Nadia
Es war Sommer, zwei Jahre bevor ich Nadia porträtieren sollte. Ein heller, warmer Tag, an dem es mir zu schade erschien, drinnen am Schreibtisch zu sitzen. Also nahm ich meinen Laptop und ging in den nahen Gympark. Ich suchte mir eine Bank im Schatten, setzte mich und begann zu schreiben.
Woran ich damals arbeitete, weiss ich heute nicht mehr. In jener Zeit lagen ständig mehrere Texte gleichzeitig auf meinem Bildschirm. Geschichten, Fragmente, Sätze, die vielleicht einmal etwas werden würden oder auch nicht. Seltsam, was man vergisst und was bleibt. Denn an Nadia erinnere ich mich noch genau.
Zuerst sah ich sie gar nicht. Wenn ich schreibe, kann die Welt um mich herum ziemlich schnell verschwinden. Menschen gehen vorbei, Stimmen kommen und gehen, irgendwo fährt ein Auto, ein Hund bellt, und nichts davon erreicht mich wirklich. Bis direkt vor meiner Bank jemand stolperte.
Ich blickte auf. Da war sie. Sehr schmal, beinahe zerbrechlich wirkend, mit langen Armen und ebenso langen, dünnen Beinen. Ihre Schuhe erschienen dadurch fast eine Nummer zu gross. Und über allem diese Haare: mittellang und so leuchtend rot, dass man sie unmöglich übersehen konnte. Sie sah aus wie jemand, den sich ein Zeichner ausgedacht hatte und dann im letzten Moment beschlossen hatte, noch etwas zu übertreiben. Ich musste lächeln. Nicht über sie. Eher über dieses wunderbar eigenwillige Gesamtbild, das plötzlich vor mir stand.
Sie hatte sich gerade noch gefangen. Für einen Moment sah sie zu mir herüber, beinahe ertappt, lächelte unsicher und ging weiter. Mehr geschah nicht. Kein Gespräch, kein Name, kein Gedanke daran, dass ich diese Frau irgendwann zeichnen oder porträtieren würde. Ich arbeitete noch eine Weile weiter, klappte irgendwann den Laptop zu und ging nach Hause.
Was ich von diesem Nachmittag vor allem mitnahm, war die Erkenntnis, dass Parkbänke nach ein paar Stunden deutlich weniger romantisch sind, als sie aussehen. Für den nächsten Tag nahm ich mir deshalb vor, zwei Kissen mitzunehmen. Und etwas zu essen. Und mehr zu trinken. Ich wollte wiederkommen. Schreiben unter freiem Himmel hatte etwas Eigenartiges. Die Welt lieferte einem ständig Material. Menschen gingen vorbei, Gesprächsfetzen blieben hängen, Bewegungen, Gesichter, kleine Szenen. Ich musste mir manche Figuren nicht einmal mehr ausdenken. Ich konnte sie einfach vorbeigehen lassen und später in einen Text schmuggeln.
Dabei dachte ich kurz wieder an die rothaarige Frau vom Nachmittag. Sie hätte allerdings in keine meiner damaligen Geschichten gepasst. Zu ungewöhnlich, zu eigen, vielleicht auch einfach zu wirklich. Am nächsten Tag sass ich tatsächlich wieder auf derselben Bank. Eigentlich hatte ich eine andere nehmen wollen, doch die schattigen Plätze waren bereits besetzt. Also legte ich meine beiden Kissen auf die Holzlatten, setzte mich darauf und stellte zufrieden fest, dass dies gegenüber dem Vortag beinahe schon Luxus war.
Etwa zwei Stunden später legte ich eine Pause ein. Der Text war vorangekommen, die Luft war warm, irgendwo rauschten die Bäume, und ich bekam Hunger. Ich kramte in meiner Tasche, holte etwas zu essen hervor und biss hinein. Genau in diesem Moment sah ich sie wieder. Die roten Haare zuerst, dann diese schmale Gestalt. Ich erkannte sie sofort. Manche Menschen muss man nur einmal sehen. Ich liess die Hand mit meinem Essen sinken und beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Nicht auffällig, jedenfalls hoffte ich das. Und dann geschah etwas beinahe Lächerliches. Sie stolperte wieder. Nicht an derselben Stelle. Nicht über denselben Stein. Falls es überhaupt ein Stein gewesen war. Ein kurzer erschrockener Laut, ein hastiger Schritt, die Arme für einen Moment in der Luft, dann hatte sie sich wieder gefangen.
Und sie sah mich an.
Diesmal nicht nur flüchtig. Nur wenige Sekunden vielleicht, aber lang genug. Ihre Augen waren grün. Nicht einfach grün. Dieses helle, fast jadefarbene Grün, das je nach Licht etwas Kaltes haben kann und im nächsten Augenblick vollkommen weich wirkt. Ihr Blick traf mich mit einer Direktheit, die nicht zu ihrer unsicheren Bewegung von eben passen wollte. Wach, fordernd und gleichzeitig seltsam verletzlich. Ich weiss noch, dass ich in diesem Moment mein Essen vergessen hatte. Es waren diese Augen. Damals wusste ich weder ihren Namen noch ihre Geschichte. Ich wusste nicht, weshalb sie stolperte. Ich wusste nicht, ob ich sie jemals wiedersehen würde.
Und ganz bestimmt wusste ich nicht, dass sie zwei Jahre später vor mir stehen würde, dass ich versuchen würde, genau diesen Blick festzuhalten und dass alles mit einer Frau begonnen hatte, die an zwei Sommertagen vor derselben Parkbank beinahe hingefallen war.