Petra
Heute scheint die Sonne nicht.
Die Trostlosigkeit der Welt liegt heute in der Gemütslage der anderen begründet. Niemals in meiner eigenen. Nicht heute. Es ist eine Gemütslage, die ich nicht verstehe, vielleicht auch gar nicht verstehen will, weil ich nichts mit ihr zu tun haben möchte.
Heute scheint die Sonne nicht. Nicht für mich und nicht für dich. Aber mich interessiert das heute nicht. Dich schon.
Das Chaos um mich herum meint mich heute nicht. Den kurzen Anflug eines schlechten Gewissens verscheuche ich wie eine lästige Fliege, die in meinem Kopf herumschwirrt und meine Gedanken durcheinanderbringen will. Hier, in meinem eigenen Kosmos, ist Chaos nicht erwünscht. Nicht heute.
Die Zeit des Glücks schreitet mit kleinen Schritten voran. Langsam gehen mir die Probleme aus, von denen ich erzählen könnte. Probleme, die ich in bunte Worte, in lebhafte Buchstaben, in eine Reihenfolge bringen könnte, um anderen mitzuteilen, wie schlecht es um mich und meinen Zustand bestellt ist.
Doch mein Zustand interessiert mich selten weniger als jetzt.
Was übrig bleibt, ist das schlechte Gewissen. Der Gedanke, dass ich das Glück wie ein Schwamm in mein Leben sauge und deshalb nichts davon für andere übrig bleibt. Denn um mich herum steht ihr mit euren traurigen Gesichtern, aus einem bunten Strauss an Gründen, und ich betrachte euch aus sicherer Distanz.
Ich weiss, dass ich eines Tages wieder eine von euch sein könnte. Vielleicht sein werde. Aber bis dahin will ich euch nicht zu nah bei mir haben. So leid es mir tut.
Ich ignorantes Arschgesicht.
Eigentlich interessieren mich eure Probleme heute nicht. Am liebsten würde ich das laut rufen, mich abwenden und im Gehen meine guten Ratschläge an geheimen Orten verstecken. Eine Schnitzeljagd für alle, die gute Ratschläge nötig haben.
Eigentlich machen mich eure Probleme ärgerlich. Euer Unmut. Eure Schwere. Dieses Kreisen um das eigene Unglück. Ich kenne das doch. Ich weiss doch, wie das ist. Jedem geht es immer am schlechtesten. Auf nichts liegt man weicher gebettet als auf dem eigenen Selbstmitleid, das einen jeden Abend in den Schlaf wiegt.
Steht doch einmal auf und lasst eure Traurigkeit liegen. Ihr versucht es ja nicht einmal. Geht hinaus und lernt das Leben wieder kennen. Es ist besser als sein Ruf. Seid doch einmal glücklich. Nur kurz. Geht raus, kauft euch ein Eis, setzt euch auf eine Wiese und beobachtet Enten, Grashüpfer oder Menschen.
Und dann komme ich auf meinem hohen Ross vorbeigeritten, lächle euch aufmunternd zu und falle in der nächsten Kurve aus dem Sattel. Aber das kann euch dann egal sein. Und mir auch.
Um Himmels willen, tut einfach etwas.
Tut mir den Gefallen.
Streckt die Hände aus und greift nach dem Leben.
Eines Morgens werdet ihr aufwachen und feststellen, dass die Schwere von euch abgerückt ist. Ihr wisst nicht genau, wohin sie gegangen ist, aber ihr fühlt ihren Atem nicht mehr in eurem Nacken. Dann werdet ihr zurückschauen und merken, dass ihr den Wendepunkt verpasst habt. Diese eine Stelle, an der sich der Vorhang der guten Zeit wieder hob und es einfach weiterging. Fast so, als hätte es die schlechten Zeiten nie gegeben.
Und irgendwann akzeptiert ihr die gute Zeit als Begleiterin. Ihr legt ihr den Arm um die Schulter und schliesst Freundschaft mit ihr.
Dann scheint die Sonne vielleicht noch immer nicht.
Aber die Trostlosigkeit ist nicht länger euer Problem.
Petra habe ich wieder bei der Nachkontrolle getroffen. Sie hatte bereits viel hinter sich gebracht. Heute ist sie gesund. Eine Kämpferin.
Das Porträt entstand aus meiner Erinnerung an sie, aus unserem Wiedersehen und aus dem Eindruck, den sie bei mir hinterlassen hat. Ich habe den Text erst später geschrieben, aber er trägt für mich genau diese Stimme in sich, die ich mit Petra verbinde: direkt, widersprüchlich, hell und dunkel zugleich. Da ist Erschöpfung, aber auch Trotz. Da ist Härte, aber keine Kälte. Da ist ein Mensch, der nicht mehr nur über das Überstehen spricht, sondern über das Zurückkehren ins Leben.
Im Bild liegt viel Unruhe. Die Pinselstriche bleiben sichtbar, fast roh. Licht und Schatten kämpfen miteinander im Gesicht. Und doch ist da dieser klare Blick. Petra schaut nicht aus dem Bild heraus, als würde sie um Mitleid bitten. Sie schaut, als hätte sie eine Entscheidung getroffen.
Weiterleben. Nicht irgendwann. Jetzt.