nicht, dass alles gut war. Es verlangt nur, dass ich es spüre, wenn es da ist.

Also versuche ich, die Augenblicke nicht zu übersehen. Ich versuche, sie anzunehmen, so wie sie kommen. Nicht als Ersatz für das, was war. Nicht als Beweis, dass alles vorbei ist. Eher als Zeichen, dass ich noch hier bin.

Ich bin krebsfrei.

Ich habe überstanden, was ich nie erleben wollte. Ich trage Spuren davon, sichtbare und unsichtbare. Und trotzdem schaue ich nach vorne. Nicht naiv. Nicht ohne Angst. Aber mit Lebenslust. Mit einem Blick, der nicht mehr nur fragt, was verloren ging, auch was noch möglich ist.

In der Zeichnung liegt genau dieser Blick. Er ist ernst, weil das Erlebte ernst war. Er ist verletzlich, weil nichts daran leicht war. Und doch ist er wach. Stark. Gegenwärtig. Da ist keine Frau, die im Vergangenen stehen bleibt. Da ist Aline, die alles hinter sich hat und jetzt wieder den Tagen entgegenblickt.

Nicht frei von Angst.

Aber frei genug, um das Leben zu lieben.

Anmerkung zu Bild und Text

Aline habe ich auf einer Bank nahe dem Spital gezeichnet. Unter Bäumen, dort, wo für einen Moment etwas Ruhe war. Das Papier lag vor mir, die Linien kamen langsam, suchend, vorsichtig. Noch war nichts fertig. Noch war vieles offen.

Wir hatten zuvor gesprochen. Über das, was sie erlebt hatte. Über die Operation. Über die Wochen danach. Über dieses langsame Zurückfinden in einen Alltag, der zwar wieder möglich ist, aber nie mehr ganz selbstverständlich wird. Über heute. Über jetzt. Über alles, was überstanden ist. Und über diese Angst, die leiser geworden ist, aber nicht einfach verschwindet.

Während sie erzählte, nahm auch der Text erste Formen an. Nicht sofort als fertiger Gedanke. Eher als Nachhall ihrer Worte. Als etwas, das zwischen Gespräch, Zeichnung, Erinnerung und diesem stillen Ort unter den Bäumen entstand.

Ihre Augen haben mich fasziniert. So wie Augen mich meistens faszinieren. Sie erzählen oft mehr, als ein Gesicht zeigen will. In ihnen lag bei Aline nicht nur Müdigkeit, nicht nur Erinnerung an Krankheit, nicht nur die Spur von Angst. Da war auch Wachheit. Lebenslust. Ein Blick nach vorne.

Goethe schrieb:

„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken;“

An diese Zeilen musste ich denken. Denn in Alines Blick liegt für mich genau dieses Sonnenhafte. Nicht als makelloses Leuchten. Eher als eine innere Helligkeit, die geblieben ist, nachdem vieles dunkel war.

Die Zeichnung entstand aus diesem Eindruck. Graphit auf Papier. Roh, offen, mit sichtbaren Linien. Kein geglättetes Bild, kein abgeschlossenes Denkmal. Ein Gesicht im Werden. Ein Mensch, der viel durchlebt hat und dennoch da ist.

Krebsfrei.

Dieses Wort steht hell über allem. Es nimmt die Angst nicht vollständig weg. Es macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Aber es öffnet Raum. Für Tage, die wieder ihr gehören. Für Familie. Für Nähe. Für kleine Augenblicke, die kostbar geworden sind.

Aline schaut nicht zurück, um dort stehen zu bleiben.

Sie schaut nach vorne.

Ernst. Wach. Verletzlich. Lebendig.

Graphit und Farbstift auf Papier.
Gezeichnet auf einer Bank nahe dem Spital.
Fotografiert in der Morgensonne im Atelier auf der Staffelei.

Weiter
Weiter

Jolanda