Wenn es dunkel wird 12.1
Manchmal entsteht an einem Tag mehr, als man am Morgen erwartet hat. Ein Bild. Ein paar Sätze. Fragmente, die zunächst nichts miteinander zu tun haben und sich irgendwann doch an derselben Stelle treffen. Genau dort, wo Sprache auf ein Gesicht trifft und plötzlich etwas sichtbar wird, das vorher nur als Gefühl vorhanden war.
Wenn es dunkel wird, wenn die Nacht an das Fenster klopft und die Geräusche des Tages langsam verschwinden, beginnen andere Geschichten. Nicht die grossen Heldengeschichten, die man weitererzählt, weil sie so schön klingen. Eher die kleinen, die man für sich behält. Die von Sehnsucht. Von Nähe. Von diesem merkwürdigen Gefühl, gleichzeitig angekommen zu sein und trotzdem noch irgendwohin zu wollen.
Eines Tages wird die Luft womöglich nach regennassen Büchern riechen. Ich mag diesen Gedanken. Nach Papier, das zu viel erlebt hat, nach Tinte, die sich langsam auflöst, nach Geschichten, die sich nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln halten lassen. Wir würden dastehen und zusehen, wie die Worte davonschwimmen. Nicht weil sie verloren sind. Sie gehen einfach irgendwo anders weiter. In einem Meer aus Geschichten, in dem sich Wahrheit nicht wie ein Satz finden lässt, eher zwischen all den Dingen, die wir erzählen und verschweigen.
Manchmal beginnt etwas ganz klein. Ein kaum spürbares Ziehen irgendwo innen. Diese Ruhe vor dem Sturm, die sich im Herzen einnistet und dort seltsame Dinge veranstaltet. Und plötzlich hebt man wieder ein wenig ab. Nicht elegant, nicht vernünftig. Eher wie eine betrunkene Hummel, die noch nicht bemerkt hat, dass sie eigentlich viel zu schwer zum Fliegen ist. Oder wie ein Kolibri, der beschlossen hat, heute ein bisschen zu schnell zu leben.
Genau darin liegt für mich eines der schönsten Gefühle: wenn man nach langer Zeit wieder merkt, dass etwas in einem in Bewegung gekommen ist.
Nicht unbedingt etwas Grosses. Keine Offenbarung. Es kann ganz einfach Lust sein. Auf einen Menschen. Auf einen Gedanken. Auf eine Geschichte. Auf morgen.
Dann wird die Nacht nicht mehr nur dunkel. Man erinnert sich daran, dass die Sonne lediglich auf der anderen Seite der Welt steht. Dass Licht nicht verschwunden ist, nur weil man es gerade nicht sieht. Ich denke manchmal, wie wunderbar es wäre, wenn das Beamen endlich erfunden würde. Nicht um irgendwohin zu fliehen. Einfach, um für einen Augenblick genau dorthin zu gelangen, wo es gerade hell ist. Zusammen. Oder nur für diesen einen absurden Moment, in dem aus einem Winter plötzlich Frühling wird, weil jemand darin auftaucht.
Zwischen Sehnsucht und Zuhause liegt ohnehin mehr Raum, als man denkt. Zwischen zerwühlten Laken und den Kaffeetassen auf dem Küchentisch. Zwischen dem, was man sagt, und dem, was man eigentlich meint. Zwischen dir und mir. Zwischen Nähe und Freiheit. Zwischen all unseren wunderbaren Gegensätzen.
Und irgendwo dort ist immer noch Platz für ein Lächeln.
Am Ende kann genau das genügen.
Nicht alles verstehen zu müssen. Nicht jede Unsicherheit zu zerdenken. Nicht aus jedem Gefühl eine Entscheidung zu machen. Manches darf einfach da sein. Ein Blick. Ein Satz. Eine Nacht. Ein Mensch.
Das Bild, das heute entstanden ist, erzählt für mich genau davon. Da ist Dunkelheit darin, ohne dass es ein trauriges Bild ist. Die Frau ist allein, ohne einsam zu wirken. Es ist dieser stille Moment dazwischen. Eine Person, die nichts beweisen muss. Die einfach da ist, mit allem, was gerade in ihr wohnt.
Darum mag ich diese stillen Bilder so sehr.
Sie geben keine Antwort.
Sie lassen Platz.
Für unsere eigenen Geschichten. Für Erinnerungen. Für Sehnsucht. Für dieses kleine, fast unvernünftige Glück, das plötzlich auftaucht und einem zuflüstert, dass man sich den Kopf nicht immer so verdammt schwer machen muss.
Und eines Tages fällt womöglich tatsächlich dieser schöne Regen.
Die Bücher werden nass, die Tinte wird verlaufen und die Worte werden sich auf den Weg machen.
Wir werden ihnen nachsehen.
Und statt sie festhalten zu wollen, werden wir einfach lächeln.
Weil wir wissen, dass Geschichten nicht verschwinden.
Sie verändern nur ihre Form.
Zum Bild:
Das Bild ist heute Abend entstanden. Aufgenommen mit der Leica im Atelier, mit sehr wenig Licht, fast nur so viel, wie nötig war. Später habe ich in Lightroom die Farbigkeit verändert und dem Bild damit noch etwas von jener stillen, nächtlichen Stimmung gegeben, die ich bereits beim Fotografieren gespürt hatte.
Sie habe ich vor langer Zeit kennengelernt. Schon damals war ich fasziniert von ihr, und irgendwann haben wir uns versprochen, gemeinsam Bilder zu machen. Es hat gedauert. Heute ist nun das erste entstanden.
Sie schaut nicht wirklich weg und auch nicht ganz zu mir. Ihr Blick bleibt irgendwo dazwischen hängen. Wach, ruhig, ein wenig müde. Da ist nichts Lautes in ihr, nichts, das Aufmerksamkeit verlangt oder sich erklären möchte. Und trotzdem bleibt man an ihr hängen.
Vielleicht liegt es an dieser eigentümlichen Ruhe, die sie mitbringt. An etwas Ungesagtem. An jener Stille, die erst auftaucht, wenn draussen alles leiser wird und man plötzlich genauer hinsieht.
Ich war damals fasziniert von ihr.
Und ich bin es noch immer.