Zu langsam für das Glück (12.0)

Verzeih mir.
Ich war dumm.

Ich hätte dich küssen sollen.

Es war einer dieser Abende, an denen der Körper leichter ist als sonst. Ich kam von einem Konzert, die Nacht war noch jung, und in mir klang noch „Shine On You Crazy Diamond“ nach. Nicht nur als Musik. Eher als ein langes Leuchten im Brustkorb. Diese langsame, schwebende Melodie, dieses Aufglimmen aus der Dunkelheit, als würde etwas Verlorenes noch einmal hell werden.

Ich warf mein Fahrrad an die Hauswand und sah nach oben. Bis dorthin, wo das Dach begann. Hinter den Fenstern bewegten sich Schatten, Gläser, Körper, tanzende Silhouetten. Licht fiel auf die Scheiben, Stimmen kamen gedämpft nach unten, und alles an diesem Haus sagte: Komm hinauf. Beeil dich. Sie könnte da sein.

Ich hoffte es.

Du mochtest keine grossen Menschenmengen. Du hast dich nie gern mitten hineinwerfen lassen in das Laute, Gedrängte, Überschäumende. Also wusste ich nicht, ob du kommen würdest. Genau deshalb nahm ich die Treppe schneller als sonst.

Oben war der Abend schon in vollem Gang. Menschen standen in Gruppen herum, lachten, rauchten, hielten sich an Gläsern fest. Ich grüsste flüchtig, verschwand kurz in meinem Zimmer, zog mir etwas anderes an, etwas, das mehr nach Nacht aussah als nach Alltag.

Dann sah ich dich.

Du standst in der Nähe der Spüle. Ein, zwei Typen hingen um dich herum, bemüht, wortreich, viel zu nah an sich selbst. In deinen Augen lag diese höfliche Langeweile, die ich sofort erkannte. Du warst noch da, aber innerlich längst woanders.

Ich drängte mich an ihnen vorbei und stand direkt vor dir.

„Hallo“, sagte ich.

Du lächeltest.

Und dieses Lächeln hätte gereicht. Ich hätte den ganzen Abend nichts anderes tun müssen, als vor dir zu stehen und immer wieder zu sagen: Hallo. Schön, dass du da bist. Schön, dass es dich gibt.

Doch dieser Abend wollte mehr.

In jedem Blick lag dieses Mehr. In jeder kleinen Berührung. In jedem Satz, der harmlos begann und darunter längst eine andere Sprache sprach. Du warst schön. Nicht einfach hübsch. Schön auf diese gefährliche Weise, bei der der Raum um einen herum seine Ordnung verliert.

Ich wollte es dir sagen. Ruhig. Ohne Spiel. Ohne Ausweichen.

Wir redeten über nichts und alles. Über Dinge, die keine Rolle spielten und genau deshalb wichtig waren. Es war leicht zwischen uns. Fast zu leicht. Als hätte der Abend einen feinen, goldenen Ton angeschlagen, und wir müssten ihm nur noch folgen.

Irgendwann wollte ich eine Zigarette rauchen. Ein Stockwerk tiefer stand ich am grossen offenen Fenster. Die Nachtluft kam herein, kühl und klar. Hinter mir drang Musik aus der Wohnung, gebrochen durch Türen, Wände, Stimmen. Und in mir lief immer noch Pink Floyd weiter. Dieses lange Schweben. Dieses Glühen. Dieses shine on, das nicht endet, obwohl man längst weiss, dass nichts bleibt, wie es war.

Dann kamst du die Treppe hinunter.

Stufe für Stufe.

Es war viel zu schön, um nicht peinlich zu sein. Viel zu filmisch. Viel zu gross für diesen schmalen Flur, dieses offene Fenster, diese Zigarette zwischen zwei Atemzügen. Und doch war es genau so. Du kamst näher, und mit jedem Schritt wurde die Luft dichter.

Du sagtest, jemand habe dich geschickt.

Ich sagte, dann habe dieser Jemand alles richtig gemacht.

Wir standen nah beieinander. Alles wurde leiser. Die Stimmen oben, die Musik, der Abend, die ganze Welt. Nur du warst deutlich. Dein Gesicht. Dein Atem. Deine Hände. Dieses Funkeln, in dem schon alles stand, was wir nicht aussprechen wollten.

Es war Flüsterton. Abenteuer. Verbot. Lächeln. Begierde. Dieses gefährliche Zögern kurz vor dem Sprung.

Ich nahm deine Hände.

Wir tanzten im Flur.

Nicht richtig. Nicht schön im üblichen Sinn. Eher so, wie zwei Menschen tanzen, wenn sie längst wissen, dass es nicht um Schritte geht. Der Rest der Musik kam durch den Türspalt zu uns herunter. Dumpf, fern, gerade genug. In mir zog sich die Melodie weiter, langsam und weit, als hätte jemand das Licht im Inneren nicht ausgeschaltet.

Wir lachten. Du lehntest dich näher. Ich hielt dich fest.

Dann wurde es still.

Nur für einen Moment.

Aber dieser Moment hatte Gewicht.

Wir standen Nasenspitze an Nasenspitze. Dein Atem lag zwischen uns. Warm. Nah. Vertraut, obwohl noch nichts geschehen war. Unsere Münder waren sich näher als unsere Gedanken. Sie wussten längst, was zu tun gewesen wäre.

Du sahst zu mir hinauf und sagtest:

„Jetzt wird es wohl ernst.“

Ja.

Da wurde es ernst.

Und genau da begann ich zu denken.

Das war mein Fehler.

Blaise Pascal schrieb:
„Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“

Mein Herz wusste längst Bescheid. Mein Verstand kam zu spät dazu und machte alles kaputt. Er stellte Fragen, wo keine Fragen hingehörten. Er suchte Folgen, wo nur ein Kuss wartete. Er zählte Risiken, während dein Gesicht vor mir war.

Ich hätte deine Wange berühren sollen. Hätte dich ansehen sollen, bis kein Satz mehr zwischen uns gepasst hätte. Hätte dir sagen sollen, wie schön du bist. Wie sehr ich dich wollte. Wie sehr dieser Abend auf diesen einen Kuss zulief.

Stattdessen sagte ich:

„Lass uns wieder hochgehen. Zu den anderen.“

Der Satz fiel zwischen uns wie etwas Kaltes.

Du lächeltest noch. Aber anders.

Und danach war der Abend dunkler.

Die Musik blieb, aber sie klang dumpfer. Mein Getränk schmeckte abgestanden. Die Menschen redeten weiter, lachten weiter, tanzten weiter, als wäre nichts geschehen. Nur in mir war etwas aus der Spur geraten.

Manchmal entscheidet sich ein ganzes Erinnern an einem ausgelassenen Kuss.

Nicht an dem, was passiert ist. An dem, was nicht passiert ist.

An einer Treppe.
Einem Flur.
Zwei Händen.
Einem Satz.
Einem Mund, der schon auf dem Weg war und doch nie ankam.

Und noch heute, wenn „Shine On You Crazy Diamond“ irgendwo aufleuchtet, bin ich wieder dort. Im Flur. Am offenen Fenster. Bei deinem Gesicht. Bei dieser kleinen, glänzenden Möglichkeit, die für einen Atemzug alles war.

Du warst da.

Ich war da.

Der Abend hielt kurz den Atem an.

Und ich war zu langsam für das Glück.

Zum Bild

Diese Geschichte gehört zu einer Zeit, in der Pink Floyd noch durch die Nächte zog wie ein ferner Lichtstrahl. Damals, als Konzerte noch etwas von Aufbruch hatten, als Musik nicht einfach lief, sondern den ganzen Körper erfüllte. Wir waren jung, unerfahren, offen für alles, was glühte, und oft zu vorsichtig, wenn das Glück ganz nah vor uns stand.

Dieses Bild ist eine leise Reminiszenz an jene Tage. An das Licht von damals. An die Leichtigkeit. An den Moment, bevor man zu viel denkt. Ihr Gesicht im Gegenlicht, die Sonne im Haar, dieser ruhige Blick, der nicht fordert und doch alles sagt. Als wäre darin noch einmal dieses alte Leuchten aufgehoben.

„Shine on, you crazy diamond.“

Mehr als eine Songzeile. Eher ein Nachhall. Ein Ruf aus einer anderen Zeit. Für all jene, die einmal hell gebrannt haben. Für die Schönheit, die nicht wusste, wie zerbrechlich sie ist. Für die Jugend, die glaubte, ein Abend könne ewig dauern.

Pink Floyd klang damals wie ein Versprechen aus Licht und Melancholie. Langsam, schwebend, weit. Und irgendwo in dieser Musik liegt auch diese Geschichte: ein Flur, ein Blick, ein Zögern, ein Kuss, der nicht geschah.

Das Bild hält davon etwas fest.
Nicht die ganze Vergangenheit.
Nur ihr Glimmen.

Ein Gesicht im Licht.
Ein Sommer in den Augen.
Ein Lied, das weiterklingt.
Und dieses zarte Wissen, dass manches nie ganz verschwindet, wenn es einmal so hell war.