Augen, meine lieben Fensterlein
Vor etwa acht Wochen habe ich im Gympark eine Frau gezeichnet. Gemalt kann man nicht sagen. Es war eher ein Suchen mit Linien. Ein vorsichtiges Herantasten an ein Gesicht. Ich hatte sie gefragt, ob ich sie zeichnen dürfe. Der Grund war einfach: ihre Augen.
Gottfried Keller schrieb:
„Augen, meine lieben Fensterlein,
gebt mir schon so lange holden Schein.“
An diese Zeilen musste ich später denken. Denn ihre Augen hatten etwas, das mich festhielt. Nicht laut. Nicht fordernd. Eher still. Verletzlich. Als läge in ihnen eine Geschichte, die noch keinen Anfang gefunden hatte.
Während ich zeichnete, sah sie immer wieder zu mir herüber.
„Muss ich stillhalten?“, fragte sie.
„Nein“, sagte ich. „Bleib einfach, wie du bist.“
Sie lächelte kurz.
„Das ist manchmal schwieriger, als es klingt.“
Ich hob den Blick vom Papier.
„Vielleicht reicht es, wenn du für einen Moment nichts darstellen musst.“
Danach sagte sie nichts mehr. Auch ich schwieg. Zwischen uns lagen nur das Geräusch des Bleistifts, die Geräusche des Parks und diese eigentümliche Konzentration, die entsteht, wenn man versucht, einen Menschen anzusehen, ohne ihn festzulegen.
Als ich fertig war, zeigte ich ihr die Zeichnung.
Sie betrachtete sie lange.
„Bin ich das?“, fragte sie schliesslich.
„Ein Teil von dir vielleicht.“
„Sie sieht traurig aus.“
„Findest du?“
Sie nickte, zögerte und sagte dann:
„Oder müde. Ich weiss es nicht.“
Ich wusste es ebenfalls nicht. Ich hatte keine Traurigkeit zeichnen wollen. Auch keine Müdigkeit. Ich hatte nur versucht, dem Blick zu folgen, der mich nicht mehr losliess.
Zu Hause fotografierte ich die Zeichnung und schickte sie ihr.
„Damit du sie noch einmal in Ruhe anschauen kannst“, schrieb ich.
Sie bedankte sich. Dann wurde es still.
Vier Wochen später lag eine Nachricht in meinem Postfach. Vorsichtig geschrieben, wie ein leises Anklopfen an eine Tür, von der man nicht weiss, was sich dahinter befindet.
„Darf ich dir schreiben?“
Ich las den Satz mehrmals.
Manche Nachrichten öffnen Räume, auf die man nicht vorbereitet ist. Man spürt, dass hinter wenigen Worten etwas wartet, das grösser ist als die Frage selbst.
Ich antwortete:
„Ja, natürlich.“
Eine Weile geschah nichts. Dann erschien, dass sie schrieb. Die drei kleinen Punkte verschwanden wieder. Kamen zurück. Verschwanden erneut.
Schliesslich schrieb sie:
„Ich weiss nur noch nicht, wie ich anfangen soll.“
„Du musst nicht gleich den richtigen Anfang finden“, antwortete ich. „Schreib einfach den ersten Satz, der da ist.“
Kurz darauf kam ihre Antwort:
„Ich glaube, das Bild hat etwas von mir gesehen, das ich selbst lange nicht ansehen wollte.“
Ich sass vor dem Bildschirm und wusste zunächst nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Was siehst du darin?“, fragte ich.
„Eine Frau, die versucht, stark auszusehen.“
Dann kam eine zweite Nachricht.
„Und gleichzeitig eine, die sich wünscht, jemand würde merken, wie müde sie ist.“
Ich sah wieder auf die Fotografie der Zeichnung. Auf die unruhigen Linien, die Schatten unter den Augen, den Mund, den ich kaum ausgearbeitet hatte.
„Ich wollte dich nicht traurig zeichnen“, schrieb ich.
„Das hast du auch nicht.“
„Wie meinst du das?“
„Traurig ist nicht das richtige Wort. Ehrlich vielleicht.“
Ich liess ihre Antwort eine Weile stehen.
„Ich habe während des Zeichnens nur versucht, deinen Augen zu folgen“, schrieb ich schliesslich.
„Vielleicht war genau das der Grund“, antwortete sie. „Die meisten schauen nur kurz hin. Du hast länger geschaut.“
Am Abend darauf, als ich nach Hause kam, wartete wieder eine Nachricht von ihr.
„Darf ich dir erzählen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich das Bild sehe?“
„Ja“, schrieb ich. „Sehr gerne.“
„Es ist seltsam“, begann sie. „Ich erkenne mich darin und gleichzeitig auch nicht. Es ist, als würdest du eine Frau zeigen, die ich einmal war. Oder vielleicht erst noch werden muss.“
„Welche von beiden wäre dir lieber?“
Es dauerte lange, bis ihre Antwort kam.
„Die, die nicht mehr so tun muss, als wäre alles in Ordnung.“
Da war plötzlich wieder dieses Gesicht. Die Augen. Die Linien auf dem Papier. Dieser Moment im Gympark, der damals klein gewesen war und nun grösser wurde.
„Vielleicht musst du vor diesem Bild nichts verbergen“, schrieb ich.
„Vielleicht schreibe ich dir deshalb.“
„Dann darfst du schreiben.“
„Auch wenn es nicht schön ist?“
„Gerade dann.“
Ein Bild ist nie nur ein Bild, wenn es zurückschaut. Es beginnt zu sprechen. Nicht immer mit der Stimme dessen, der es gemacht hat. Oft mit der Stimme der Person, die darin etwas von sich erkennt.
Ich hatte ihre Augen gezeichnet, weil sie mich berührt hatten. Nun schrieb sie mir, weil sie sich in diesem Bild wiedergefunden hatte.
Nicht in einer perfekten Ähnlichkeit. Nicht in jeder Linie. Vielleicht in etwas viel Schwererem: in einem Ausdruck, den sie selbst lange übersehen hatte.
„Ich glaube, ich verstehe das Bild jetzt ein wenig besser“, schrieb sie irgendwann.
„Und dich?“
„Vielleicht auch.“
Mehr braucht es manchmal nicht.
Ein Gesicht auf Papier.
Ein Blick, der geblieben ist.
Ein paar vorsichtige Sätze zwischen zwei Menschen.
Und eine Nachricht, die leise fragt, ob sie eintreten darf.