Froh
Bis dahin steht der Kaffee hier
Manchmal liegt die Ferne ganz nah. Ich brauche nur dieses Bild anzusehen, und schon höre ich wieder den Pazifik. Welle um Welle läuft am Strand von Newport Beach aus, der nasse Sand bewahrt das Blau des Himmels. Zwei Menschen tragen ihre Surfbretter am Wasser entlang. Ich bleibe mit dem Blick bei ihnen, als könnte ich noch ein Stück mitgehen.
Wir haben Sehnsucht nach Kalifornien. Nach dem Salz auf der Haut, nach vertrauten Stimmen und den langen Wegen am Meer, auf denen unsere Gedanken irgendwann so weit wurden wie der Horizont.
2029 werden wir zurückkehren. Bis dahin schauen wir manchmal länger auf solche Bilder. Erinnern uns. Erzählen einen Satz weiter, der damals am Strand begonnen hat.
Und gelegentlich klingelt es an der Tür, und jemand steht davor, dessen Stimme für uns zu diesem fernen Küstenstreifen gehört.
Überhaupt sind gerade irgendwie immer Leute da.
Zum Kochen, zum Essen, zum Reden. Auf ein Glas Wein, zum Erzählen, zum Durchatmen. Manche bleiben über Nacht und sitzen am nächsten Morgen noch ein wenig verschlafen mit uns beim Kaffee. Sie steigen die vielen Stufen bis zu uns hinauf, wollen eigentlich nur kurz vorbeischauen. Dann steht noch ein Teller auf dem Tisch, jemand öffnet eine Flasche, das Gespräch nimmt eine weitere Abzweigung.
Und am Ende bleiben sie einfach.
Das macht mich froh.
Vieles von dem, was ich geben kann, ist ziemlich unspektakulär: zwei Ohren, ein offenes Herz, eine Schüssel Pudding und eine Wolldecke. Die Lampen machen ein schönes Licht. Es ist warm hier drinnen. Wir haben einen Tisch, an dem man zusammenrücken kann, und vor den Fenstern fallen die ersten Blätter.
Der Kaffee ist gut.
Und wenn es spät wird, finden wir auch einen Platz zum Schlafen. Irgendwo liegt noch ein Kissen, irgendwo eine zweite Decke. Es muss ja nicht jeder Abend damit enden, dass man auf die Uhr schaut und vernünftig wird.
Der Besuch kommt aus dem fernen Westen und dem hohen Norden, aus dem Emmental und aus Bern, aus Basel und von gleich ums Eck. Mit Taschen, mit Geschichten, manchmal mit einer Müdigkeit, die erst sichtbar wird, wenn die Jacke ausgezogen ist und niemand mehr etwas erwartet.
Ich mag es, wenn Menschen bei uns so ankommen dürfen.
Manchmal sitzen wir einfach nebeneinander. Jemand liest, ich schreibe. Eine Seite wird umgeblättert, eine Tasse abgestellt. Zwischendurch ein Satz, dann wieder Stille. Das Schreiben ging lange nicht so, und jetzt geht es wieder. Während gegenüber jemand in einem Buch verschwindet, finde ich langsam zu meinen eigenen Worten zurück.
Auch das macht mich froh.
Später gehen wir hinaus. Ich zeige die Stadt, spiele mit einer gewissen Begeisterung den Fremdenführer, kenne eine Gasse, eine Aussicht, einen Ort für den nächsten Kaffee. Dabei bin ich mir hier manchmal selbst ein wenig fremd. Vielleicht gehört das zu mir, dieses gleichzeitige Zuhause- und Anderswo-Sein.
Immerhin kenne ich mich mit dem Fremdsein aus. Und durch die Augen unserer Gäste entdecke ich manches wieder, an dem ich sonst vorbeigehe.
Wenn Freunde aus Kalifornien am Tisch sitzen, fällt irgendwann der Name einer Strasse, eines Cafés, eines gemeinsamen Bekannten. Einer beginnt mit «Weisst du noch?», und schon sind wir für ein paar Sätze wieder dort. Der Pazifik liegt plötzlich näher, irgendwo zwischen Brotkorb und Weingläsern.
Natürlich möchte ich wieder an diesem Strand stehen. Den Wind spüren, den Surfern nachschauen und bleiben, bis das Licht auf dem Wasser verblasst.
Aber heute ist jemand die Treppe zu uns heraufgekommen.
In der Küche reden noch zwei durcheinander. Ein Buch liegt aufgeschlagen neben dem Sessel. Auf einem Stuhl hängt eine Jacke, die morgen früh wohl noch dort hängen wird.
Ich stelle eine weitere Tasse auf den Tisch.
Bis 2029 ist es noch eine Weile. Für heute bleibt ihr hoffentlich zum Essen.