Layan – Die Frau, die sie bleiben will

«Mitten im Winter erfuhr ich endlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.»

— Albert Camus, Rückkehr nach Tipasa

Es gibt Bilder, die einem leicht von der Hand gehen. Und es gibt Bilder, mit denen man ringt, die einen nicht schlafen lassen, die man immer wieder zur Seite legt, nur um sie am nächsten Morgen erneut hervorzuholen. Layans Porträt gehört zu den Letzteren.

Ich habe schon einmal über Layan geschrieben. Über die Tänzerin, die ich an ihrem Bett besuchte, über ihre Mauern, die mit jedem Tag höher geworden waren. Über das Sonnenlicht auf ihrer Bettdecke, den Regen an den Fenstern und diesen Augenblick am Telefon, als ich sie die Tänzerin nannte und sie plötzlich lachte. Nur kurz. Und doch war für einen Moment alles wieder da, was ich an ihr so sehr bewundere.

Damals entstand auch ein Bild von ihr. Eine Tänzerin in einer stillen Strasse, aufgerichtet, beinahe schwerelos, zwischen Häusern und unter freiem Himmel. Ein Bild ihrer Bewegung, ihrer Freiheit, ihrer Sehnsucht nach einem Leben, in dem ihr Körper wieder ihr eigener sein darf.

Nun ist ein zweites Bild entstanden. Ein Porträt. Und dieses Mal ging der Wunsch von Layan selbst aus. Sie wollte sich sehen. So, wie sie vor der Chemotherapie ausgesehen hatte. So, wie sie sich in Erinnerung behalten möchte. Und so, wie sie hofft, eines Tages wieder vor dem Spiegel stehen zu können, wenn all das, was gerade über sie hereinbricht, hinter ihr liegt. Es klingt nach einem einfachen Wunsch. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, wie viel darin verborgen lag. Denn was bedeutet es für eine Frau, wenn der eigene Körper plötzlich zum Schauplatz einer Krankheit wird? Wenn andere ihn untersuchen, behandeln, vermessen, wenn er sich verändert, ohne dass man darüber bestimmen kann? Wenn das vertraute Spiegelbild fremd zu werden droht und man manchmal kaum mehr weiss, wo die eigene Geschichte geblieben ist?

Layan wollte kein Bild ihrer Krankheit. Sie wollte keine Erinnerung an die Behandlungen, keine Darstellung ihrer Erschöpfung und schon gar kein Porträt, das um Mitleid bittet.

Sie wollte Layan sehen.

Die Frau mit dem roten Haar. Mit diesem Blick, der einen festhält. Mit ihrer Sinnlichkeit, ihrer Eigenwilligkeit, ihrer Schönheit. Die Tänzerin, die ihren Körper einmal so selbstverständlich beherrschte und die heute darum kämpft, das Vertrauen in ihn nicht ganz zu verlieren.

Ich habe lange mit diesem Bild gerungen.

Mit den Farben, den Linien, dem Ausdruck. Vor allem mit ihren Augen. Immer wieder habe ich etwas verändert, zurückgenommen, neu begonnen. Es gab Momente, in denen ich glaubte, ihr nahegekommen zu sein, und andere, in denen ich das ganze Bild am liebsten aus meinem Atelier verbannt hätte. Ich haderte mit ihrer Schönheit. Nicht weil ich sie nicht sah. Ich sah sie sehr wohl. Ich kannte dieses Gesicht, ihre roten Haare, diese eigenwillige Art, mich anzuschauen. Ich erinnerte mich an ihren Blick, an die Frau, die mir gegenübersass, an ihre Stimme, an ihr kurzes Lachen. Aber wie malt man einen Menschen, dessen Gegenwart man so deutlich empfindet, ohne ihn auf seine äussere Erscheinung zu reduzieren? Wie zeigt man Schönheit, wenn man weiss, wie verletzlich sie geworden ist? Und wie bewahrt man die Würde eines Menschen, ohne die Spuren dessen zu verleugnen, was ihm widerfahren ist? Auf dem Papier entstand schliesslich eine Frau, die sich über die Schulter zu uns umdreht. Ihr Haar leuchtet in einem kräftigen Rot. Die Farben ihres Körpers sind zurückhaltend, manche Konturen bleiben offen, andere verschwinden beinahe im Papier. Nichts ist vollständig ausgearbeitet. Und doch ist da dieser Blick.

Ich kenne ihn.

Layan hat mich so angesehen.

Es ist kein bittender Blick. Kein Blick, der eine Erklärung verlangt. Er hat etwas Selbstbewusstes, beinahe Herausforderndes. Und zugleich liegt darin eine Verletzlichkeit, die ich nicht benennen kann. Ihre Augen erzählen mehr, als ich mit meinen Worten festhalten könnte. Lange sass ich vor diesem Bild und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich sah zu viele Unsicherheiten. Linien, die mir missfielen. Farben, die ich anders hätte setzen können. Stellen, an denen ich gezögert hatte. Immer wieder fragte ich mich, ob ich ihr wirklich gerecht geworden war.

Dann hat Layan das Bild gesehen.

Sie liebt es.

Ich weiss nicht, wie lange ich gebraucht habe, um zu begreifen, was dieser einfache Satz bedeutet. Sie hat sich darin erkannt.

Nicht die Patientin im Spitalbett. Nicht die Frau hinter ihren Mauern, von der ich in meinem ersten Text erzählt habe. Nicht den Körper, über den seit Monaten andere bestimmen. Sie sieht sich selbst. Die Frau, die sie kennt, die sie liebt, die sie bleiben möchte. Und plötzlich steht meiner ganzen Unsicherheit etwas gegenüber, das viel grösser ist als meine Zweifel.

Ich erinnere mich an unser Telefongespräch, an dieses kurze Lachen, als ich sie die Tänzerin nannte. Damals hatte ich für einen Augenblick das Gefühl, dass sich in ihren Mauern ein kleiner Spalt geöffnet hatte. Dass etwas von jener Layan sichtbar wurde, die ich hinter all der Müdigkeit und Erschöpfung noch immer vermutete. Heute denke ich, dass dieses Porträt etwas Ähnliches bewirken könnte. Es zeigt ihr ein vertrautes Gesicht in einer Zeit, in der so vieles fremd geworden ist. Ich weiss nicht, wie ihr Leben nach der Behandlung aussehen wird. Niemand weiss das. Und ich möchte ihr keine Versprechen machen, die ich nicht halten kann. Aber ich wünsche ihr, dass sie eines Tages wieder tanzen kann. Dass Musik erklingt und sie sich bewegen darf, ohne an Untersuchungen, Schmerzen und die nächste Behandlung denken zu müssen. Dass sie ihren Körper wieder als etwas Eigenes empfindet, als einen Ort, an dem sie zu Hause ist. Vor allem wünsche ich ihr, dass sie sich selbst nicht verliert.

Manchmal frage ich mich, ob ein Künstler überhaupt entscheiden kann, wann ein Porträt gelungen ist. Ich kann die Zeichnung beurteilen, die Farben, die Komposition, die handwerklichen Fehler. Ich kann unzufrieden sein und nach etwas suchen, das ich selbst nicht genau benennen kann.

Aber Layan sieht etwas anderes.

Sie sieht eine Frau, die ihr vertraut ist. Und diese Frau schaut uns an. Vielleicht ist das der Augenblick, in dem ich lernen muss, meinem eigenen Bild zu vertrauen. Denn Layan hat mir gesagt, dass sie es liebt.

Und ich glaube, ich muss endlich lernen, ihr zu glauben.

Epilog – Zwei Bilder, eine Frau

Im ersten Bild steht Layan auf einer Strasse. Sie hat das Spitalbett verlassen, ihre Mauern hinter sich gelassen und bewegt sich durch eine Welt, die ihr wieder offensteht. Es ist ein Bild der Sehnsucht, der Bewegung, der Zukunft.

Im zweiten Bild bleibt sie still.

Sie dreht den Kopf und schaut uns an. Keine Bühne, keine Musik, keine Bewegung. Nur ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Augen. Eine Frau, die sich zeigt, ohne etwas beweisen zu müssen. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass diese beiden Bilder zusammengehören.

Das erste erzählt davon, wohin sie möchte. Das zweite erinnert sie daran, wer sie ist.

Und beide tragen etwas von jenem kleinen Lachen in sich, das ich damals am Telefon gehört habe. Ein Lachen, das nur einen Augenblick dauerte und mir doch bis heute geblieben ist. Ich werde weiter an meinen Bildern zweifeln. Das gehört wohl zu meiner Arbeit. Aber ich möchte lernen, meine Zweifel dort loszulassen, wo ein anderer Mensch etwas gefunden hat, das ihm wichtig ist. Layan hat sich in meinem Bild erkannt. Mehr kann ich mir als Künstler kaum wünschen. Und wenn ich sie eines Tages wieder tanzen sehe, werde ich an diese beiden Bilder denken.

An die Frau, die sich auf einer stillen Strasse ihren Raum zurückerobert.

Und an die Frau mit dem roten Haar, die sich zu uns umdreht und uns mit ihrem Blick daran erinnert, dass sie immer noch da ist.

Weiter
Weiter

Layan