Alice, still

Dieses Bild entstand im Dialog mit Modiglianis „Alice“. Nicht als Kopie, sondern als Weiterführung eines Gedankens, der mich seit Langem begleitet: Wie trägt sich ein Gesicht, das in der Welt steht und trotzdem verletzlich bleibt?

Meine Alice gehört zu den Stillen Heldinnen. Sie ist keine Muse aus einer anderen Epoche, sondern eine Frau unserer Zeit. Und doch schwingt in ihr jene Ruhe und jener ernste Stolz mit, die Modigliani so unvergleichlich festgehalten hat.

„Wer gesehen werden will, braucht keinen Lärm – nur einen Moment, in dem jemand wirklich hinschaut.“

Für dieses Werk habe ich das vertraute Format bewusst verlassen. Das Bild verlangte mehr Raum, eine andere Atmung, andere Proportionen. Es führte mich hinaus aus dem engen Rahmen der Serie – und zugleich tiefer hinein in ihr Thema.

Ich wollte Alice nicht „nachmalen“, sondern die Spur aufnehmen, die Modiglianis Portrait in mir hinterlassen hat: diese stille, unbeirrbare Haltung. Auch meine Alice trägt diesen Blick, wach, müde, verletzlich, aber niemals besiegt.

Die Arbeit an ihr hat mich aus meiner Routine geschoben. Farben, Komposition, Format: Alles fühlte sich anders an. Genau das brauchte es. Ein Bild, das nicht in die Reihe passt und trotzdem dazugehört. Ich wollte ihre Ruhe bewahren, ohne sie zu glätten; ihre Müdigkeit zeigen, ohne sie zu brechen. Ihr Gesicht trägt Spuren von Wärme und Kälte, von Hoffnung und Erschöpfung. Dass dieses Werk ausserhalb meines bisherigen Formats steht, passt zu ihr: Alice zwingt keine Ordnung auf. Sie verlangt Raum und diesen Raum habe ich ihr gegeben.

Epilog

Alice kommt aus dem Emmental. Als ich sie kennenlernte, lag die Diagnose bereits hinter ihr, und doch war vieles noch nicht vorbei. Die Chemotherapie war beendet, das Bild entstand ein Jahr später. Eine Zeit, in der von aussen oft längst wieder Normalität erwartet wird, während innen noch immer etwas nachhallt.

Bei vielen Menschen verändert sich der Schmerz mit der Zeit. Aus ihm wird Trauer, aus der Trauer wächst langsam Ruhe. Und aus dieser Ruhe kann eine Einsamkeit entstehen, tief und bodenlos wie ein dunkler Ozean. Man glaubt irgendwann, das eigene Seelenlicht sei erloschen. Man glaubt, dass diese Finsternis bleiben wird.

Alice kannte diesen Zustand.

Es gibt eine Dunkelheit, in der man die Augen vor der Welt schliesst, weil draussen nichts mehr tröstet. Und genau dort beginnt manchmal eine andere Art des Sehens. Nicht mit den Augen. Eher mit etwas Tieferem. Einem dritten Auge im Herzen.

Dann wird spürbar, dass äusseres Sehen und innere Erkenntnis zwei verschiedene Dinge sind. Kein Blick sieht so klar wie der Blick der Liebe.

Der Trauer folgt irgendwann eine andere Zeit. Ein anderes Tal. Ein anderes Ich. Und plötzlich ist das, was man verloren glaubte, nicht mehr nur fort. Es taucht wieder auf – in Erinnerungen, in Gesten, in einem Licht, in einem Geruch, in einem Satz, in einem Menschen, der bleibt.

Der unauffindbare Geliebte ist dann auf einmal überall.

Vielleicht trägt Alice genau deshalb diesen Blick. Nicht weil alles gut geworden ist. Nicht weil nichts mehr schmerzt. Eher weil sie durch etwas hindurchgegangen ist, das sie verändert hat.

Ein Jahr nach der Chemotherapie ist sie nicht dieselbe Frau wie zuvor.

Aber sie ist da.

Still.

Wach.

Und ihr Licht ist nicht erloschen.

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Der Schrei

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Du bist stumm