Maya

Die Zeit hat ihre gewohnte Ordnung verloren. Gegen drei Uhr Nachts liege ich oft wach, zu müde zum Denken und zu wach zum Schlafen. Manchmal schalte ich den Fernseher ein und sehe mir Wiederholungen schlechter Doku-Soaps an, bis der Stumpfsinn mich irgendwann erlöst und mir die Augen zufallen. Eigentlich möchte ich nur wieder schlafen können. Einfach so. Wie andere Menschen auch.

An einem Sonntagnachmittag lege ich mich deshalb ins Bett, ziehe die Decke über mich und warte ab, ob der Schlaf diesmal kommt.

Und er kommt.

Ich träume, ich nehme die Katze mit in die Strahlentherapie. Gemeinsam rennen wir durch knietiefen Matsch, unter riesigen Bewässerungsanlagen hindurch. Alle anderen benutzen die normalen Wege. Später lege ich die Katze in ein verschliessbares Eisfach und gehe nach Hause.

Ich träume, du willst mir eine Freude machen und schickst mir per Bote eine Auswahl an Kostümen. Ich soll mir eines aussuchen. Die Prinzessinnenkleider gefallen mir nicht, und eine Hexe möchte ich auch nicht sein. Also entscheide ich mich für den Astronautenanzug. Vielleicht, weil er am weitesten wegführt. Vielleicht, weil man darin atmen kann, auch wenn draussen keine Luft ist.

Ich träume, im Flur meiner Wohnung steht ein Swimmingpool. Meine Schwester baut daraus ein Schiff, um damit um die Welt zu segeln. Sie trägt ein weiss-gelbes Vintagekleid, schön und selbstverständlich wie im wirklichen Leben, und legt sich nach getaner Arbeit auf das Sonnendeck.

Ich träume, der Flur steht unter Wasser. Alle Tische haben ihre Beine verloren, alle Blumenvasen sind umgekippt. Dort, wo das Wasser verdunstet, bleiben bunte Blumenkleider zurück, als hätte jemand den Frühling ausgezogen und auf dem Boden liegen lassen.

Ich träume, ich sitze mit einem Kollegen beim Essen. Während er spricht, wird er auf seinem Stuhl immer kleiner. Auch seine Stimme wird kleiner, bis ich ihn nicht mehr verstehen kann. Später wird er sagen, ich hätte ihm nicht zugehört.

Ich träume, ich bin schwanger, und wir sitzen am steinigen Ufer eines kleinen Flusses. Dann beginne ich zu bluten, und das Wasser färbt sich rot. Aber ich fotografiere die Landschaft mit meinem Handy und lade Bilder hoch, so beschäftigt mit dem Festhalten des Augenblicks, dass ich den Augenblick selbst nicht bemerke.

Ich träume, ich trete in einem Schwimmwettbewerb gegen ein Mädchen an, das denselben Namen trägt wie ich. Ich schwimme schneller als sie, viel schneller, und steige als Erste aus dem Wasser. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie das andere Mädchen Kunststücke im Wasser vollführt. Da begreife ich, dass Schnelligkeit nie die Aufgabe war.

Mein Vater holt mich ab und kauft mir ein Eis.
In Wirklichkeit hat mein Vater mich nie irgendwo abgeholt.

All das träume ich in zweieinhalb Stunden.

Als ich aufwache, liegt die Katze neben mir und sieht mich an, als hätte sie alles gesehen. Als wüsste sie etwas über mich, das ich selbst noch nicht ganz verstanden habe.

Vielleicht hat sie recht.

Vielleicht sind schlechte Doku-Soaps nachts um drei Uhr manchmal leichter zu ertragen als die Bilder, die der Schlaf mitbringt.

Dieses Bild habe ich etwa zwei Wochen nach unserem letzten Treffen im Wartezimmer gezeichnet. Maya hatte die Chemotherapie abgeschlossen; der Rest der Strahlentherapie lag noch vor ihr. Wir hatten viel miteinander gesprochen, im Wartezimmer, aber auch in der Mensa des Spitals, zwischen Kaffee, Müdigkeit, Warten und diesem merkwürdigen Zustand, in dem der Alltag weitergeht, obwohl im Inneren längst nichts mehr alltäglich ist.

Aus diesen Gesprächen ist später auch der Text entstanden. Ich wollte ihn bewusst in seiner eigenwilligen, traumhaften Form lassen, weil genau darin für mich etwas Wesentliches von Maya sichtbar wird. Nicht als glatte Erzählung, nicht als geordnete Erklärung, sondern als ein inneres Nachbeben: Bilder, die kommen und gehen, Erinnerungen, Angst, Schlaflosigkeit, Absurdität, Humor und Erschöpfung.

So habe ich Maya erlebt: verletzlich und zugleich unglaublich klar. Müde, aber nicht gebrochen. Mit einer Art trockenem Humor. Mit Träumen, die seltsam, wild und manchmal erschreckend sind und trotzdem etwas von Widerstand in sich tragen.

Die Zeichnung versucht, diese Spannung festzuhalten. Das Gesicht ist frontal, offen, direkt. Die Linien sind unruhig, suchend, teilweise hart, teilweise brüchig. Nichts daran will beschönigen. Und doch liegt in diesem Blick eine enorme Gegenwart. Maya schaut nicht weg. Sie steht in diesem Zwischenraum nach der einen Behandlung und vor der nächsten. Zwischen Erschöpfung und Weitergehen. Zwischen Angst und Würde. Zwischen allem, was war, und allem, was noch kommt.

Michael hat mein Bild von Maya digital überarbeitet — behutsam, ohne ihm seine Rohheit zu nehmen.

Die Zeichnung bleibt verletzlich, direkt und ungeschönt. Aber durch die digitale Bearbeitung treten ihre Präsenz, ihr Blick und die Spannung der Linien noch klarer hervor. Die roten Begrenzungen wirken wie ein Rahmen, aber auch wie ein Raum, in dem Maya steht: still, erschöpft, wach und unglaublich stark.

Für mich ist es keine Glättung des Bildes, sondern eine Verdichtung. Michael hat sichtbar gemacht, was bereits da war.

Weiter
Weiter

Milla und die Pusteblume