Der Schrei

Acryl auf Papier

Dieses Bild hat mir keine Wahl gelassen. Der Schmerz dieser Frau und auch der Schmerz, den ich im Kontakt mit meinen stillen Heldinnen erlebe, war so stark, dass ich ihm Raum geben musste. Deshalb das andere Format, deshalb diese Wucht in der Farbe. Es ist eines von zwei Bildern derselben Person; zwei Zustände derselben inneren Wirklichkeit, die später als Einheit gezeigt werden.

Ich habe versucht, diesen inneren Sturm malerisch einzufangen: Aus einem Schwall von Blau-, Türkis- und Weisstönen tritt der Kopf der Frau hervor, der Mund weit geöffnet, als würde sie alles hinausschreien, was zu lange in ihr eingeschlossen war. Die dick aufgetragene Acrylfarbe, die sichtbaren Spuren der Malbewegung und die diagonale Dynamik lassen die Oberfläche fast beben. Nichts ist glatt, nichts beruhigend. Die kalten Blautöne verweisen auf Tiefe, Erschöpfung und Kälte, während kleine Ocker- und Weisslichter wie kurze Aufblitze von Energie oder Hoffnung aufscheinen.

Ich habe mit Acryl auf Papier gearbeitet, weil ich eine möglichst direkte, ungefilterte Umsetzung brauchte. Ich habe versucht, die Farbschichten nicht zu glätten, sondern sie aneinanderprallen zu lassen, sie übereinander zu schieben, reiben, fast explodieren zu lassen, so, wie sich dieser Schmerz für mich anfühlt. Im Kontext des Projekts „Stille Heldinnen“zeigt dieses Werk eine Seite von Brustkrebs, die oft im Verborgenen bleibt: rohe, ungefilterte Verzweiflung.

Für mich selbst war es ein Kampf, dieses Bild zu malen. Jedes Übermalen, jedes neue Setzen von Farbe war ein Ringen darum, diesem Schmerz gerecht zu werden und ihm zugleich eine eigene Würde zu geben.


Epilog

Nach einem Schrei kommt nicht automatisch Ruhe.

Manchmal bleibt nur ein Körper zurück, der nicht weiss, wohin mit sich. Ein Tag beginnt, obwohl man ihn nicht bestellt hat. Man steht auf, zieht ihn an wie ein fremdes Kleidungsstück, das nirgends richtig sitzt, bindet ihn irgendwie an sich fest und geht hinaus. Man bewegt sich darin, stolpert, fängt sich wieder und tut so, als wäre alles ganz normal.

Vielleicht ist genau das eine der stillsten Formen von Überleben: weiterzugehen in einem Tag, der auf der Haut kratzt.

Es gibt Stunden, in denen man Musik so laut macht, dass im Kopf endlich nichts anderes mehr Platz hat. Man schliesst die Augen und wartet darauf, dass ein Ton etwas erreicht, wofür Worte längst zu klein geworden sind. An anderen Tagen öffnet man das Fenster und hört den Vögeln zu. Sie sagen nichts. Sie fliegen einfach weiter.

Manchmal genügt schon das Wissen, dass jeder Tag nach vierundzwanzig Stunden vorbei sein wird.

Und dann beginnt ein neuer.

Er sieht dem alten ähnlich und ist trotzdem ein anderer. Das Licht fällt anders durch das Fenster. Ein Blatt liegt auf dem Boden. Die Luft riecht nach Regen. Irgendwo läuft jemand mit einem Kaffee durch die Stadt, irgendwo öffnet sich eine Tür, irgendwo bleibt ein Mensch stehen.

Der Schmerz verändert seine Gestalt. Erst schreit er. Später schweigt er. Dann sitzt er plötzlich mit am Tisch, geht mit einkaufen, hört Musik, steht unter der Dusche, läuft durch den Regen. Er wird Teil eines Lebens, das trotzdem weitergeht.

Und irgendwann beginnt man wieder zu suchen.

Nicht nach grossen Antworten. Eher nach etwas, das trägt. Nach einer Hand. Nach einem Blick, bei dem man ruhig werden kann. Nach einem Ort, an dem man nicht erklären muss, weshalb man müde ist. Nach einem Herzen, das für einen Moment im selben Takt schlägt.

Immer nur suchen zu müssen, macht müde.

Man möchte irgendwann auch wieder nach Hause.

Wenn ich heute auf «Der Schrei» schaue, sehe ich deshalb nicht nur diesen einen eruptiven Moment. Ich sehe auch all das, was danach kommt: das Aufstehen, das Anziehen eines neuen Tages, das Weitergehen in zu engen Schuhen, das Öffnen eines Fensters, den Regen, die Musik in der Nacht.

Und ich sehe einen Menschen, der noch da ist.

Der Mund ist weit geöffnet, alles scheint aus ihm herauszubrechen. Aber der Schrei ist nicht das Ende der Geschichte.

Er ist ein Augenblick, in dem nichts mehr zurückgehalten werden kann.

Danach fällt der Tag irgendwann von den Schultern.

Und am nächsten Morgen steht wieder einer vor der Tür.

„Der Schrei“ in einer neuen, digitalen Version. Michael hat mein Bild behutsam weiterentwickelt und die Intensität noch einmal verstärkt.
Danke dir, Michael, für dein Auge, deine Zeit und deine wunderbare Arbeit

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Alice, still