Herbst

Wenn man zum ersten Mal aus der Tür tritt und den Herbst riecht, will man es noch nicht wahrhaben. Der Geruch ist unverkennbar, die Luft klar und kühler als sonst. Trotzdem zögert man, es auszusprechen, obwohl man es längst gedacht hat.

Es wird Herbst. Es wird kalt. Der Sommer ist bald vorbei.

Und dann laufen wir durch unsere Stadt.

Die Hände finden wieder in die Jackentaschen. Wir suchen uns die sonnige Seite der Strasse und schauen, wo man noch draussen sitzen kann. Ein Kaffee, ein Gipfeli, ein kleiner Tisch. Das Notizbuch liegt offen, der Stift daneben. Ein paar Gedanken haben schon auf die Seite gefunden, andere dürfen noch eine Weile mit uns unterwegs sein.

Eigentlich hatten wir vorgehabt, spätestens jetzt aufzubrechen. Wieder für einige Zeit in Amerika herumzustreunen. Uns treiben zu lassen, irgendwo anzukommen und noch nicht zu wissen, wie lange wir bleiben. Morgens eine fremde Tür hinter uns zu schliessen und neugierig loszugehen.

Aber unser Gewissen reist bei solchen Plänen immer mit. Und diesmal sagt es: Wartet noch. Bis 2029.

Das fällt uns nicht jeden Tag gleich leicht. Manchmal würden wir am liebsten die Taschen packen. Es gibt Dinge, die uns fehlen. Dieses Unterwegssein. Die Weite. Die Freude daran, für eine Weile nur eine ungefähre Richtung zu haben.

Und New York. Immer wieder New York.

Wir denken an seine Strassen, an vertraute Ecken, an die Menschen. An dieses stundenlange Gehen, bei dem die Füsse irgendwann müde werden und man trotzdem noch einen Häuserblock weiterwill. Vielleicht fehlt uns auch ein wenig, wie wir dort sind: neugierig auf alles, mit offenen Augen und Zeit für den nächsten Umweg.

Dieses Jahr sind wir hier.

Wir geniessen den Herbst zu Hause und an ein paar Orten, die uns am Herzen liegen. Schauen dem Licht zu, das sich verändert. Bleiben noch ein bisschen draussen sitzen, auch wenn der Kaffee längst ausgetrunken ist und es langsam kühl wird.

Wir haben uns. Und wir lieben das. Das gemeinsame Losgehen, das Reden und das Schweigen. Dass wir einander von unseren Träumen erzählen können, auch wenn wir sie gerade verschieben müssen.

Und wir haben unsere Familie. Wir lieben es, an ihrem Leben teilzuhaben. Zeit miteinander zu verbringen, zuzuhören, die Kleinen wachsen zu sehen. Für manches braucht es uns hier. Bei vielem wollen wir einfach dabei sein.

Die Sehnsucht nach Amerika sitzt trotzdem manchmal mit am Tisch. Zwischen Kaffeetasse und Notizbuch taucht plötzlich eine Erinnerung auf, und schon sind wir im Gespräch wieder dort. Weisst du noch, diese Strasse? Dieses kleine Café? Und wie wir damals einfach weitergelaufen sind?

Dann schauen wir uns an. Und irgendwann stehen wir auf und gehen durch unsere Stadt nach Hause.

Ja, es ist Herbst. Ja, wir sind dieses Jahr hier. Und ja, ein paar Dinge vermissen wir.

Heute hat die Sonne noch für einen Kaffee draussen gereicht. Du warst bei mir. Wir haben von New York gesprochen und uns auf unsere Familie gefreut.

Das möchte ich festhalten. Vielleicht schreibe ich es noch ins Notizbuch, bevor ich es zuklappe.

Epilog – The Boys of Summer

Wenn die ersten Töne von Don Henleys «The Boys of Summer» erklingen, sind wir in Gedanken wieder unterwegs. Der Song hat uns auf unseren Reisen mit der ganzen Familie über die Jahre begleitet. Und so hören wir darin längst auch ein Stück unseres eigenen Lebens. Gemeinsame Sommer, fremde Orte, Stimmen und Erinnerungen, die mit den ersten Takten wieder ganz nah sind.

Fernweh und Sehnsucht gehören zu uns. Immer schon. Und trotzdem fühlen wir uns wohl hier, jetzt, zu Hause. Manchmal sitzen wir zusammen, hören Musik und möchten am liebsten gleich wieder los. Dann schauen wir uns um und wissen, weshalb wir bleiben.

Die heutige Zeit bringt uns dazu, manches anders zu machen als in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Wir überdenken Pläne, verschieben eine Reise, gewöhnen uns noch ein wenig ans Warten. So ist das Leben wohl auch. Und es ist gut so, selbst wenn die Sehnsucht an manchen Tagen etwas lauter wird.

«The Boys of Summer» läuft weiter. Draussen wird es Herbst. Und ich freue mich auf den Tag, an dem wir den Song wieder unterwegs hören, mit unserer Familie, irgendwo zwischen hier und einem Ort, den wir noch nicht kennen.

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Sich tragen lassen

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