Kalifornien, 1984 – ein Himmel, der geblieben ist (10.0)
Kalifornien, 1984 – ein Himmel, der geblieben ist
Manchmal genügt ein altes Bild, und eine längst vergangene Zeit tritt wieder ins Licht. Zuerst nur zaghaft: ein Farbton am Himmel, der Umriss eines Felsens, eine Bewegung im Wind. Dann ist plötzlich alles wieder da. Die trockene Wärme auf der Haut, der Staub an den Schuhen, die langen Strassen und dieses unermessliche Blau, unter dem jedes Leben möglich zu sein schien.
Kalifornien war damals mehr als ein Ort. Es war ein Versprechen. Eine Landschaft, die uns glauben liess, die Welt sei noch nicht fertig und wir dürften an ihr weiterschreiben. Hinter jeder Kurve begann eine neue Weite. Die Felsen glühten im letzten Licht, die Wüste schwieg, und der Horizont lag vor uns wie eine offene Tür.
Auf diesem Bild steht meine damalige Freundin – die Frau, die heute noch immer an meiner Seite ist.
Sie ist nur als dunkle Silhouette zu erkennen, und doch ist sie ganz gegenwärtig. Ihr Gesicht wendet sich dem letzten Licht des Tages zu. Ihr Körper zeichnet sich gegen den Himmel ab, frei und selbstverständlich, als gehörten ihr dieser Augenblick, diese Landschaft und alle Zeit der Welt.
Was mich heute an diesem Bild so berührt, ist ein einfacher Gedanke: Wir wussten damals nicht, dass wir gerade zu einer Erinnerung wurden.
Wir standen einfach dort.
Jung. Verliebt. Fern von zu Hause. Voller Pläne, die noch keine Namen hatten. Ohne zu ahnen, wie viele Jahre vor uns lagen, wie viel Glück, wie viele Umwege, wie viele Abschiede und Neuanfänge wir miteinander erleben würden.
Joseph von Eichendorff schrieb:
«Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.»
Manchmal ist dieses Zauberwort ein altes Bild. Manchmal sind es nur wenige Töne eines Liedes. Und plötzlich beginnt die vergangene Welt wieder zu singen.
Aus den offenen Autofenstern klang die Musik des Jahres 1984. Prince, Tina Turner, Lionel Richie, Phil Collins und Van Halen begleiteten uns über den Asphalt. Doch über dieser Fotografie liegt für mich vor allem Drive von The Cars. Nicht, weil der Song unsere Geschichte erzählt, vielmehr weil sein Klang etwas trägt, das sich kaum erklären lässt: Liebe und Einsamkeit, Nähe und Ferne, das Weiterfahren und zugleich den Wunsch, einen Augenblick für immer festzuhalten.
Noch heute genügen die ersten Töne, und ich bin wieder dort.
Unter diesem kalifornischen Himmel.
Auf einer Strasse, deren Ende wir nicht kannten.
Neben der Frau, mit der ich weiterfahren würde.
Heute liegt eine tiefe Sehnsucht über diesem Bild. Fernweh nach Kalifornien, nach den endlosen Highways, den flimmernden Städten, den riesigen Werbetafeln am Sunset Boulevard und den stillen Landschaften, in denen der Himmel grösser erschien als alles, was uns damals beschäftigte.
Ich vermisse dabei wohl nicht nur Kalifornien. Ich vermisse auch ein Stück des jungen Mannes, der ich dort gewesen bin. Jenen Teil von mir, der glaubte, die Welt sei weit genug für alle Träume und das Leben könne hinter jeder Kurve noch einmal neu beginnen.
Doch dieses Bild erzählt nicht nur von dem, was vergangen ist. Es erzählt auch von dem, was geblieben ist.
Die Jahre sind weitergezogen. Andere Lieder haben die Billboard-Charts erobert. Strassen wurden neu gebaut, Städte haben ihr Gesicht verändert, und vieles, was damals wichtig schien, ist längst verschwunden.
Sie aber ist geblieben.
Die junge Frau im Abendlicht wurde meine Frau. Aus dem Versprechen eines Augenblicks wurde ein gemeinsames Leben. Aus Fernweh wurden Reisen, aus Träumen Erinnerungen, aus einem kalifornischen Sonnenuntergang ein Bild, das Jahrzehnte später noch immer von Liebe erzählt.
Das ist für mich die eigentliche Schönheit alter Bilder: Sie halten nicht nur fest, wie wir einmal waren. Sie zeigen uns auch, wie weit wir miteinander gegangen sind.
Und so steht sie noch immer dort. Zwischen Felsen und Himmel, zwischen Tag und Nacht, zwischen Jugend und Erinnerung.
Frei.
Schön.
Ganz im Licht des Verschwindens.
Während über ihr der kalifornische Himmel langsam dunkler wird und irgendwo, weit hinter den Jahren, noch einmal Drive aus einem offenen Autofenster erklingt.
Dass ich dieses Bild überhaupt wieder hervorgeholt habe, verdanke ich ausgerechnet einer Begegnung in der Gegenwart.
Lisha, eine meiner «Stillen Heldinnen» (ihre Geschichte und ihr Bild findet ihr hier: www.bildwerk.me/bildgedanken/lisha), war zu Besuch in meinem Atelier. Irgendwann fragte sie mich ganz beiläufig, wann ich eigentlich mit dem Malen und Zeichnen begonnen hätte.
Eine einfache Frage. Und doch blieb sie hängen.
Aus meinen frühen Jahren hängen heute nur noch zwei Bilder im Atelier. Das Malen und Zeichnen hatte ich bereits ab 1985 fast vollständig vernachlässigt, und vieles aus dieser Zeit war irgendwann in Mappen verschwunden. Unten im Keller. Jahrzehntelang kaum noch angesehen.
Lishas Frage brachte mich dazu, diese alten Zeichnungsmappen wieder hervorzuholen.
Ich sass da zwischen Arbeiten eines sehr viel jüngeren Ichs, blätterte durch Blätter, an die ich mich teilweise kaum noch erinnern konnte, und begegnete plötzlich wieder einem Teil meiner eigenen Geschichte. Linien, Versuche, unfertige Gedanken. Dinge, die ich einmal wichtig genug gefunden hatte, um sie auf Papier festzuhalten, und die danach mehr als vierzig Jahre lang still geblieben waren.
Und dort fand ich auch dieses Bild wieder.
Kalifornien. 1984.
Meine damalige Freundin im Abendlicht.
Die Frau, die heute meine Frau ist.
Manchmal braucht es einen anderen Menschen, der eine beiläufige Frage stellt, damit sich eine längst verschlossene Tür wieder öffnet. Lisha hat mit ihrer Frage etwas ausgelöst, womit sie vermutlich selbst nicht gerechnet hat. Sie hat mich nicht nur zurück zu diesen alten Bildern geführt. Sie hat mich auch daran erinnert, dass meine heutige Arbeit eine Geschichte hat, die viel weiter zurückreicht, als ich im Alltag wahrnehme.
Dafür bin ich ihr dankbar.
Denn plötzlich lagen dort nicht einfach alte Zeichnungen vor mir.
Da lag ein Teil meines Lebens.
Und mittendrin dieser kalifornische Himmel, der all die Jahre auf mich gewartet hatte.