Wie lange ist das her? (8.2)

Weisch no?

Wie lange ist das her?

Ich weiss es nicht mehr genau. Irgendwann damals, in der Altstadt von Burgdorf. Aufgenommen mit einer alten Konica, das Modell habe ich längst vergessen. Auf Kodakfilm. Später vergrössert, eingescannt, weitergetragen von einem Medium ins nächste, als hätte auch das Bild selbst mehrere Leben gebraucht, um wieder hier anzukommen.

Noch später hat Michael das Bild digital bearbeitet. Nicht, um ihm seine Herkunft zu nehmen. Eher, um sichtbar zu machen, was schon darin lag: die Körnung, die Unschärfe, die Tiefe, dieses Unruhige zwischen Gesicht und Spiegelung, zwischen Erinnerung und Gegenwart.

Und doch ist dieser Tag noch da.

Nicht vollständig. Nicht sauber geordnet. Eher wie eine Spur auf altem Papier. Wie ein Kratzer auf einem Negativ. Wie ein Blick, der durch die Jahre hindurch immer noch zurückschaut.

Mit dem Bild kommen auch die Gedanken von damals zurück. Ungefiltert. Unfertig. Noch nicht geglättet durch die Jahre.

Es gibt immer einen Ort, der dich in die Vergangenheit zurückversetzt. Einen Geruch. Einen Geschmack. Ein Gesicht. Eine Stimme. Ein Lachen, das irgendwo ähnlich klingt. Und plötzlich ist alles wieder da.

Dann sticht es kurz.

Bilder schieben sich vors innere Auge, ohne zu fragen. Bilder, die du längst in Schachteln verpackt und weggestellt hattest. Erinnerungen, von denen du dachtest, sie seien verblasst. Auf einmal sind sie wieder lebendig. Sie springen dich an, nehmen Raum ein, legen sich über den Tag, in dem du gerade stehst.

Für einen Augenblick bist du wieder dort. Verletzlich. Hellwach. Klein. Als könnte dich alles noch einmal überwältigen.

Novalis schrieb:
„Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“

Manchmal ist Erinnerung genau das. Kein Zurück in ein früheres Leben. Eher ein kurzer Heimweg zu einem früheren Ich. Zu einem Ort, an dem etwas begonnen hat, ohne dass man es damals wusste. Zu Menschen, Blicken, Gesten, die längst weitergezogen sind und dennoch etwas in uns zurückgelassen haben.

Aber es bleibt nicht.

Es ist nur dieser eine Moment.

Dann fängst du dich wieder. Du atmest. Schüttelst leicht benommen den Kopf, als würdest du alles zurück an seinen Platz rücken. Nicht weg. Nur dorthin, wo es hingehört.

Und dann gehst du weiter.

Hinein in das Leben, das längst wieder deins ist.