Brigitte

Ich habe Brigitte im Gympark gezeichnet. Es regnete an diesem Nachmittag, und wir zogen uns unter das Dach der Veloständer zurück. Dort erzählte sie mir ihre Geschichte. Nicht nur von der Krankheit selbst, sondern auch von den stillen Erschütterungen daneben, von den Belastungen, die eine Partnerschaft verändern können, wenn plötzlich Angst, Erschöpfung und Sprachlosigkeit mit am Tisch sitzen.

Während unseres Gesprächs entstand langsam die Idee des „gelben Vogels“. Für mich wurde er zu einem Sinnbild für etwas Zerbrechliches, das einmal Hoffnung, Nähe und Freiheit bedeutete und das dennoch verloren ging.

Das Bild und der folgende Text erzählen deshalb nicht nur von Krankheit, sondern auch von der Fragilität menschlicher Beziehungen. Von Nähe und Distanz. Von Worten, die fehlen. Und von jener stillen Traurigkeit, wenn etwas, das man festhalten wollte, langsam aus den Händen gleitet.

Tusche und Graphit auf Papier.


Der gelbe Vogel

Manchmal entdecke ich dich in meinem Traum.

Ich träume, du kommst zu mir. Dein Körper ist warm, und du bewegst dich in meinen Armen, als würdest du dort für einen Moment Schutz suchen. Wenn du näherkommst, lege ich dir die Hand auf den Mund, und Stille erfüllt den Raum.

Diese Stille gebietet dem Wahnsinn Einhalt. Nur sie kann so tun, als wären wir uns ganz nah, du und ich. Alle Möbel, jeder freie Platz, jede nicht ausgefüllte Lücke im Zimmer werden zu Zeugen unserer Distanz. Nichts rückt uns dichter zusammen als Worte, die nicht gesagt werden. Zwei geschlossene Münder. Ein ruhiger Atem, der nicht durch Sprache ins Straucheln gerät.

Die unausgesprochenen Worte liegen in Schlaufen um unsere Köpfe. Wir verheddern uns in ihnen, strangulieren uns an der eigenen Sprache, an dieser Kette aus Sätzen, die uns unkontrolliert aus dem Kopf schiessen, wenn wir nicht aufpassen.

Manchmal wird man doch verrückt, sagst du, als du aufwachst und ich bei dir sitze.

Dann fragst du: Wo ist der Vogel? Eben war er doch noch hier, in meiner Hand.

Der Vogel ist tot, sage ich. Er ist davongeflogen. Er roch die süsse Freiheit und ging an ihr zugrunde. Er erstickte an ihrer Belanglosigkeit. Freiheit ist nicht immer die Erlösung, für die wir sie halten. Den Heimatlosen gehört unser ganzes Mitgefühl, und doch gehören wir inzwischen längst selbst zu ihnen.

Ich begleite dich hinaus. Du bist noch ganz weiss im Gesicht. Die Sonne schmeckt zu leise. Der Nebel schirmt uns ab und betäubt die Sinne. Du gehst langsam. Manchmal bleibst du stehen und schaust um dich, als müsstest du prüfen, ob die Welt noch an ihrem Platz ist.

Um die Zeit zwischen unseren Schritten mit etwas zu füllen, sage ich leise Gedichte vor mich hin.

Wenn ich dir sage: Für dich werde ich alles tun …

Ach, hör doch auf, sagst du. Das wirst du niemals zu mir sagen. Die Arroganz, mit der du auf andere herabsiehst, wird dir eines Tages lautlos das Rückgrat brechen.

Manchmal finden wir auf dem Heimweg einen toten gelben Vogel. Er riecht streng. Sein Bauch ist aufgebläht, seine Augen sind leer, und die Hitze beginnt bereits, ihn in seine Einzelteile aufzulösen.

Wochenlang wartet man auf die Sonne, sagst du, und kaum ist sie da, hält man sie kaum aus.

So ist es auch mit dir und mir, sage ich. Unser ganzes Leben lang warten wir auf jemanden, der unseren Erwartungen entspricht. Und kaum ist dieser Mensch da, bereitet uns seine Anwesenheit von Zeit zu Zeit körperliche Schmerzen.

Dann strecken wir doch lieber wieder die Hände nach dem eigenen Spiegelbild aus, weil es das Einzige ist, das keine Widerworte gibt. Der eigene Körper gehört uns meistens ganz. Ohne Verhandlung. Ohne Kompromiss.

Ich wäre immer lieber im Geräusch als in der Gestalt. Lieber in der Stille als im Schatten. In der Stille feiern wir uns selbst. Im Schatten kriechen wir auf allen vieren dem Licht entgegen, das niemals kommt.

Wir werden niemals ganz zufrieden sein mit uns und der Welt, die uns umgibt. Die Möglichkeiten sind zu zahlreich, als dass wir uns für eine entscheiden könnten.

Wir heben den toten Vogel auf, legen ihn zuhause in einen Schuhkarton und begraben ihn im Garten.

Mit dem Karton auf dem Schoss sitze ich im moosigen Gras, das seufzend unter meinem Gewicht nachgibt, und beobachte dich. Du schaufelst mit den Händen Erde zur Seite. Immer dieselbe Bewegung, so langsam und so ineffektiv, dass wir morgen vielleicht noch immer hier sitzen könnten.

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein.

Ich weiss nicht, wann diese Leidenschaft für das Unperfekte begonnen hat. Aber du bist vollständig unperfekt. Und in diesem Moment, mit einem toten gelben Vogel auf meinem Schoss, liebe ich dich vollständig dafür.

Ich könnte jeden unvollkommenen Augenblick meines Lebens genau hier verweilen lassen.

Das Unperfekte vereint uns auf die unperfekteste Weise: Zuneigung und Abneigung in ihrer hässlichsten Kombination. Die Stille, unvollkommen gemacht durch leise dahingehauchte, laut herausgeschriene, unverständlich ausgesprochene und im falschen Moment gebrauchte Worte.

Als du die letzten Brocken Erde auf den Karton wirfst, beginnt es zu regnen.

Die Sonne hat sich leise aus dem Staub gemacht und die Stille mit sich genommen. Das Rauschen des Regens erfüllt die Luft. Der gelbe Vogel ist tot, wie alle vor ihm und alle nach ihm.

Manchmal entdecke ich dich in meinem Traum.

Ich träume, du kommst zu mir. Dein Körper ist warm, und du bewegst dich in meinen Armen. Wenn du näherkommst, lege ich dir die Hand auf den Mund, und Stille erfüllt den Raum.

Denn nur die Stille gebietet dem Wahnsinn Einhalt.



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Milla und die Sommerblumen