Den Himmel neu malen
Ein schwerer Kerzenleuchter schält das Dunkel von den sandfarbenen Wänden. In den Regalen stehen dicke Bücher mit grossen Namen auf den Rücken, und der ganze Raum riecht nach Holz, Papier und einer Welt, die schon vieles gesehen hat.
Ein handgeknüpfter Teppich liegt schwer auf dem Boden, als hätte er jedes Geräusch weich gemacht. Aus den grossen Lautsprechern kommt Musik, tief und warm, ein langsames Pulsieren, das sich unter die hohen Decken legt und Erinnerungen weckt, die vielleicht gar nicht alle meine sind.
Dann klopft es.
Ich richte mir ein Lächeln zurecht und öffne die Tür.
Du stehst da, ganz Abend, ganz Erwartung. Lange Beine in dunklen Strümpfen, schwarze Schuhe, ein Kleid, das mehr verspricht, als es erklärt. Du siehst hinreissend aus. Nicht laut, nicht gemacht, sondern auf diese selbstverständliche Art, die einen Raum sofort verändert.
Als du eintrittst, kommt etwas Helles mit dir herein. Dein Staunen legt sich wie ein grüner Schimmer auf die sandfarbenen Wände, und plötzlich wirkt alles weniger schwer.
Wir stehen im Anfang eines jungen Abends. Die Musik läuft weiter, vertraute Lieder, ein wenig schief, ein wenig schön, gerade richtig für uns. Wir tanzen nicht perfekt. Wir drehen uns, lachen, verlieren kurz das Gleichgewicht und finden es wieder. Zwei herrenlose Winde in einem alten Zimmer, noch vom Sturm bewegt, schon auf dem Weg in etwas Zärtlicheres.
Später sinkst du in die lila Kissen, und die Nacht beginnt, ihre Ränder zu verlieren. Kerzen brennen herunter. Wachs sammelt sich auf dem Tisch. Das Zimmer wird wärmer, weicher, näher. Alles, was eben noch Form hatte, wird Berührung, Atem, Licht.
Am Ende dieser schlaflosen, verträumten Nacht liegen wir nebeneinander, während draussen langsam der Morgen beginnt.
Und irgendwo zwischen müden Augen, rotem Mund und diesem stillen Glück malen wir mit rosaroten Filzstiften den Himmel neu.
Epilog: 1984
Diesen Text habe ich vor langer Zeit geschrieben. Heute ist er mir wieder eingefallen, zuerst nur bruchstückhaft. Ein paar Bilder, einzelne Sätze, eine Stimmung. Ich sass im Garten, träumte im Schatten vor mich hin, Musik lief im Hintergrund, und plötzlich war dieser Song wieder da: „Drive“ von The Cars.
Genau er dürfte der Auslöser gewesen sein. Ein paar Töne, eine Stimmung, ein Klang aus einer anderen Zeit, und auf einmal öffnete sich ein Raum, von dem ich gar nicht wusste, dass er noch so nah ist.
Später habe ich mein altes Notizheft hervorgeholt und den Text tatsächlich wiedergefunden. Als hätte er all die Jahre dort auf diesen Moment gewartet.
Es war 1984.
Wie doch die Zeit vergeht. Was einmal Gegenwart war, wird Erinnerung. Was einmal brannte, wird leiser. Und doch bleibt etwas davon zurück: ein Zimmer, Kerzenlicht, Musik, ein Blick, ein Körper im Dunkel, ein Himmel, den man für einen Augenblick neu malen wollte.
Rilke schrieb:
„Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.“
Darin liegt für mich die Wahrheit solcher Erinnerungen. Man hat damals nicht alles verstanden. Man musste es auch nicht. Man war jung, offen, verletzlich, übermütig, ein wenig verloren und gerade deshalb so nah am Leben.
Ich hoffe, dieser Text erinnert auch euch an solche Augenblicke. An Nächte, die nicht enden wollten. An Musik, die mit wenigen Tönen eine Tür öffnet. An Menschen, die einen Raum heller gemacht haben. Und an dieses kurze, kostbare Gefühl, dass für einen Moment alles möglich war.