Anna L.
Anna habe ich zwei Jahre nach ihrer Chemotherapie getroffen. Sie war zur Kontrolluntersuchung da. Ein Termin, der für viele nach aussen unscheinbar wirkt und im Inneren doch alles berührt: Erinnerung, Angst, Hoffnung, Erleichterung.
Anna hat den Krebs besiegt.
Dieser Satz steht nicht leicht im Raum. Er trägt alles mit sich, was vorher war: die Diagnose, die Behandlungen, die Müdigkeit, die Tage des Wartens, die Veränderung des Körpers, die Spuren im Gesicht, in der Haut, im Blick. Nichts davon ist einfach verschwunden. Krankheit hinterlässt Zeichen. Manche sieht man. Andere bleiben tiefer.
Und doch ist Anna nicht von diesen Spuren bestimmt.
Als ich sie wieder sah, war da etwas Helles in ihr. Kein lauter Triumph, keine grosse Geste. Eher eine stille, feste Lebenslust. Ein Blick nach vorne. Ein Mensch, der weiss, was hinter ihm liegt, und der sich trotzdem dem Leben zuwendet. Ihrer Familie. Ihren Kindern. Ihren Grosskindern. Den Tagen, die wieder ihr gehören.
Ich wollte genau diesen Moment festhalten.
Die Zeichnung ist roh geblieben. Die Linien suchen, überlagern sich, bleiben sichtbar. Nichts ist geglättet, nichts schön gemacht. Das rote Klebeband gibt dem Bild fast etwas Vorläufiges, Offenes, Gegenwärtiges. Als sei Anna gerade erst aus der Erinnerung herausgetreten und noch immer in Bewegung.
Ihr Gesicht ist gezeichnet von Erfahrung, aber ihr Blick ist wach. Er geht nicht zurück in die Krankheit. Er schaut nach vorne. Ernst, klar, lebendig.
Für mich liegt darin die eigentliche Kraft dieses Bildes: Anna steht nicht als Opfer vor mir. Sie steht da als Frau, die viel getragen hat. Als Mutter, Grossmutter, Mensch. Als eine, die weitergeht.
Sie hat den Krebs bezwungen.
Und nun geniesst sie das Leben. Nicht abstrakt, nicht irgendwann, nicht als grosse Behauptung. Tag für Tag. In kleinen Momenten. In Nähe. In Familie. Im einfachen Glück, da zu sein.
Graphit auf Papier.
Fotografiert auf der Staffelei.