Milla im Ämmitau
Aufgebrochen. Am Ende der Strasse gestanden. Halt gemacht. Karten gelesen. Tee getrunken. Die Hügel hinuntergelaufen und wieder hinauf. Menschen gegrüsst, die uns entgegenkamen. In den Wald hineingeschaut, als würde dort eine kleine Geschichte auf uns warten.
Unterwegs Erdbeeren gegessen. In der warmen Mittagsluft stehen geblieben und den Duft des Waldes aufgesogen: Erde, Moos, junge Blätter, Licht zwischen den Stämmen.
Später habe ich Milla gemalt, wie sie genau diesen Moment erlebt. Ganz klein steht sie am Rand des Waldes und schaut hinauf zu den Bäumen. Nicht ängstlich, sondern staunend. Als hätte sie verstanden, dass der Wald nicht einfach nur aus Stämmen, Blättern und Schatten besteht, sondern aus Ruhe, Geheimnissen und einem leisen Versprechen.
Manchmal reicht eine Wanderung im Emmental, ein warmer Tag, ein Blick in den Wald und schon ist Milla wieder da.
Graphit und Wasserfarben auf Papier.
Vor Jahren, auf einer ähnlichen Wanderung, sagte meine Frau einmal zu mir, wenn Küsse eine Farbe hätten, müssten sie wohl die Farbe von Himbeeren haben. Sie meinte, es gebe Erdbeerküsse und solche, die nach Himbeeren schmeckten.
Ich erinnere mich noch gut daran. An den Weg, an den Wald, an diese beiläufige Bemerkung, die plötzlich viel grösser wurde als der Moment selbst.
Ich sagte ihr damals, dass jeder Kuss auf ihren Lippen ein klein wenig anders schmecke. Wie wilde Himbeeren, die man unterwegs im Wald pflückt: keine ganz gleich wie die andere, jede nur für diesen einen Augenblick. Und kaum hat man sie gegessen, löscht sie die Erinnerung an die vorherige aus.
So sei es auch mit ihren Küssen, sagte ich. Jeder lasse den davor vergessen, als habe es immer nur diesen einen gegeben.
Heute, Jahre später, denke ich wieder daran. An diesen Satz. An den Wald. An die Früchte am Wegrand. An das, was man festhalten möchte und doch nicht festhalten kann.
Himbeeren kann man einfrieren.
Küsse nicht.
Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis.