Evelyn

Manchmal möchte ich wieder weinen können.

Aber da kommt nichts. Kein Schluchzen, kein Zittern, kein warmer Strom über die Wangen. Da ist nur diese trockene Stille in mir. Als hätte ich mich leergeweint, ausgeleert, vertrocknet. Ich sitze am Fenster, und die Ambivalenz kriecht mir die Speiseröhre hinauf. Sie schäumt in meinem Mund, wirft Blasen auf meiner Zunge und lässt mich Dinge denken, die ich lieber nicht denken würde. Ich bin doch auch nur ein pathetisches Arschloch wie alle anderen. In dieser Nacht träume ich, alles sei wieder wie früher. Gute alte Zeit, könnte man sagen, wenn man zynisch genug wäre.
Als ich aufwache, sind meine Augen verkrustet. Nicht vom Weinen. Eher von etwas, das sich geweigert hat, aus mir herauszufallen. Ich sitze am Fenster und hadere mit mir selbst. Ich habe eigentlich alles, was man sich wünschen soll. Alles, was die Welt als Glück bezeichnet. Sicherheit. Nähe. Alltag. Einen Menschen, der neben mir liegt. Dinge, für die man dankbar sein müsste. Und plötzlich erschrickst du darüber, wie leer alles sein kann, wenn kein Leid mehr da ist, an dem du dich festhalten kannst. Darüber, was dich wirklich glücklich macht.
Denn die Realität in deinem Kopf ist eine andere. Im Kopf ist alles kompliziert. Das Leben aber bietet dir Trivialitäten an, nach denen du nie gefragt hast. Eine Tasse Kaffee. Eine Hand auf deiner Schulter. Ein warmer Raum. Ein Mensch, der bleibt. Kleine, fast lächerliche Dinge. Und wie gut sie sich anfühlen, willst du dir nicht eingestehen. Du musst dich zwingen, sitzen zu bleiben. Manchmal möchte ich wieder weinen können. Wenn das so ist, dann liebe ich dich wohl nicht. So denkst du. So redest du mit dir, wenn niemand zuhört. So weidest du dich selbst aus, bis nur noch eine Hülle übrig bleibt, die irgendwann schrumpelig in sich zusammenfällt.

Eines Tages, denkst du, werden wir um all das kämpfen, was wir jetzt so selbstverständlich besitzen. Und auch um das, was wir noch besitzen werden. Wahrscheinlich werden wir alles verlieren. So wie alle anderen vor uns. Verlieren und von vorn beginnen.

Neuanfang.

Dieses grosse, saubere Wort. Dabei sind Neuanfänge oft nur Illusionen. Herzen sind keine Schiefertafeln. Menschen bestehen nicht aus Kreide. Und kein Morgen kommt mit einem Schwamm, der alles auslöscht, was vorher war. Manchmal möchte ich wieder weinen können. Und manchmal weine ich dann auch. In dieser Nacht nicht. In dieser Nacht träume ich, ich hätte das Weinen verlernt. Als ich aufwache, ist es noch dunkel. Die Fenster der Häuser auf der anderen Strassenseite starren seelenlos zu mir herüber. Die Strasse liegt schwach beleuchtet da. Ab und zu fährt ein Taxi vorbei, als hätte es eine Aufgabe, während die Nacht selbst nichts will und nichts hervorbringt. Ich gehe hinaus. Laufe ziellos durch regennasse Strassen, auf der Suche nach meinen Tränen. Ich jage meinen Albträumen hinterher, versuche die Lücken zu füllen, die früher mit Traurigkeit gefüllt waren. Lücken, die sich inzwischen geschlossen haben wie abgeheilte Wunden. Glatt von aussen. Empfindlich darunter. Als ich nach Hause komme, liegst du da wie immer. Ich lege mich zu dir und träume zusammenhanglose Dinge. Von Shoppingcentern. Von Reisebussen in Tiefgaragen. Von Orten, an denen Menschen unterwegs sind, ohne irgendwo anzukommen.

Auf der Strasse geht die Nacht weiter. Betrunkene streiten sich und schlagen sich blaue Andenken um die Augen für den nächsten Tag. Ampeln springen von Rot auf Gelb auf Grün auf Gelb auf Rot, ohne jemanden zu meinen. Gelächter in den Seitenstrassen. Ein Auto fährt vorbei, jemand erbricht sich aus der geöffneten Beifahrertür. Quietschende Reifen. Kichernde Mädchen. Betrunken diskutierende Jungs. Rauchende. Trinkende. Menschen, die an parkende Autos pissen. Andere, die auf heruntergekommenen öffentlichen Toiletten Liebe mit Verlorenheit verwechseln. Schwankende auf Fahrrädern, die ihnen nicht gehören. Schlangen vor McDonalds. Das alles passiert ohne mich. Und ich weiss es, ohne hinzusehen.
Ich kann nicht einschlafen, wenn du neben mir liegst. Ich schliesse die Augen und warte, aber nichts geschieht. Also starre ich geradeaus in die Dunkelheit und hoffe, dass sie irgendwann von selbst zufallen. Als ich merke, dass du wach bist, streckst du die Hand nach mir aus. Wenn ich versuche, das Chaos in mir zu ersticken, versuche ich manchmal, dich zu meinem Komplizen zu machen. Aber das willst du gar nicht sein. Du willst mich nicht retten. Du willst mich nicht festnageln. Du willst nicht das Gewicht übernehmen, das ich selbst kaum tragen kann. Und doch denke ich: Wenn du mich nicht zum Bleiben zwingst, rinne ich eines Tages wie Sand zwischen deinen Fingern hindurch. Dann wirst du irgendwann die Hand öffnen und dich fragen, wo ich geblieben bin.

Und dann ist es plötzlich da. Dieses Überangebot an Gefühl, das die Tränen mit sich bringt. Nicht Erlösung. Eher eine Überschwemmung. Zu viel auf einmal. Zu spät vielleicht. Und du sitzt daneben und weisst nicht recht, wofür du dich entscheiden sollst. Für das, was ich anzubieten habe, hast du keine Verwendung. Nicht, weil du mich nicht liebst. Sondern weil man mit manchen Abgründen nichts anfangen kann, ausser neben ihnen sitzen zu bleiben. Die Liebe ändert so vieles. Sie hat mich eingeseift, abgewaschen und mir Pausenbrot gemacht, noch bevor ich ein zweites Mal hingesehen habe. Das Leben krempelt dich manchmal ganz von allein von innen nach aussen, ohne dass du etwas dafür tust. Das Leben kann ein Lügner sein. Damals hat es mir so viel versprochen, und darunter war so wenig Gutes. Dann verliess es mich und schickte einen Nachfolger, der sich mit so viel Glück schmückt, dass man kaum hinsehen will. Ich habe nie nach diesem Glück gefragt. Ich habe nie Wert darauf gelegt. Und doch ging es nicht mehr fort.

In dieser Nacht träume ich, du seist wie ich.

Und plötzlich möchte ich für immer hierbleiben. An dem Ort, an den du mich gebracht hast. Ich möchte festgehalten werden. Gewaltsam, wenn es sein muss. Festgetackert an dieses Leben, an diesen Morgen, an diese Wärme, an diese lächerlichen kleinen Dinge, die ich nicht wollte und jetzt nicht mehr verlieren kann. Aber du bist nicht derjenige, der mich hier hält. Du tust, als ginge dich das alles gar nichts an. Als würdest du nur daliegen. Atmen. Warten. Da sein. Dabei bist du im Innern genauso ein pathetisches Arschloch wie ich. Nur bist du nicht wie ich. Denn du bist nicht ich. Als ich dich am nächsten Morgen frage, warum du mich nicht liebst, lachst du nur. Nicht spöttisch. Nicht hart. Eher so, als hätte ich etwas gefragt, das längst beantwortet ist.

Dann hältst du mich fest.

So gut du kannst.

Du pathetisches Arschloch.


„Sorrow“ ist ein Lied über das Erwachen in einer Welt, die ihre Unschuld verloren hat und über die Trauer eines Menschen, der spürt, dass auch in ihm selbst etwas nicht mehr heil ist.

Gerade deshalb ist der Song so stark: Er macht Schmerz nicht schön, aber er gibt ihm Raum, Grösse und Klang.

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter.

Ich sass da mit den Kopfhörern auf dem Kopf, irgendwo zwischen Kantine und Onkologie, und hörte Pulse von Pink Floyd. Gerade lief Sorrow. Einer dieser Songs, die nicht einfach beginnen, sondern aufsteigen. Schwer, langsam, dunkel. Wie ein Himmel, der sich über einem zusammenzieht. Wie ein Schmerz, der nicht laut werden muss, weil er längst alles füllt.

Ich nahm die Kopfhörer ab.

Vor mir stand eine Frau, die mir schon mehrmals aufgefallen war. Nicht, weil sie laut gewesen wäre. Eher im Gegenteil. Sie bewegte sich durch diese Gänge mit einer stillen Aufmerksamkeit, als würde sie gleichzeitig bei sich und weit weg sein. Manchmal hatte ich sie auf dem Weg zur Kantine gesehen, manchmal in Richtung Onkologie. Ein Gesicht, das man nicht einfach übersieht, weil es etwas getragen hat, ohne es vor sich herzutragen.

Sie lächelte leicht.

„Sie hören Pink Floyd“, sagte sie.

Ich nickte.

„Eine meiner Lieblingsbands.“

Sie zeigte auf meine Kopfhörer. „Und obwohl Sie sie aufhatten, habe ich Sorrow erkannt. Sie hören ziemlich laut Musik.“

Ich musste lächeln. „Bei Pink Floyd muss man das manchmal.“

Da lachte sie kurz. Nicht hell. Aber echt.

„Ich bin übrigens Evelyn.“

So kamen wir ins Gespräch.

Sie sagte, sie habe mich schon öfter beobachtet. Wie ich hier sitze. Wie ich Menschen anschaue. Nicht starrend, nicht neugierig im schlechten Sinn, sondern genau. Als würde ich Gesichter lesen, Haltungen, Müdigkeit, kleine Bewegungen, die andere übersehen. Ich erzählte ihr von den Stillen Heldinnen. Von den Frauen, die ich zeichne. Von den Geschichten, die nicht immer gesagt werden können, aber trotzdem sichtbar sind. Von Würde, Verletzlichkeit, Erschöpfung und dieser Kraft, die oft erst dann auftaucht, wenn man glaubt, es sei keine mehr da.

Evelyn hörte zu.

Dann erzählte sie mir ihre Geschichte.

Nicht alles. Nicht sofort. Nur Bruchstücke zuerst. Wie man vorsichtig Steine aus einer Tasche nimmt, einen nach dem anderen. Sie erzählte von Diagnosen, von Warten, von Zimmern mit zu hellem Licht. Von Wegen, die man nicht freiwillig geht und die man trotzdem gehen muss. Von Tagen, an denen der eigene Körper fremd wird. Und von Musik.

„Musik hat mir oft geholfen“, sagte sie. „Vor allem Pink Floyd.“

Sie schaute einen Moment zur Seite, als müsste sie prüfen, ob sie das wirklich laut sagen wollte.

„Und gerade dieser Song. Sorrow. Ich kann nicht genau sagen warum. Er spricht mich an.“

Ich verstand das.

Sorrow ist kein Lied, das tröstet, indem es sagt: Alles wird gut. Es ist kein Lied, das den Schmerz schönredet oder hell anstreicht. Es nimmt die Dunkelheit ernst. Es gibt ihr Raum, Klang, Gewicht. Da ist eine Traurigkeit darin, die nicht klein gemacht wird. Eine Welt, die müde wirkt. Ein inneres Land, das verwüstet ist, aber noch nicht verloren.

Vielleicht liegt genau darin seine Kraft.

Manchmal braucht man keine schnellen Antworten. Manchmal braucht man keinen Satz, der einem erklärt, warum man durchhalten soll. Manchmal braucht man etwas, das sagt: Ja, ich weiss. Ich kenne diese Schwere. Ich gehe ein Stück mit dir hindurch.

Und doch ist Sorrow für mich kein hoffnungsloses Lied. Es trägt zwar Schmerz in sich, aber auch Widerstand. Diese Gitarre klingt nicht nach Aufgabe. Sie klingt nach jemandem, der noch steht. Vielleicht gebeugt, vielleicht müde, aber nicht verschwunden. Der Klang zieht sich durch die Dunkelheit wie eine Linie, an der man sich festhalten kann. Nicht laut optimistisch. Aber lebendig.

Evelyn sagte, sie wisse nicht, warum dieser Song sie so anspreche.

Vielleicht musste sie es auch nicht wissen.

Vielleicht war es genug, dass er etwas in ihr erreichte, wofür es keine einfachen Worte gab. Vielleicht hörte sie darin nicht nur Trauer, sondern auch das Echo ihrer eigenen Stärke. Diese seltsame Mischung aus Erschöpfung und Weitergehen. Aus Verlust und Trotz. Aus Dunkelheit und einem kleinen Licht, das nicht verschwindet, nur weil man es gerade kaum sieht.

Ich sah sie an.

Da stand sie vor mir, in einem Gang zwischen Kantine und Onkologie, mit Pink Floyd in den Ohren und ihrer Geschichte in den Augen. Nicht als Patientin. Nicht als Diagnose. Sondern als Mensch. Als Frau, die durch etwas hindurchgeht und trotzdem noch Musik hört. Laut genug, dass ein anderer den Song erkennt.

Vielleicht war genau das der Anfang ihres Porträts.

Nicht der Schmerz allein. Nicht die Krankheit. Nicht die Gänge, nicht die Termine, nicht das Warten.

Sondern dieser Moment:
eine Hand auf meiner Schulter,
ein Lied, das schwer durch den Raum ging,
und Evelyn, die sagte:

„Ich kann nicht sagen warum. Er spricht mich an.“

Manchmal beginnt Hoffnung nicht mit einem Lächeln.
Manchmal beginnt sie damit, dass jemand die Kopfhörer abnimmt.
Dass zwei Menschen im selben dunklen Lied stehen.
Und dass einer von beiden sagt:

Ich höre es auch.

Weiter
Weiter

Milla im Ämmitau