Zwischen Verdrängen und Atmen (2.0)

Man sagt, man müsse zwischendurch fröhlich sein. Positiv denken. Das Dunkle beiseiteschieben, damit das Schöne wieder sichtbar wird. Also heute: Platz schaffen für helle Gedanken. Den Vorhang aufziehen. Licht hineinlassen, auch wenn es blendet. Die Kopffenster putzen, den Gedankenmüll hinauswerfen, so lange lächeln, bis das Gesicht selbst glaubt, es sei echt. Es funktioniert. Nicht für immer. Aber für ein paar Stunden. Genug, um kurz zu ruhen. Genug, um Atem zu sammeln für die nächsten inneren Zusammenstösse. Heute also: Angriff der Verdrängungsmechanismen. Meine Strategie?

Einfach einmal überfahren lassen.

Dieses Bild bewegt sich im schmalen Raum zwischen Hoffnung und Erschöpfung. Zwischen dem Wunsch, stark zu sein, und dem Wissen, dass Stärke manchmal nur ein kurzer Aufschub ist. Der Blick ist nach innen gerichtet. nicht aus Rückzug, sondern aus Überforderung. Das Gesicht erzählt von dem Versuch, Ordnung im Chaos der Gedanken zu schaffen. Von der stillen Arbeit, weiterzumachen, auch wenn Zuversicht nur geliehen ist. Es ist kein Bild über Heilung. Es ist ein Bild über Pause. Über jene wenigen Stunden, in denen Verdrängung kein Scheitern ist, sondern ein Überlebensinstrument. Ein leiser Moment zwischen zwei Kopfklopfereien.

Das Bild entstand im Gympark in Burgdorf. Sie sass auf einer Bank und blickte schweigend in Richtung Alpen. Ein stiller, beinahe unberührbarer Moment, wie man ihn gewöhnlich vorbeiziehen lässt. Ich überwand meine Zurückhaltung und fragte sie, ob ich ein Bild machen dürfe. Sie sagte ja.

Erst nach der Aufnahme kamen wir ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass es ihr gerade nicht gut gehe, dass diese Zeit für sie schwer sei und dass es sich in genau diesem Moment überraschend schön anfühle, wahrgenommen zu werden. Gesehen zu werden, ohne Erwartungen, ohne Urteil.

So wurde das Bild mehr als eine fotografische Begegnung. Es bewegt sich im schmalen Raum zwischen Hoffnung und Erschöpfung, zwischen dem Wunsch, stark zu sein, und dem Wissen, dass Stärke manchmal nur ein Aufschub ist. Der Blick ist nach innen gerichtet. Kein Rückzug, vielmehr der Versuch, im eigenen Gedankenraum Ordnung zu finden.

Licht und Schatten erzählen keine konkrete Geschichte, sie zeigen einen Zustand: Verletzlichkeit, Sammlung und das Bedürfnis nach einer Pause. Kein Bild über Heilung, ein Bild des Innehaltens. Jene seltenen Stunden, in denen Verdrängung kein Scheitern ist, sondern ein stilles Überlebensinstrument. Ein Moment zwischen zwei inneren Zusammenstössen.

Für mich steht diese Arbeit für die leise Kraft menschlicher Begegnungen. Für Augenblicke, in denen ein Mensch nicht übersehen wird. Manchmal genügt ein einziger Blick, um jemanden wieder spüren zu lassen, dass er existiert.

Dieses Bild bewahrt einen solchen Moment.

Diese Version des Bildes wurde von Michael behutsam digital überarbeitet. Herzlichen Dank, lieber Michael. Es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend zu sehen und zu spüren, wie du meinen Arbeiten mit deiner sensiblen Bearbeitung eine zusätzliche Tiefe und Seele verleihst.