Sich tragen lassen

Seit ich das Bild von «The Embrace» wieder vor mir habe, wandert mein Blick immer wieder zu den Händen. Zu ihrer Grösse, zu den Fingern, die auf einem Arm ruhen. Die Skulptur nimmt viel Raum ein, und doch zeigt sie eine Geste, die ich mit etwas sehr Persönlichem verbinde. Mit dem Augenblick, in dem man jemanden an sich zieht und für eine Weile so stehen bleibt.

Das Licht liegt golden auf der Bronze. In den Vertiefungen sammeln sich Schatten. Ich kann lange hinschauen und entdecke immer wieder eine andere Berührung.

Die Skulptur steht im Boston Common. Hank Willis Thomas hat sie geschaffen. Ihr Vorbild ist eine Fotografie von Martin Luther King Jr. und Coretta Scott King, Bürgerrechtsaktivistin und seine Ehefrau. Sie zeigt die beiden in einer Umarmung, nachdem King 1964 der Friedensnobelpreis zugesprochen worden war.

Mich bewegt der Gedanke, dass von diesem weltgeschichtlichen Ereignis auch eine solche Aufnahme geblieben ist. Eine Nachricht erreicht zwei Menschen. Und sie suchen einander in einer Umarmung. Bevor man alles in Worte fassen kann, sind die Arme schon da.

Wenn ich das Bild heute betrachte, denke ich auch über meine eigene kleine Pause nach. Ich habe gemerkt, dass meine Aufmerksamkeit zuletzt oft schon beim nächsten Vorhaben war. Während ich an etwas arbeitete, wartete in Gedanken bereits das, was danach kommen sollte. Vieles davon mache ich mit Freude. Trotzdem kann auch das, was man liebt, einen ganz schön in Anspruch nehmen.

Jetzt lasse ich manches etwas langsamer werden. Ich möchte wieder länger bei einer Zeichnung bleiben können, ohne innerlich auf die Uhr zu schauen. Einen Gedanken verfolgen, der vielleicht zu nichts führt. Draussen etwas sehen und es zunächst einfach nur anschauen.

Die angefangenen Arbeiten liegen weiterhin da. Sie gehören zu meinem Leben. Aber ich muss nicht jede freie Stunde mit ihnen füllen.

Vielleicht fällt mir deshalb an dieser Umarmung gerade das gegenseitige Tragen besonders auf. Ich sehe darin die Erlaubnis, sich jemandem anzuvertrauen. Auch mit dem, was noch ungeordnet ist. Mit Müdigkeit, mit Zweifeln, mit einer Freude, die allein kaum Platz findet.

Coretta Scott King war selbst eine engagierte Stimme für Bürgerrechte und Frieden. Nach der Ermordung ihres Mannes führte sie ihren Einsatz weiter und gründete das King Center. Wenn ich die Skulptur betrachte, denke ich deshalb an zwei eigenständige Menschen und an das, was zwischen ihnen gewachsen ist. An die Nähe, aus der auch Kraft für das Leben ausserhalb dieser Umarmung entstehen kann.

Martin Luther Kings Verständnis von Liebe reichte weit in dieses öffentliche Leben hinein. In seinem christlichen Glauben und seiner Haltung der Gewaltlosigkeit war sie eine Verpflichtung gegenüber der Würde jedes Menschen. Daraus erwuchs die Forderung, gegen Rassismus, Erniedrigung und Ungerechtigkeit einzutreten, ohne den Gegner zu entmenschlichen.

Das ist ein anspruchsvoller Gedanke. Besonders dort, wo Verletzungen tief sitzen und Wut berechtigt ist. King verband Liebe mit dem Mut, Verhältnisse zu verändern. Eine gerechtere Gemeinschaft sollte möglich werden, in der Menschen ohne Angst und Demütigung leben können.

Ich frage mich, was davon in meinem eigenen Alltag sichtbar wird. Wie ich Menschen begegne. Ob ich ihnen Zeit lasse. Ob ich noch neugierig auf ihre Geschichte bin oder schon glaube, alles verstanden zu haben.

Auch beim Porträtieren beschäftigen mich diese Fragen. Ich kann ein Gesicht zeichnen und werde doch nie alles wissen, was zu diesem Menschen gehört. Vieles bleibt ausserhalb des Blattes. Ich möchte aufmerksam genug sein, diesem Unbekannten Raum zu lassen.

Dafür brauche ich gelegentlich Abstand vom eigenen Tun. Ein paar ruhigere Tage, in denen ich wieder empfänglich werde für das, was mir sonst entgeht. Ein Gespräch, das länger dauert. Eine Hand auf meiner Schulter. Die selbstverständliche Nähe meiner Familie.

«The Embrace» bringt mich auf solche Gedanken. Die Hände aus Bronze erinnern mich an wirkliche Hände. An Menschen, deren Berührung ich kenne. Und daran, wie oft ich selbst schon gehalten wurde, während ich glaubte, alles allein bewältigen zu müssen.

Vielleicht werde ich beim nächsten Umarmen einfach einen Moment länger bleiben.

Bis die Gedanken aufhören, schon wieder woanders zu sein.

Weiter
Weiter

Herbst