Claudine
Komm, wir machen Platz für das Meer
Einige Wochen sind vergangen, seit du an jenem heissen Nachmittag bei mir im Atelier gesessen hast. Heute liegt deine Zeichnung wieder vor mir. Der Kragen reicht bis an deinen Mund, eine Haarsträhne fällt über dein Gesicht. Ein Auge bleibt sichtbar und schaut mich an. Genau so wolltest du gezeichnet werden. Du wolltest dich zeigen und zugleich etwas von dir geschützt wissen. Ich habe versucht, beidem Raum zu lassen.
Du hast viel erlebt, Claudine. Heute bist du krebsfrei. Doch die Unsicherheit ist geblieben. Während der Chemotherapie hattest du sämtliche Haare verloren und warst in ein tiefes Loch gefallen. Nun sind die Haare wieder da. Auf meiner Zeichnung fallen sie dir ins Gesicht, und ich denke daran, wie viel Zeit zwischen dem Ende einer Behandlung und dem Gefühl liegen kann, wieder bei sich selbst angekommen zu sein.
Was du an diesem Nachmittag gedacht hast, weiss ich nicht. Ich möchte es auch jetzt nicht für dich erzählen. Aber dein Blick beschäftigt mich. Er lässt mich darüber nachdenken, was wir voneinander zu sehen bekommen und wie schnell wir glauben, damit schon den ganzen Menschen zu kennen.
Ich kenne die Versuchung, nur das Gelungene nach draussen zu tragen. Das fertige Bild, die passenden Worte, den Augenblick, in dem alles einen Sinn zu ergeben scheint. Die verworfenen Blätter bleiben im Atelier. Die Zweifel meistens auch. Dabei scheitere ich oft: an einer Zeichnung, an meinen Ansprüchen, an einem Satz, den ich gerne ausgesprochen hätte. Manchmal fehlt mir der Mut, manchmal die Kraft. Und während ich noch versuche, damit zurechtzukommen, überlege ich bereits, wie ich darüber sprechen könnte, ohne allzu ratlos zu wirken.
Muss aus allem irgendwann etwas Vorzeigbares werden? Eine Erkenntnis, ein Fortschritt, eine Geschichte, die gut ausgeht? Vielleicht darf ein schwieriger Tag einfach ein schwieriger Tag bleiben. Vielleicht müssen wir am Abend noch nicht wissen, wofür er gut gewesen ist.
Beim Zeichnen lasse ich manchmal Striche stehen, die anders verlaufen sind, als ich es beabsichtigt hatte. Sie erzählen vom Suchen, vom Zögern meiner Hand, vom erneuten Hinschauen. Würde ich jede dieser Spuren entfernen, ginge etwas verloren, das zum Bild gehört. Mit mir selbst bin ich oft weniger geduldig. Ich möchte sicher sein, wenn ich zweifle, gelassen wirken, wenn mich etwas aufwühlt. Wie viel Kraft das kostet, merke ich manchmal erst, wenn niemand mehr da ist.
Vor deiner Zeichnung denke ich daran, wie entlastend es sein kann, sich nicht erklären zu müssen. Du hast selbst entschieden, wie viel von dir sichtbar werden durfte. Der hohe Kragen gehört ebenso zu diesem Porträt wie dein Blick. Ich muss nicht alles sehen, um berührt zu sein.
An jenem Nachmittag habe ich dich gezeichnet. Jetzt, Wochen später, möchte ich dir etwas sagen. Je länger ich auf das Blatt schaue, desto mehr wünsche ich mir einen Ort, an dem wir mit unseren Zweifeln sitzen könnten, ohne uns ihretwegen kleiner zu machen. Einen Ort mit Luft, mit Licht, mit einem Horizont, an dem der Blick weitergehen darf. Und weil sich in Gedanken mehr bewegen lässt als mit einem Stift, werde ich für einen Augenblick unvernünftig.
Komm, Claudine, lass uns Dynamit kaufen. Lass uns in Gedanken diese viel zu engen Zimmer sprengen, in denen wir uns so lange zusammengenommen haben. Die Wände voller Erwartungen, die Decken, an die unsere Wünsche stossen. Lass uns alles aufbrechen, bis der Himmel hereinpasst und ein Wind durch unser Leben fährt, der nach Salz schmeckt. Wir könnten zusehen, wie der Staub sich legt. Und dort, wo eben noch eine Wand war, wäre das Meer.
Komm, lass uns für einen Tag verschwinden. Für eine Nacht. Vierundzwanzig Stunden lang könnten wir vergessen, wie spät es ist. Nimm ein Buch mit, ich nehme die Kirschen und eine Decke für später. Was uns beschäftigt, wird vermutlich mitkommen. Wir würden es mit hinunter zum Wasser tragen und vielleicht irgendwann bemerken, dass wir eine ganze Weile nicht daran gedacht haben.
Am Morgen wäre der Sand noch kühl. Wir gingen an der Wasserkante entlang, die Schuhe in der Hand, und die ersten Wellen würden unsere Füsse umspülen. Du würdest die Schultern hochziehen und dann doch einen Schritt weitergehen. Ich hinterher. Bald wären unsere Kleider nass, obwohl wir sie sorgfältig hochgekrempelt hätten. Wir würden lachen und einfach weiterlaufen.
Wir suchten nach angeschwemmtem Glas, dessen Kanten das Meer glatt geschliffen hat, nach Muscheln und nach Steinen, die unter Wasser leuchten. Ich würde dir jeden zweiten hinhalten. Du würdest sagen, dass wir unmöglich alle mitnehmen könnten, und kurz darauf selbst einen besonders schönen in deine Tasche stecken. Niemand würde uns fragen, wozu wir sie brauchen.
Komm, wir bauen eine Burg. Eine schiefe, eigensinnige Burg mit zu vielen Türmen. Wir würden uns Mühe geben, mit nassen Händen die Mauern festklopfen und einen Graben ziehen, der natürlich viel zu flach wäre. Wenn die Flut käme, versuchte ich noch, das Wasser aufzuhalten. Dabei würde ich einen Turm umstossen, und du müsstest so lachen, dass ich endlich aufhörte zu retten, was ohnehin gleich wieder Sand wäre.
Vielleicht täte mir das gut: vor etwas Misslungenem zu sitzen, die Hände noch voller Arbeit, und zu lachen. Vielleicht würden wir später sogar behaupten, sie sei wunderschön gewesen.
Hinter den Dünen breiteten wir unsere Decke aus. Du könntest den Kragen lockern oder ihn gegen den Wind noch höher ziehen. Ich würde dir das Buch reichen und mich neben dich setzen. Wir hätten Zeit, auch für das Schweigen, das sich einstellt, wenn man sich nicht verpflichtet fühlt, es sofort zu beenden.
Mittags wäre Sand zwischen den Seiten und auf dem Brot. Du würdest fragen, wann wir wieder schwimmen gingen, und ich hielte dir die Tüte mit den Kirschen hin: erst noch diese. Wir würden langsam essen, die Finger bald klebrig vom Saft. Einen Kern steckten wir in den feuchten Sand und stellten uns vor, wie hier ein Kirschbaum wüchse, mitten zwischen Strandhafer und Muscheln. In seinem Schatten könnten wir beim nächsten Mal sitzen. Für eine Weile würde ich ihn beinahe sehen, seine Blätter im Küstenwind, unsere Sachen über einem niedrigen Ast.
Wir würden uns vorlesen und manchmal einen Satz wiederholen, weil die Brandung ihn verschluckt hätte. Dann wieder bliebe das Buch offen liegen, während wir aufs Wasser schauten. Es wäre genug, nebeneinander da zu sein.
Komm, leg dich neben mich. Du darfst müde sein. Ich würde das Buch zur Seite legen, und wir könnten die Augen schliessen, während die Sonne unsere Arme wärmt. Der Wind zupfte an einer Ecke der Decke. Vielleicht schliefen wir ein. Vielleicht lägen wir nur da und hörten dem Wasser zu, bis die Gedanken langsamer würden.
Später gingen wir schwimmen, vorsichtig hinein, bis das Meer unsere Schultern erreicht. Wir liessen uns auf den Rücken sinken. Erst würden wir noch mit den Händen rudern, dann allmählich ruhiger werden. Über uns der Himmel, an den Ohren das gedämpfte Rauschen. Diesen Augenblick wünsche ich dir, Claudine: dass du spürst, wie das Wasser dich hält, und dich ihm für eine Weile anvertrauen kannst. Ich würde neben dir treiben und versuchen, es selbst zu lernen.
Am Nachmittag schlenderten wir den Strand entlang. Wir sähen Kindern zu, die mit grossem Ernst Löcher graben, und einer Möwe, die sich einer offenen Picknicktasche nähert. Wir hätten Salz auf den Lippen und zerzauste Haare. Irgendwann kehrten wir um, weil uns danach wäre. Auf dem Rückweg sähe alles ein wenig anders aus.
Komm, lass uns bleiben, bis die letzten Sonnenschirme zusammengeklappt sind. Wir würden Holz sammeln, ausgebleichte Stücke, die das Meer an Land getragen hat, und ein kleines Feuer machen. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und neben dir auslegen. Wir betrachteten sie noch einmal. Bei einigen wüssten wir genau, wo wir sie gefunden hätten. Andere kämen uns fremd vor, seit sie trocken wären.
Wenn es kühler würde, rückten wir näher zusammen. Vielleicht erzähltest du von der schweren Zeit. Vielleicht sprächen wir über einen schlechten Film oder darüber, weshalb wir schon wieder zu viel Brot eingepackt hätten. Ich wünsche mir solche Abende mit dir, an denen sich ein Gespräch nicht entscheiden muss, ob es ernst oder heiter sein darf. Wir könnten mitten in einer Erinnerung still werden und später trotzdem über eine Kleinigkeit lachen.
Vor dem Schlafengehen liefen wir noch einmal ans Ufer. Weit draussen bewegten sich die Lichter eines Bootes. Vielleicht nähmest du meine Hand. Wir blieben stehen, bis eine Welle unsere Füsse erreicht, und gingen dann langsam zurück.
In der Nacht hörten wir das Meer durch den dünnen Stoff des Zeltes. Ich würde die Decke über deine Schulter ziehen. Du würdest dich noch einmal umdrehen und etwas murmeln. Zwischen zwei Wellen könnte ich deinen Atem hören. Ich läge noch ein wenig wach und wäre froh, dass wir gekommen sind.
Am Morgen müssten wir packen. Wir würden die Decke ausschütteln und trotzdem überall Sand mitnehmen. Die Steine kämen auch mit. Ich trüge die schwere Tasche, du würdest auf dem Weg noch einen letzten finden. Für den wäre noch Platz.
Und irgendwann später, an einem ganz gewöhnlichen Tag, würdest du in deine Jackentasche greifen. Da wäre einer dieser Steine. Du würdest mit dem Daumen darüberstreichen und dich an das kalte Wasser erinnern, an unsere schiefe Burg und daran, wie vorsichtig wir mit klebrigen Fingern die Buchseiten umgeblättert hätten. Vielleicht müsstest du lächeln, mitten in dem, was dich gerade beschäftigt.
Ich schaue von deiner Zeichnung auf. Vor mir liegt noch immer derselbe Bogen Papier. Die Strähne fällt über dein Gesicht, der Kragen reicht bis an deinen Mund. Ich werde beides stehen lassen. Und auch die Striche, in denen mein Suchen sichtbar geblieben ist.
Dieser Tag am Meer hat noch nicht stattgefunden. Ich habe ihn mir ausgemalt, während ich dich auf dem Papier betrachtet habe. Nun möchte ich dir die Zeichnung zeigen und diese Worte dazugeben. Du kannst sie lesen, zur Seite legen, wieder hervorholen. Und vielleicht sagst du eines Tages, dass wir fahren sollten.
Komm, Claudine. Lass uns ans Meer fahren.