Sommertage (5.1)
Epilog
Und vielleicht ist es genau das, was sie miteinander verbindet: nicht dieselbe Geschichte, nicht derselbe Weg, nicht dieselben Narben, aber dieses Wissen, dass der Körper manchmal ein fremdes Land wird, durch das man gehen muss, ohne Karte, ohne Gewissheit, ohne zu wissen, ob hinter dem nächsten Hügel wieder Licht liegt.
Die eine begegnet mir im Dunkelgrau, mit Tequila auf den Lippen, Fragen in den Fingerspitzen und Disteln im Haar. Die andere steht im Frühling vor mir, im stillen Licht des Ateliers, den Kopf rasiert, zwei Jahre nach der Chemotherapie, nicht mehr als Zeichen des Verlustes, sondern als Entscheidung. Als eigene Form von Würde.
Und plötzlich ist da dieser Duft. Nicht der Duft dieses Tages, denn es ist Frühling. Und doch riecht alles nach Sommer. Nach vergangenen Sommertagen, nach harzschweren Fichtenwäldern, nach Badekleidern am See, nach warmem Wind auf der Haut. Nach einem Leben, das einmal selbstverständlich war und es wieder werden darf.
Vielleicht tragen beide Frauen diesen Sommer in sich. Nicht als leichte, sorglose Jahreszeit, sondern als Erinnerung daran, dass Wärme zurückkehren kann. Dass selbst nach Diagnose, Behandlung, Angst und Erschöpfung wieder etwas wächst. Wilder Wein. Gras zwischen Steinen. Licht an einem Körper, der geblieben ist.
Sie begegnen sich nicht im Bild. Und doch stehen sie einander nah. Die eine in meinem Garten aus Gedanken, die andere im schwarzen Raum des Ateliers. Beide an einer Schwelle. Beide gezeichnet. Beide nicht fertig erzählt.
Die Zeit geht weiter, unbeeindruckt von allem. Bald Sommer, dann Herbst, dann Winter. Und irgendwo dazwischen bleiben diese Gesichter. Diese Körper. Diese stillen Heldinnen, die nichts beweisen müssen und doch alles zeigen.
Vielleicht beginnt Hoffnung genau dort: nicht im grossen Satz, nicht im lauten Triumph, sondern in einem Blick, der bleibt. In einem rasierten Kopf, der nicht mehr versteckt wird. In einem Duft, der plötzlich wiederkehrt und sagt: Es gibt noch Sommertage. Auch nach allem.