Hinter der Maske des Schicksals
Manchmal taucht in einem alten Notizbuch ein Satz auf, der einem so vertraut ist, als hätte man ihn selbst geschrieben. Er hat so lange zwischen den eigenen Gedanken gelegen, wurde mit Erinnerungen verbunden und innerlich weitergetragen, bis seine Herkunft kaum noch zu erkennen ist.
So ging es mir mit diesen Zeilen. Erst bei der Suche wurde mir bewusst, dass der ursprüngliche Gedanke aus Benedict Wells’ Roman Vom Ende der Einsamkeit stammt. Ich möchte ihn deshalb ausdrücklich nennen und würdigen. Seine Worte müssen mich damals tief berührt haben, auch wenn ich beim Aufschreiben vergessen hatte, den Namen des Autors festzuhalten.
Über die Jahre hat sich dieser Gedanke in mir weiterbewegt. Er hat sich mit eigenen Erfahrungen, Verlusten und Zweifeln verbunden und eine neue Form angenommen:
Das Leben führt keine Rechnung, die am Ende aufgeht. Es verspricht uns weder Gerechtigkeit noch Sinn. Manches fügt sich, als hätte es immer so kommen müssen; anderes zerbricht ohne erkennbaren Grund. Je länger ich nach einem verborgenen Plan suchte, desto deutlicher erkannte ich: Hinter dem, was wir Schicksal nennen, wartet oft nur der Zufall.
Vielleicht ist es genau das, was grosse Literatur vermag: Ein fremder Satz findet einen Platz in uns, bleibt dort über Jahre liegen und beginnt irgendwann, mit der eigenen Stimme weiterzusprechen.
Eigene Weiterführung eines Gedankens aus Benedict Wells’ Roman Vom Ende der Einsamkeit.
Originalzitat: "Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall."
Zum Bild
Auch dieses Bild stammt aus meinem Archiv. Mein Freund Michael hat die ursprüngliche Fotografie damals digital weiterbearbeitet und ihr damit eine neue Tiefe gegeben. Aus dem Porträt wurde eine vielschichtige Bildfläche aus Schatten, Handschrift, verblassenden Spuren und stillen Überlagerungen.
Die Gestalt bleibt beinahe vollständig im Dunkel. Ihr Gesicht ist nur noch als Kontur wahrnehmbar, ihr Inneres entzieht sich dem Blick. Um sie herum liegen Fragmente von Schrift, als hätten Gedanken und Erinnerungen ihre Spuren auf der Oberfläche hinterlassen, ohne sich noch vollständig lesen zu lassen.
Für mich erklärt dieses Bild den Text nicht. Es begleitet ihn wie ein Nachbild, das erst sichtbar wird, wenn man lange genug hinschaut. Die dunkle Figur wirkt zugleich anwesend und entrückt, fest umrissen und doch kaum greifbar. Vielleicht steht sie an jenem Punkt, an dem Erlebtes noch im Körper vorhanden ist, während die passenden Worte bereits verblassen.
Michaels Bearbeitung hat genau diesen Schwebezustand verstärkt. Fotografie und Erinnerung überlagern sich, Wirklichkeit und innere Bilder lassen sich kaum noch voneinander trennen. Zurück bleibt kein eindeutiges Porträt, eher die Spur eines Menschen und einer Zeit, die sich nicht vollständig festhalten lassen.
So gehört das Bild für mich zu diesem Text: nicht als Illustration, vielmehr als stiller Resonanzraum. Es zeigt nichts abschliessend. Es lässt offen, was verborgen bleibt, was wir hineinlesen und was sich unserem Verstehen für immer entzieht.