Worte statt Luft

Über das Schreiben, das Weitergehen und das Wiederfinden der eigenen Stimme

Im Video laufe ich am Strand. Vor mir das Meer, über mir ein weiter Himmel, die Sonne im Gesicht. Ein Fuss vor den anderen, atmen, weiterlaufen. Eigentlich passiert nicht viel, und vielleicht gefällt mir gerade deshalb dieser kurze Film so gut. Manchmal braucht das Leben gar nicht mehr. Keine grosse Erkenntnis, keine fertige Antwort, nur den nächsten Schritt. Beim Schreiben ist es ähnlich. Schreiben ist für mich wie ein Gespräch mit einem sehr vertrauten Menschen, nur ohne Ausflüchte. Ich weiss nie genau, wohin es führt, wenn ich den ersten Satz schreibe. Vielleicht ist gerade das sein Reiz. Ein Gedanke zieht den nächsten nach sich, eine Erinnerung taucht auf, eine andere verschwindet wieder, und plötzlich stehe ich an einem Ort, von dem ich vorher nicht einmal wusste, dass ich dorthin wollte. Das Schreiben gibt mir Freiheit. Es verlangt keine Rolle und keine Rechtfertigung. Ich darf darin widersprüchlich sein, laut und leise, mutig und unsicher, vernünftig und vollkommen verrückt. Ich darf etwas beginnen, ohne bereits zu wissen, wie es endet. Vielleicht liebe ich es gerade deshalb so sehr, denn auch das Leben funktioniert selten nach einem fertigen Plan.

Natürlich gibt es Gedanken, denen ich lieber ausweichen würde. Dinge, die sich festsetzen, Fragen, die nicht sofort beantwortet werden wollen. Früher glaubte ich manchmal, man müsse für alles möglichst schnell eine Lösung finden. Heute sehe ich das anders. Nicht jeder Gedanke braucht sofort eine Antwort. Manche brauchen einfach Zeit. Andere müssen ausgesprochen oder aufgeschrieben werden, damit man sie überhaupt richtig anschauen kann. Sobald sie auf dem Papier stehen, verlieren sie etwas von ihrer Schwere. Sie werden nicht kleiner, aber sie werden greifbarer. Und manchmal entdeckt man zwischen all dem sogar etwas, das vorher verborgen war: eine Möglichkeit, einen neuen Gedanken oder einen Grund, wieder zu lächeln. Vielleicht besteht Schreiben auch darin, Platz zu schaffen. Nicht nur für das Schwierige, sondern ebenso für all das Schöne, das im Alltag so schnell untergeht. Für einen Morgen, an dem die Sonne anders durch das Fenster fällt. Für einen Menschen, dessen Blick man nicht vergisst. Für ein Gespräch. Für Musik. Für das Meer. Für eine kleine Maus, die irgendwann plötzlich in einer Geschichte auftaucht und beschliesst, dort zu bleiben. Für all diese scheinbar kleinen Dinge, aus denen am Ende ein Leben besteht.

Ich glaube nicht daran, dass wir immer alles verstehen müssen. Vielleicht wäre das Leben sogar ziemlich langweilig, wenn wir es könnten. Es darf Geheimnisse behalten. Es darf überraschen, uns durcheinanderbringen und manchmal auch zwingen, unsere Richtung zu ändern. Entscheidend ist für mich etwas anderes: neugierig zu bleiben, weiterzuschauen, weiterzugehen und sich die Fähigkeit zu bewahren, über etwas zu staunen. Genau daran erinnert mich das Laufen am Meer. Wenn ich dort unterwegs bin, interessiert mich nicht besonders, wie viele Kilometer noch vor mir liegen. Ich sehe den nächsten Abschnitt des Strandes, höre das Wasser und spüre, wie der Körper seinen eigenen Rhythmus findet. Ein Schritt, noch einer, und irgendwann läuft man einfach. Vielleicht habe ich deshalb im Laufe der Jahre gelernt, dass Bewegung nicht immer bedeutet, möglichst schnell irgendwo anzukommen. Manchmal bedeutet sie nur, nicht stehenzubleiben. Auch beim Schreiben.

Es gibt Tage, an denen die Worte beinahe von selbst kommen. An anderen muss ich nach ihnen suchen. Dann stolpern sie, bleiben stehen oder weigern sich ganz einfach, das zu tun, was ich von ihnen möchte. Früher machte mich das ungeduldig. Heute weiss ich, dass auch das dazugehört. Dann lege ich einen Text zur Seite, gehe hinaus, fotografiere, zeichne, höre Musik, laufe, rede mit Menschen, lebe. Und irgendwann kommen die Worte zurück. Meistens genau dann, wenn ich aufgehört habe, sie zu zwingen. Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Erfahrungen der vergangenen Jahre: zu merken, wie vieles wiederkommt, wenn man ihm genügend Raum gibt. Die Freude. Die Lust auf Neues. Die Neugier. Die Kraft. Manchmal sogar Dinge, von denen man glaubte, man hätte sie längst verloren.

Natürlich gibt es auch Schatten. Jeder trägt welche mit sich. Ich möchte meine weder verleugnen noch grösser machen, als sie sind. Sie gehören zu mir, genau wie all die hellen Stellen. Aber sie bestimmen nicht, wohin ich gehe. Das entscheide immer noch ich. Vielleicht ist genau das der Unterschied, den ich heute spüre. Ich muss nicht mehr jeden Widerspruch auflösen. Ich kann etwas vermissen und trotzdem glücklich sein. Ich kann traurig sein und gleichzeitig wissen, wie schön das Leben ist. Ich kann Zweifel haben und dennoch neugierig auf morgen sein. Das eine schliesst das andere nicht aus. Vielleicht macht gerade das ein Leben vollständig. Auf dem Papier darf all das nebeneinanderstehen. Dort muss ich mich nicht für eine einzige Wahrheit entscheiden. Aus vielen kleinen Wahrheiten entsteht irgendwann etwas, in dem ich mich wiedererkenne.

Und dann schaue ich wieder auf diesen kurzen Film vom Strand. Ich laufe. Das Meer bewegt sich neben mir, der Horizont bleibt weit, die Sonne liegt über dem Wasser. Hinter mir sind Spuren im Sand. Vor mir noch keine. Das gefällt mir, denn die nächsten entstehen erst, wenn ich weitergehe. Vielleicht ist Schreiben genau das. Ein Wort nach dem anderen. Ein Gedanke nach dem nächsten. Wie Schritte im Sand. Man weiss nicht immer, wohin sie führen, aber man bleibt in Bewegung, entdeckt Neues, lässt manches zurück und nimmt anderes mit. Und irgendwann merkt man, dass man gar nicht nach Luft gesucht hat. Sie war die ganze Zeit da. Man musste nur wieder hinausgehen, tief einatmen und weiterlaufen.

Die 22

Manche Orte braucht man nur anzusehen, und schon ist alles wieder da. Das Licht. Der Wind. Das Meer. Die Geschichten, die man dort erlebt hat. Und manchmal sogar die Person, die man einmal war.

Die 22 ist für mich so ein Ort.

Seit mehr als vierzig Jahren zieht es mich immer wieder zu diesem Lifeguard Tower am Strand. In den Ferien, auf Reisen, manchmal geschäftlich noch schnell vor dem Rückflug. Zu zweit, mit der Familie, mit Freunden oder allein. Es gab Jahre, in denen viel dazwischenlag, und trotzdem führte der Weg irgendwann wieder hierher.

Vielleicht ist es nur eine dieser kleinen Zufälligkeiten des Lebens, dass ich selbst an einem 22. geboren bin. Aber ich mag solche Zufälle. Vor allem, wenn sie sich über Jahrzehnte hartnäckig halten.

An diesem Strand sind einige meiner ersten Texte entstanden, bei denen ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, nicht mehr nur Sätze aufzuschreiben, sondern tatsächlich meine eigene Sprache zu finden. Auch einige meiner ersten Porträts von Menschen, die für mich mehr waren als einfach nur gelungene Fotografien, entstanden hier. Vielleicht hat dieser Ort deshalb etwas mit meinem Schreiben und meinem Sehen gemacht. Vielleicht war es auch nur die Weite, die plötzlich Platz geschaffen hat.

Das Bild zeigt eigentlich nichts Spektakuläres: Sand, Meer, Himmel, einen Lifeguard Tower und die Zahl 22. Und doch steckt für mich darin ein grosser Teil meines Lebens.

Darum gehört die 22 auch zu „Worte statt Luft“.

Wenn ich am Meer laufe, merke ich immer wieder, wie wenig es manchmal braucht, um den Kopf freizubekommen. Keine Lösung, keinen grossen Plan. Nur Bewegung. Den Horizont vor Augen und das Geräusch der Wellen daneben. Ein Schritt nach dem anderen.

Vielleicht entstehen deshalb an solchen Orten Worte und Bilder.

Weil man dort für einen Moment aufhört, nach ihnen zu suchen.

Und sie einen wiederfinden.

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Nadia