Susanne
Vor dem ersten Schritt
Die Nacht beginnt nicht mehr draussen, sie beginnt in ihr. Susanne sitzt in ihrer Küche vor einer leeren Tasse. Ihre Hände liegen ruhig auf dem Tisch, doch in ihr ist nichts ruhig. Gedanken ziehen ihre Kreise, leise und hartnäckig, ohne Anfang und ohne Ende. Sie könnte einfach sitzen bleiben, den Morgen abwarten, so tun, als wäre alles wie immer. Aber das ist es nicht.
Sie steht auf und geht durch die Wohnung, ohne Ziel, ohne Plan. Jeder Schritt ist ein leiser Versuch, etwas festzuhalten, das sich längst verändert hat. Ihr Blick bleibt an Dingen hängen, die gestern noch selbstverständlich waren: ein Glas, ein Stuhl, das Licht an der Wand. Alles ist noch da, und doch hat sich alles verschoben.
In ihr arbeitet etwas. Kein Lärm, kein Drama, nur dieses stille, unaufhörliche Wissen: Es beginnt.
Sie tritt ans Fenster. Draussen liegt die Stadt im Dunkeln, nur vereinzelt brennt noch Licht. Leben, das weitergeht. Leben, das nichts von ihr weiss. Im Glas spiegelt sich ihr Gesicht. Sie hält einen Moment inne, nicht fragend, nicht zweifelnd, einfach da.
Sie weiss, was kommt. Sie kennt die Worte, die Abläufe, die Räume, die Gerüche. Sie weiss, dass ihr Körper sich verändern wird, dass Kraft und Schwäche näher beieinander liegen werden als je zuvor. Und doch steht sie aufrecht. Nicht, weil sie stark sein muss, sondern weil sie da ist.
Sie geht zurück in den Raum, löscht das Licht, setzt sich wieder hin. Ihre Hände sind nun ruhig, ihr Atem gleichmässig. Morgen wird der erste Schritt sein. Heute ist der Moment davor.
Und in diesem Moment gehört sie ganz sich selbst.
Dieses Porträt von Susanne entstand zunächst als klassische Arbeit auf Papier, mit Tusche und Graphit. Reduziert, direkt und mit dem Versuch, diesen ersten, entscheidenden Moment festzuhalten: den ersten Schritt.
In einem zweiten Schritt habe ich das Bild meinem Freund Michael übergeben. Er hat es digital weiterbearbeitet, wie immer behutsam, präzise und mit einem feinen Gespür für das, was bereits im Bild angelegt war.
Für mich ging es dabei nie darum, damit das Ursprüngliche zu verändern, sondern es weiterzuführen.
Kontraste wurden vertieft, Strukturen sichtbarer gemacht, Spannungen klarer herausgearbeitet. Die digitale Ebene ergänzt die Zeichnung, ohne sie zu überlagern.
Ich empfinde diese Zusammenarbeit ein wenig wie in der Fotografie: das Zusammenspiel von analog und digital. Für mich ist es kein Entweder-oder, sondern ein Miteinander, in dem sich beide Ebenen gegenseitig stärken können.
So entsteht für mich ein Dialog, zwischen Hand und digitaler Bearbeitung, zwischen dem ersten Impuls und seiner Weiterentwicklung.