Ohne Worte (4.0)
Dieser Text entstand in einer Phase, in der Worte ihre Verlässlichkeit verloren hatten. Was mich lange getragen hatte, wurde stiller, brüchiger, unsicher. Während die Sprache zu zögern begann, fand ich zunehmend Zuflucht in der Malerei, dort, wo Empfindungen nicht erklärt werden müssen und Stille eine eigene Form des Ausdrucks erhält.
Das Bild entstand zuerst aus diesem Schweigen. Der Text folgte später, als Versuch, den Weg dorthin nachzuvollziehen: zu verstehen, was geschieht, wenn Farbe übernimmt, was Worte nicht mehr halten können.
Worte sollten retten. So hatte ich es gelernt. Worte sollten heilen, ordnen, tragen. Doch manchmal fallen sie gemeinsam mit einem selbst. Sie treffen auf den Boden und zerbrechen in Laute, die keine Richtung mehr kennen, scharfkantige Splitter aus Wut und Schmerz, die fremd wirken, sobald man sie wieder aufhebt.
Früher waren Worte Verbündete. Sie standen auf meiner Seite, ohne zu urteilen. Unter meinen Fingern waren sie gleichwertig, gleich nah, gleich wahr. Sie kannten die Dunkelheit und fürchteten sie nicht. Ich liebte sie bedingungslos, und sie hielten stand, jeder Krise, jedem Aufschrei, jeder Verletzung.
Ich weiss nicht mehr, wann sich etwas verschoben hat. Wann der Blick auf sie härter wurde. Wann Zweifel begann, ihre Formen zu prüfen, ihre Bedeutung zu misstrauen. Plötzlich wirkten sie ungenau, zu klein für das, was sie tragen sollten. Als hätten sie ihre Kraft verloren oder ich den Zugang zu ihr.
Es gab eine Zeit, da genügte ein Satz, um wieder aufzutauchen. Wenn das Leben zu eng wurde, suchte ich nach Worten wie nach einem Halt im Wasser. Mit jedem gefundenen Satz kam die Oberfläche näher, bis wieder Luft da war, bis das Licht zurückkehrte.
Irgendetwas hat diese Gewissheit verändert. Vielleicht die Zeit. Vielleicht Erfahrungen, die sich nicht mehr erzählen lassen. Vielleicht die stille Härte einer Wirklichkeit, die jeden Tag neu fragt, wie lange man noch glauben kann, dass am Ende alles gut wird.
I just want to believe everything will be okay.“
„You’re way too young not to believe it’s gonna be okay.“
(Peyton & Max, One Tree Hill)
Heute tragen mich oft die Worte anderer. Fremde Stimmen, die unerwartet vertraut geworden sind. Menschen, von denen ich nie dachte, dass ihre Sätze einmal Gewicht haben würden, oder dass ihr Schweigen so laut sein könnte.
Die Worte sind nicht verschwunden. Sie existieren weiterhin, irgendwo zwischen Händen und Stimmen, zwischen Nähe und Entfernung. Manchmal finden sie ihren Weg zurück zu mir. Leise. Zögernd.
Und manchmal, genau dann, wenn sie gebraucht werden.