Hannah

«Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben.»

Diesen Satz sagt Hannah irgendwann während des Malens. Fast nebenbei. Ich schaue von meinem Papier auf und weiss im ersten Moment nicht, weshalb er bei mir hängen bleibt.

Hannah kommt aus Bern. Kennengelernt habe ich sie im Spital. Sie begleitete eine Freundin, die an Krebs erkrankt war, und wir sassen beide dort und warteten. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte ihr von meinen «Stillen Heldinnen», zeigte ihr einige Bilder und sprach von den Frauen, deren Gesichter mich oft noch lange beschäftigen, nachdem ich den Stift oder den Pinsel weggelegt habe.

Hannah betrachtete die Porträts eine ganze Weile. Dann fragte sie mich ganz spontan, ob ich auch sie malen würde.

Eine gesunde Frau.

Sie sagte es nicht so, doch vielleicht war es genau das, was mich daran interessierte. Eine Frau, die weiss, welches Glück Gesundheit bedeutet und deren Leben deshalb trotzdem nicht jeden Tag leicht sein muss.

Später sitzt sie bei mir, ich male, und Hannah erzählt. Von ihrem Leben, ihren Sehnsüchten, von Dingen, die sie liebt, und von anderem, das sie gerade kaum ertragen kann. Von Wut, Müdigkeit, Rastlosigkeit. Von diesem seltsamen Widerspruch, zu wissen, wie gut man es hat und sich trotzdem nicht immer gut zu fühlen.

Aus ihren Sätzen, meinen Gedanken und dem Versuch, ihren Blick auf dem Papier festzuhalten, ist dieser Text entstanden. Heute könnte ich nicht mehr hinter jedes Wort schreiben, wem von uns es gehört.

«Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben», hast du gesagt.

Vielleicht beginne ich deshalb genau dort.

Du bist gesund, Hannah. Du weisst, welches Glück darin liegt. Gerade dort, wo wir uns kennengelernt haben, lässt sich dieses Wissen kaum verdrängen. Deine Freundin ist krank. Du begleitest sie, wartest mit ihr, bist da. Und trotzdem gibt es in deinem eigenen Leben Dinge, die dich unglücklich machen. Dinge, die dich müde machen, wütend, rastlos. Dinge, die du gerade nicht mehr sehen möchtest.

Beim Zuhören denke ich daran, wie schnell wir beginnen, unsere Gefühle zu rechtfertigen. Als müsste jeder Kummer zuerst beweisen, dass er gross genug ist.

Ich möchte dir zuhören, ohne dich an dein Glück zu erinnern. Du hast es nicht vergessen. Du musst auch bei mir nicht zuerst aufzählen, wofür du dankbar bist, bevor du sagen darfst, was dir fehlt.

Während ich dich male, erzählst du weiter. Mein Blick wandert zwischen deinem Gesicht und dem Papier hin und her. Manchmal halte ich inne, weil ich einem Satz folgen möchte. Dann suche ich wieder nach deinem Ausdruck. Nach dieser Mischung aus Wachheit und Müdigkeit. Aus Sehnsucht und einem ziemlich deutlichen Genug.

Dein Blick ist dabei nicht traurig. Jedenfalls nicht nur. Er scheint weiterzugehen als das, was gerade vor dir liegt. Als würdest du etwas betrachten, das ausserhalb meines Bildes liegt und das ich nicht sehen kann.

Vielleicht braucht das Schreiben Abstand zu dem, was uns geschieht. Wir schreiben leichter über eine Hand, die uns fehlt, als über eine, die gerade in unserer liegt. Wenn wir glücklich sind, haben wir womöglich einfach etwas anderes zu tun.

Ich kenne Tage, an denen mir jeder Satz gelingt und am Ende trotzdem etwas fehlt. Und andere, an denen kaum ein Wort kommt und ich mir wünsche, der Tag würde noch nicht zu Ende gehen.

Die Sehnsucht versteht viel davon, uns etwas vorzumachen. Sie kennt unsere Lieblingsfarben. Sie weiss, welches Licht auf einem Gesicht liegen muss, damit wir uns ein ganzes Leben dazu ausdenken. Sie stellt uns ein Haus ans Meer, lässt Musik durch ein offenes Fenster wehen und sorgt dafür, dass die richtigen Menschen bleiben. Sogar der Regen sieht in ihrer Vorstellung gut aus. Wir selbst übrigens auch.

Das Glück kommt weniger vorbereitet. Es trägt einen abgewetzten Mantel, hat schlecht geschlafen und beim Bäcker das Brot vergessen. Es setzt sich zu uns, riecht nach Kaffee und sagt etwas völlig Unbedeutendes. Wir warten auf die grosse Veränderung und merken kaum, wie wir ihm die Butter über den Tisch schieben.

Erst später erinnern wir uns an diesen Morgen. An das Licht auf dem Geschirr. An einen Satz, den niemand für wichtig hielt. Daran, dass wir für eine Weile gar nichts vermisst haben.

Das Malen macht mich aufmerksam für solche Momente. Ich muss hinschauen, auch wenn nichts Aussergewöhnliches geschieht. Ein Mund verändert sich, bevor jemand etwas sagt. Ein Blick wandert zum Fenster. Für einen Augenblick wird ein Gesicht ganz ruhig. Auf dem Papier wären dafür wenige Striche genug. Es wirklich zu sehen, dauert länger.

Du erzählst von deiner Sehnsucht, und ich erkenne etwas Eigenes darin. Bei deiner Wut denke ich an Tage, an denen mir schon die Stadt zu viel wird. Burgdorf im Regen. Wasser in den Schlaglöchern. Menschen hinter beschlagenen Busscheiben, alle unterwegs irgendwohin. Schlagzeilen, Werbung, Meinungen, Bilder, alles will für einen Augenblick in unseren Kopf.

Manchmal möchte ich einfach nirgends hinmüssen.

Ich bleibe an der Emme stehen. Das Wasser nimmt den Regen auf und fliesst weiter. Ohne Erklärung, ohne Eile, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein U-Boot. Einfach unter dem Lärm hindurchtauchen und eine Weile unerreichbar sein. Ein kleines Periskop würde reichen, um gelegentlich nachzusehen, ob ich schon wieder auftauchen möchte.

Es ist ein ziemlich alberner Gedanke. Ich mag ihn. Man kann schliesslich nicht immer vernünftig bleiben, nur weil man inzwischen so aussieht.

Während du erzählst, wächst in mir dieser Wunsch nach einer Pause vom ständigen Erklären. Vom Antworten. Von diesem freundlichen Gesicht, das wir noch schnell aufsetzen, bevor wir die Tür öffnen. Selbst aus unserer Müdigkeit soll am Ende etwas Brauchbares entstehen. Eine Erkenntnis wenigstens. Ein kleiner Fortschritt.

Manchmal schreibe ich Sätze wie goldene Türklinken. Ich poliere sie, bis sie glänzen, und weiss hinterher nicht mehr, welche Tür sie eigentlich öffnen sollten.

Dann denke ich, dass Schönheit auch einfach Schönheit sein darf. So wie Farbe.

Während ich an deinem Bild arbeite, liegen Violett, Blau, Ocker und Grün nebeneinander. Manche Stellen bleiben roh, andere verschwimmen. Ich könnte sie glätten, ordentlicher machen, genauer. Ich tue es nicht. Denn auch ein Mensch besteht nicht aus sauberen Übergängen.

Es gibt Tage, an denen ich Orangen kaufe und mir auf dem Heimweg vorstelle, eine davon einfach fallen zu lassen. Nicht vorsichtig. Nicht vernünftig. Nur dieses leuchtende Orange auf dem grauen Boden. Ein kurzer Aufstand gegen all die Dinge, die man ordentlich zu Ende bringen sollte.

In Wirklichkeit trage ich die Einkaufstasche nach Hause.

Auch darüber möchte ich schreiben. Über die Wut, die mit uns Gemüse einkauft. Über die Traurigkeit, die noch die Wäsche aufhängt. Über Sehnsucht, Dankbarkeit, Müdigkeit und Freude, die gleichzeitig in einem Menschen Platz haben, während er an der Kasse steht und sagt: Nein danke, den Beleg brauche ich nicht.

Später drehe ich die Musik auf. Wenn es Nacht wird, setze ich Kopfhörer auf und tanze durch die Wohnung. Wahrscheinlich sieht es unbeholfen aus. Es sieht ja niemand. Ich bewege mich, bis ich meinen Körper wieder spüre. Die Wärme. Den Atem. Die Müdigkeit in den Beinen. Bis ich schlafen kann, ohne vorher mein ganzes Leben lösen zu müssen.

Das ist ein Stück meiner Vorstellung vom Glück, Hannah. Auch dieses Gespräch mit dir gehört dazu. Du erzählst, ich male, und für eine Weile darf alles da sein, ohne dass wir es in Ordnung bringen müssen.

Du kannst wissen, wie kostbar deine Gesundheit ist, und trotzdem einen Tag haben, an dem dir nichts gelingen will. Du kannst deine Freundin begleiten und später mit deinem eigenen Leben hadern. Dankbarkeit nimmt einem die Sehnsucht nicht ab.

Ich denke noch einmal an unsere Begegnung im Spital. An diese zufällige Wartezeit, an die Bilder, die ich dir gezeigt habe, und an deine Frage, ob ich dich malen würde.

Nun bist du auf meinem Papier.

Eine gesunde Frau, die vieles liebt und manches gerade kaum erträgt. Die dankbar sein kann und trotzdem unzufrieden. Die ihre Freundin begleitet und zugleich mit ihrem eigenen Leben hadert. Nichts davon hebt das andere auf.

Ich möchte dir keine Zufriedenheit ins Gesicht malen, die du mir nicht gezeigt hast. Dein Blick darf offenbleiben.

Genau so empfinde ich auch das fertige Bild. Da ist keine Antwort darin. Keine grosse Geste. Keine Auflösung. Dein Gesicht ist ruhig, und trotzdem geschieht darin etwas. Um dich herum liegen Farben, Bewegung, Spuren. Du selbst bleibst still.

«Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben», hast du gesagt.

Seitdem denke ich darüber nach.

Wir schreiben wohl häufiger aus der Sehnsucht heraus als aus einem Augenblick, in dem uns nichts fehlt. Glück verlangt vielleicht gar nicht danach, festgehalten zu werden. Es sitzt einfach da, für ein paar Minuten, ziemlich unspektakulär, und wartet nicht darauf, dass wir etwas Kluges daraus machen.

In der Küche liegen noch die Orangen. Ich nehme eine und schiebe den Daumen unter die Schale. Der Duft steigt mir in die Nase, Saft läuft über meine Finger. Aus dem anderen Zimmer kommt Musik.

Ich lasse die Schalen auf dem Tisch liegen und gehe hinüber.

Epilog

Hannah ist eine Ausnahme. Eines der wenigen Bilder der letzten Zeit, auf denen keine Frau zu sehen ist, die selbst von Krebs betroffen ist. Für die nächsten Monate wird das auch so bleiben. Mein Herzensprojekt, die «Stillen Heldinnen», ist noch lange nicht abgeschlossen, und bereits im November wartet die nächste Ausstellung.

Trotzdem gehört Hannah für mich genau in diese Zeit.

Ihre eigene Geschichte handelt nicht von Krankheit. Unsere Begegnung begann jedoch an einem Ort, an dem Krankheit plötzlich alles andere in ein anderes Licht rückt. In einem Spital, während sie eine Freundin begleitete, die Krebs hat.

Hannah ist gesund.

Und trotzdem darf auch ihr Leben schwer sein. Sie darf zweifeln, wütend sein, etwas vermissen, sich nach anderem sehnen und gleichzeitig wissen, welches Geschenk ihre Gesundheit ist. Das eine verlangt nicht, dass das andere verschwindet.

Geblieben ist mir vor allem dieser eine Satz:

«Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben.»

Ich weiss noch immer nicht, ob er stimmt.

Aber ich habe ziemlich viel darüber geschrieben.

Ich habe diesen Song ausgewählt, weil ich finde, dass er sehr gut zu Hannahs Bild und zu unseren Gedanken passt. Zu dieser Mischung aus Sehnsucht, Unruhe, Müdigkeit und dem Versuch, nicht alles erklären oder lösen zu müssen. Genau dieses leise Loslassen, das in „Moment of Surrender“ steckt, finde ich auch in ihrem Blick und in unserem Gespräch wieder.

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Alva – Was die Augen verschweigen