«Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.»
— Friedrich NietzscheEs gibt Menschen, die man ansieht und im nächsten Augenblick wieder vergisst. Gesichter ziehen vorbei wie Landschaften hinter einem Zugfenster, für einen kurzen Moment deutlich und kurz darauf bereits Teil von etwas Vergangenem. Und dann gibt es Menschen, bei denen der Blick hängen bleibt, ohne dass man genau sagen könnte, weshalb. Alva ist so ein Mensch. Ich habe sie in einer Buchhandlung kennengelernt. Zwischen Regalen voller Geschichten, die längst geschrieben waren, entstand ein Gespräch über ein Buch, das noch heute in mir nachklingt: Virginia Woolfs Ein eigenes Zimmer. Wir sprachen über den Raum, den ein Mensch braucht, um eine eigene Stimme zu entwickeln, über Freiheit, Unabhängigkeit, Rückzug und darüber, wie schwer es manchmal ist, etwas ganz Eigenes zu bewahren in einer Welt, die ununterbrochen etwas von uns will. Während Alva sprach, blieb mein Blick immer wieder an ihren Augen hängen.
Es waren nicht einfach schöne Augen. Schönheit wäre mir als Erklärung zu wenig gewesen. In ihnen lag etwas Unmittelbares, eine Klarheit, die beinahe unbequem werden konnte, wenn man zu lange hinsah. Dieser Blick wich nicht aus. Er bot sich auch nicht an. Er war einfach da, offen und gleichzeitig unerreichbar. Als hätte Alva einen Raum in sich, dessen Tür offenstand, ohne dass damit eine Einladung ausgesprochen wäre. Genau dieser Gedanke aus Woolfs Buch begegnete mir später beim Malen wieder: Ein eigener Raum muss nicht nur ein Zimmer mit einer Tür sein. Er kann etwas Inneres sein, ein Ort, an dem ein Mensch sich selbst gehört, ein Bereich, den kein fremder Blick vollständig betreten kann.
Ich wusste schon während unseres Gesprächs, dass ich Alva malen wollte. Der Gedanke war längst da, bevor ich den Mut fand, ihn auszusprechen. Einen beinahe fremden Menschen um ein Porträt zu bitten, empfinde ich bis heute als etwas sehr Persönliches. In diesem Satz steckt mehr, als die Frage vermuten lässt. Man sagt damit auch: Etwas an dir hat mich angehalten. Ich habe dich gesehen. Ich möchte länger hinschauen. Also fragte ich. Alva sagte sofort ja. Ich hatte mit Zögern gerechnet, mit einem höflichen Lächeln, mit einer jener freundlichen Ausflüchte, die jedem erlauben, sein Gesicht zu wahren. Ihr selbstverständliches Ja überraschte mich.
Als ich später vor dem Papier sass, wollte ich zuerst ein Gesicht malen. Die Form der Augen, die feinen Übergänge des Lichts, Mund, Nase, Haut, Schatten. Ich dachte an Proportionen, an Ähnlichkeit, an all jene Dinge, über die man beim Porträtieren nachdenkt, wenn man versucht, einen Menschen auf Papier festzuhalten. Doch das Bild begann sich sehr schnell gegen diese Absicht zu wehren. Je länger ich arbeitete, desto weniger wollte ich festlegen. Ich liess Konturen verschwinden. Die Stirn begann ins Papier überzugehen, die Wangen verloren ihre Begrenzung, die Nase wurde mehr Ahnung als Form. Selbst der Mund blieb ruhig, fast verschlossen. Das Weiss des Papiers nahm immer mehr Raum ein. Nur die Augen widersetzten sich diesem Verschwinden. Sie blieben. Und irgendwann begriff ich, dass genau darin das Bild lag. Es gibt eine Genauigkeit, die durch Weglassen entsteht, nicht durch immer weiteres Hinzufügen. Manchmal kommt man einem Menschen näher, wenn man aufhört, jede Einzelheit beschreiben und alles erklären zu wollen. Alvas Gesicht wurde immer stiller, ihre Augen immer lauter.
Sie sehen mich direkt an. Keine Pose schützt sie, kein Lächeln lenkt den Blick ab. Unter den Augen liegen dunkle Schatten, die ihnen eine Tiefe geben, die ich beim Malen nicht glätten wollte. Ihre Brauen ziehen eine fast entschlossene Bewegung durch das Gesicht. Die Lippen bleiben geschlossen. Ich kann darin Müdigkeit sehen, Widerstand, Ruhe, Distanz, Verletzlichkeit. Im nächsten Augenblick kann alles wieder anders sein. Genau dort beginnt die Gefahr des Sehens. Wir betrachten einen Menschen und glauben sehr schnell, etwas über ihn zu wissen. Wir lesen Traurigkeit in einen Blick, weil wir selbst traurig sind. Wir erkennen Misstrauen, weil wir gelernt haben, Misstrauen zu erwarten. Wir entdecken Sehnsucht, weil wir unsere eigene kennen. Ein Gesicht wird zur Projektionsfläche für all das, was wir mit uns herumtragen. Ich frage mich oft, wie viel davon wirklich dem Menschen gehört, den wir betrachten, und wie viel nur uns selbst.
Bei Alva wurde diese Frage immer stärker. Ihre Augen verändern sich auf dem Bild nicht, doch meine Wahrnehmung verändert sich jedes Mal. An einem Tag wirken sie kühl, an einem anderen offen. Einmal sehe ich darin eine grosse Ruhe, dann etwas Forderndes, beinahe Unnachgiebiges. Manchmal glaube ich, eine Spur von Traurigkeit zu erkennen, und im nächsten Moment schäme ich mich beinahe für diesen Gedanken. Denn ich kenne ihre Traurigkeit nicht. Ich kenne ihre Verluste nicht. Ich kenne ihre Geheimnisse nicht. Und sie schuldet sie mir auch nicht. Dieser Gedanke wurde mir beim Malen immer wichtiger. Ein Mensch darf sichtbar sein, ohne sich erklären zu müssen. Man darf angesehen werden und trotzdem einen eigenen Raum behalten.
Erst später wurde mir bewusst, wie eng dieser Gedanke mit Virginia Woolf verbunden ist. Woolf schrieb über die Bedingungen, die notwendig sind, damit eine Frau schreiben, denken und eine eigene Stimme entwickeln kann, über Unabhängigkeit und über einen Raum, in dem das eigene Denken nicht ununterbrochen von den Erwartungen anderer besetzt wird. Während ich Alvas Gesicht malte, nahm dieser Gedanke für mich eine andere Form an. Auch ein Porträt braucht einen solchen Raum. Nicht für den Künstler. Für den Menschen im Bild. Einen Bereich, den ich nicht ausfülle, eine Stelle, an der ich aufhöre zu behaupten, etwas zu wissen. Darum ist auf diesem Blatt so viel Weiss geblieben. Dieses Weiss ist für mich keine Leere. Es ist Alvas Raum. Ich habe nicht versucht, alles auszufüllen, was ich nicht wusste. Ich habe keine erfundene Vergangenheit in ihr Gesicht geschrieben, keine Tragödie gesucht, um ihre Schönheit interessanter zu machen, keine Geschichte konstruiert, damit ihr Blick leichter zu verstehen wäre. Ich habe stehen gelassen, was sich meiner Deutung entzieht. Eingefügtes Markdown
Und dennoch geschieht beim langen Betrachten etwas Seltsames. Je weniger ich über Alva behaupte, desto mehr beginnt das Bild über mich zu erzählen. Ich denke an Menschen, die gegangen sind. An Gespräche, die nie beendet wurden. An Sätze, die ich gern noch gesagt hätte. An jene Augenblicke, in denen uns eine kleine Veränderung völlig aus dem Gleichgewicht bringt: eine Nachricht, die nicht kommt, ein Tonfall, der plötzlich anders klingt, das Schweigen eines Menschen, dessen Stimme uns vertraut geworden ist. Unser Kopf versucht dann, Ordnung herzustellen. Er sucht Erklärungen, prüft Möglichkeiten, baut Zusammenhänge. Während er noch damit beschäftigt ist, vernünftig zu sein, haben unsere Gefühle längst begonnen, das ganze Haus umzuräumen. Erinnerungen werden hervorgeholt, alte Ängste geöffnet, Hoffnungen geprüft, längst verheilte Stellen wieder berührt. Wir erkennen die Übertreibung und sind ihr trotzdem ausgeliefert. Darin liegt wohl ein Teil unserer Menschlichkeit. Wir sind nicht so vernünftig, wie wir gern wären. Wir tragen mehr Vergangenes in uns, als uns lieb ist, und verbringen erstaunlich viel Zeit damit, auf Dinge zu reagieren, die noch gar nicht geschehen sind.
Dabei kann ein Mensch von aussen vollkommen ruhig aussehen. Er kann morgens aufstehen, Kaffee trinken, arbeiten gehen, lachen, zuhören, antworten. Niemand sieht, wie laut es gleichzeitig in ihm sein kann. Es gibt eine besondere Form von Einsamkeit, die mitten unter Menschen entsteht. Man spricht und bleibt trotzdem unerreichbar. Man wünscht sich Nähe und fürchtet sie im selben Augenblick. Man möchte gesehen werden und verbirgt genau das, was gesehen werden müsste. Darum brauchen wir wohl alle ein eigenes Zimmer. Nicht unbedingt mit vier Wänden. Einen inneren Ort, an dem nicht jede Erwartung Zutritt hat. Einen Raum, in dem unsere Gedanken eine Weile uns gehören dürfen, bevor jemand sie beurteilt. Einen Ort, an dem wir nicht erklären müssen, weshalb uns etwas berührt, weshalb wir traurig sind, weshalb wir bleiben, gehen, hoffen oder Angst haben.
Freiheit klingt oft wie eine offene Tür. Doch auch eine offene Tür kann erschrecken. Was geschieht, wenn auf der anderen Seite niemand wartet? Wenn die Stimmen verstummen, die uns so lange gesagt haben, wer wir sein sollen? Wenn wir plötzlich selbst entscheiden müssen, was von uns übrig bleibt? Man kann vieles hinter sich lassen: Menschen, Erwartungen, Gewohnheiten, ein früheres Leben. Am Ende nehmen wir immer uns selbst mit.
Ich sehe wieder auf Alva. Ihr Blick ist noch immer derselbe, und doch hat sich etwas verändert. Nicht in ihr. In mir. Nietzsches Satz vom Abgrund kam mir beim Schreiben über dieses Bild wieder in den Sinn. Je länger wir etwas betrachten, desto grösser wird die Gefahr, dass wir am Ende nicht mehr das Gegenüber sehen, wir sehen uns selbst. Aus Alvas Augen muss kein Abgrund zurückblicken. Es können meine eigenen Erinnerungen, meine Fragen und meine Verluste sein, die ich darin erkenne. Das Bild lässt diesen Gedanken zu. Es korrigiert mich nicht. Es bestätigt mich auch nicht. Es schaut einfach zurück. Und genau das macht diesen Blick für mich so stark.
Ich denke daran, wie viel wir im Laufe unseres Lebens verlieren. Menschen, Gewissheiten, Vorstellungen, frühere Versionen unserer selbst. Manche Abschiede wählen wir. Andere treffen uns ohne Vorbereitung. Irgendwann begreifen wir, dass es keine Rückkehr zu dem Menschen gibt, der wir einmal waren. Wir gehen weiter mit dem, was geblieben ist, und mit dem, was unterwegs neu zu uns kommt. Auch Hoffnung gehört dazu. Diese eigensinnige, oft vollkommen unvernünftige Hoffnung, die auftaucht, wenn wir sie längst für erledigt hielten. Sie setzt sich neben uns, obwohl wir gute Gründe hätten, sie fortzuschicken. Und irgendwann stehen wir wieder auf. Nicht geheilt von allem, nicht frei von Erinnerung, nur bereit für einen nächsten Schritt.
Ich weiss nicht, was Alva über diese Gedanken sagen würde. Wahrscheinlich gehören die meisten davon gar nicht zu ihr. Sie sind während des Malens entstanden, aus ihrem Blick und aus allem, was ich selbst in diesen Stunden mit mir herumgetragen habe. Das Bild darf deshalb nicht behaupten, Alva zu erklären. Es zeigt einen Augenblick, eine Begegnung, einen Blick. Mehr nicht. Und gleichzeitig ist es für mich genau deshalb mehr geworden.
Es ist spät, als ich die Pinsel zur Seite lege. Das Licht im Atelier hat sich längst verändert. Vor mir liegt ein Gesicht, von dem grosse Teile kaum noch vorhanden sind. Wenige graublaue Spuren, Schatten, etwas Mund, die Andeutung einer Nase. Ringsum das Weiss des Papiers. Und diese Augen. Ich könnte weiterarbeiten, einen Übergang verbessern, einen Schatten verstärken, eine Kontur zurückholen. Ich tue es nicht. Zum ersten Mal habe ich nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Ich schaue Alva an, und sie schaut zurück. Zwischen uns liegt dieser grosse weisse Raum. Und plötzlich denke ich wieder an Woolf. An ein eigenes Zimmer. An einen Raum, der einem Menschen gehört. Ich glaube, ich habe Alva auf diesem Blatt genau diesen Raum gelassen. Nicht weil ich nichts mehr zu sagen wusste. Ich habe ihn gelassen, weil ich irgendwann verstanden habe, dass nicht alles gesagt werden muss.
Darin liegt für mich eine der schönsten Möglichkeiten eines Porträts: Ein Mensch kann sichtbar werden und dennoch etwas für sich behalten. Alvas Augen bleiben offen. Ihr Blick hält mich noch einen Moment fest, während ringsum das Gesicht langsam im Weiss des Papiers verschwindet. Und da begreife ich, dass ich die ganze Zeit nach einer Geschichte gesucht hatte, die diesen Blick erklären könnte. Dabei hatte er längst begonnen, meine eigene zu erzählen.
Was die Augen verschweigen
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