Im goldenen Gras (12.2)

Im goldenen Gras

Unsere Füsse sind voller Matsch. Mein Hosenbein ist hochgekrempelt, als könnte ich noch irgendetwas retten, aber das ist längst vorbei. Die Wiese ist nass vom Regen, die Erde weich, das Gras hoch und schwer, und wir liegen nebeneinander darin, als hätte uns der Tag einfach fallen lassen.

Über uns zieht der Himmel auf. Die Wolken werden heller, das Licht sinkt tiefer, wärmer, goldener. Es legt sich auf deine Haut, auf deine Haare, auf das nasse Gras, auf den schmalen Weg zwischen den Wiesen. Alles glänzt ein wenig. Sogar der Matsch.

Ich versuche mit meinem Fuss, einen Grashalm zwischen deine Zehen zu schieben. Es klappt natürlich nicht. Du lachst sofort. Hell, frech, ganz ohne Schutz. Ich tue beleidigt, viel zu schlecht, und du siehst mich mit gespieltem Mitleid an. Dann streichst du mir über die Stirn, als müsstest du mich trösten.

Ich liege auf der Seite, den Kopf in die Hand gestützt, und schaue dich an.

Du sagst, ich hätte dieses verschmitzte Lächeln. Dieses Gesicht, bei dem man nie weiss, ob gleich etwas Zärtliches passiert oder völliger Unsinn. Dann klopfst du mir gegen die Brust, kneifst mich in den Arm und wartest auf eine Antwort.

Ich sage nichts. Ich beisse mir nur auf die Unterlippe.

Du machst mich nach. Du reisst die Augen auf, schiebst die Stirn nach vorn und ziehst ein so übertrieben ernstes Gesicht, dass ich lachen muss. Und genau in diesem Moment bist du so schön, dass Schönheit ein zu kleines Wort dafür ist. Du bist ganz da. Ganz Licht. Ganz Übermut. Ganz Leben.

Wenn es dich zweimal gäbe, würde ich dich beide Male lieben.

Aber es gibt dich nur einmal.

Also springe ich auf, packe dich an den Beinen und ziehe dich ein Stück über das nasse Weideland. Du fluchst, lachst, schimpfst, suchst mit den Händen Halt im Gras, das viel zu locker in der aufgeweichten Erde steckt.

„Das wirst du bereuen“, rufst du.

Ich lasse dich los.

Du bleibst liegen.

Zu ruhig.

Ich gehe langsam auf dich zu. Vorsichtig. Wer so still daliegt, hat längst etwas vor. Und bevor ich reagieren kann, graben sich deine Hände tief in den Matsch. Im nächsten Augenblick trifft mich die braune Erde mitten im Gesicht.

Du lachst.

Ich werfe mich auf dich, aber du rollst dich zur Seite, schnell, leicht, geschickt. Dann springst du auf und rennst los. Den verwachsenen Feldweg entlang, der sich zwischen Wiesen und Äckern hindurchzieht.

Ich hinterher.

Du machst grosse Schritte, zwei, drei auf einmal. Manchmal stolperst du, fängst dich, fällst fast, bist aber schon wieder auf den Beinen, bevor der Boden dich richtig hat. Hinter dir steht die sinkende Sonne, rötlich und warm, und für einen Moment sieht es aus, als würdest du das ganze Licht mit dir tragen.

Du schlägst Haken. Ich stolpere über meine eigenen Beine. Du lachst, aber ich höre, wie dir dabei der Atem fehlt. Dann falle ich wieder, und diesmal bist du sofort bei mir. Du stürzt dich auf mich, drückst meinen Rücken mit beiden Händen in den schlammigen Boden und schüttelst dein nasses Haar in mein Gesicht.

„Sag es“, rufst du. „Sag, dass du es bereust.“

„Ja“, rufe ich. „Ja, ich bereue es.“

Du glaubst mir kein Wort.

Natürlich nicht.

Deine Hände fahren mir wieder durchs Gesicht, warm, nass, schmutzig, lachend. Ich packe deine Arme und halte sie fest. Wir ringen miteinander, nicht um zu gewinnen, sondern weil diese Nähe irgendwohin muss. Dieses Lachen. Dieser Atem. Dieses wilde, helle Etwas zwischen uns.

Dann gibst du nach.

Oder ich.

Vielleicht beide.

Ich ziehe dich zu mir hinunter. Du wehrst dich nicht mehr. Wir rollen noch einmal über den nassen Boden, durch Gras, Erde, Atem, Lachen. Dann bleiben wir liegen.

Plötzlich ist alles still.

Nicht leer. Nicht vorbei. Nur still.

Du liegst auf mir und bewegst dich nicht. Dein Herz schlägt schnell. Dein Haar klebt nass an meiner Stirn. Deine Nase berührt meine, diese kleine, freche Erhebung mitten in deinem Gesicht. Ich schliesse die Augen, weil ich diesen Moment nicht verlieren will.

Deine Lippen berühren meine Nasenspitze.

Dann meinen Mund.

Vorsichtig zuerst. Fast fragend. Als müsste sogar die Zärtlichkeit ihren Weg durch das Lachen finden.

Ich spüre deinen Atem auf meiner Haut, die Kühle der Erde unter meinem Rücken, dein Gewicht auf mir, den Geruch von Gras, Regen und Sommer. Der Himmel hängt tief über uns. Das Licht wird weicher. Alles ist nah. Du. Ich. Die Wiese. Der Abend.

Nichts davon gehört uns.

Und doch fühlt es sich für einen Augenblick so an.

Es gibt Momente, die man nicht halten kann. Man versucht es trotzdem. Mit Worten. Mit Bildern. Mit einem Lied, das erst Jahre später wiederkommt. Mit der Erinnerung an goldenes Licht auf nassem Gras. Mit dem Wissen, dass man einmal dort gelegen hat, schmutzig, atemlos, glücklich, und dass die Welt für einen kurzen Moment nichts von einem wollte.

Ich öffne die Augen und muss lachen.

Dein Gesicht ist voller Matsch.

Du schaust mich an, als hättest du genau darauf gewartet.

„Glaub bloss nicht, dass du besser aussiehst“, sagst du.

Dann beugst du dich wieder zu mir hinunter, und der Abend schliesst sich um uns wie ein Feld aus Gold.

Wiedergefunden

Beim Durchlesen des Textes „Im goldenen Gras“ kam mir plötzlich dieses Bild wieder in den Sinn. Ein Bild aus meinen Anfängen. Aufgenommen in einer Zeit, in der vieles noch offen war, suchend, ungeordnet, voller Versuche und voller Licht.

Sie liegt im hohen Gras, beinahe verborgen und doch ganz da. Das Abendlicht fällt warm durch die Halme, legt sich auf ihr Gesicht, auf ihre Haut, auf diesen Blick, der zwischen Nähe und Ferne zu schweben scheint. Alles an diesem Bild atmet Sommer. Nicht laut. Nicht inszeniert. Eher wie ein Moment, der einfach geschehen durfte.

Ich habe ihr geschrieben und gefragt, ob ich das Bild für mein aktuelles Projekt noch einmal verwenden darf. Ihre Antwort hat mich sehr berührt. Sie hat sich unglaublich gefreut. Heute arbeitet sie in Toronto, ausgerechnet in einer meiner Lieblingsstädte. Auch das ist wieder so ein Zufall, der keiner sein muss.

Der ursprüngliche Text stammt von 1985. Zum ersten Mal überarbeitet habe ich ihn 1995. Und heute lasse ich ihn im Kern so stehen, wie er ist. Nicht, weil ich ihn nicht verändern könnte. Eher, weil manchmal ein alter Text seine eigene Wahrheit behalten darf. Er gehört zu einer Zeit, zu einem Blick, zu einem Gefühl, das man nicht beliebig modernisieren kann, ohne etwas davon zu verlieren.

Es gibt noch eine zweite Version dieses Textes. Die lasse ich dort, wo sie ist. Nicht alles muss zurückgeholt werden. Manche Dinge dürfen bleiben, wo sie liegen: in einem Notizbuch, zwischen alten Seiten, im Schatten einer früheren Zeit.

Heute kam mir spontan „Fields of Gold“ von Sting in den Sinn. Nicht als Lied zu einer Szene. Eher als eine Melodie, die immer schon darunterlag. Goldene Felder, nasses Gras, ihr Atem in der Abendluft. Dieses Licht, das nicht nur auf einer Wiese liegt, es liegt auch auf einer Erinnerung.

Vielleicht ist genau das der Sinn: alte Texte und Bilder hervorzuholen und ihnen noch einmal zuzuhören. Zu sehen, was geblieben ist. Was sich verändert hat. Was heute anders klingt. Und zu merken, dass manche Bilder, manche Menschen und manche Augenblicke über all die Jahre nichts von ihrer Leichtigkeit verloren haben.

Im goldenen Gras – warum ich Akt fotografiere

Wenn ich dieses Bild betrachte, wandert mein Blick durch die Halme zu ihren Augen. Das Licht liegt auf ihrer Haut, feine Schatten ziehen darüber. Ihr Körper verschwindet stellenweise im Gras. Ihr Blick erreicht mich.

Vielleicht liegt darin schon vieles von dem, was mich an der Aktfotografie fasziniert. Ich möchte einen Menschen zeigen, seine Eigenheiten, seine Sinnlichkeit, seine Art, da zu sein. Mich interessieren die kleinen Dinge: wie jemand den Kopf wendet, die Arme ablegt, mich ansieht. Manchmal verändert eine kaum merkliche Bewegung alles.

Ich mag die Zeitlosigkeit solcher Aufnahmen. Kleidung gibt einem Bild oft eine Jahreszahl mit, erzählt von Mode und gesellschaftlichen Rollen. Hier sehe ich Haut, Gras, Licht. Ich weiss, dass dieser Augenblick zu einem bestimmten Tag gehört. Trotzdem lässt er meine Gedanken weit darüber hinauswandern. Zu anderen Sommern. Zur Wärme auf der Haut. Zum Gefühl, mich irgendwo niederzulassen und für eine Weile nichts weiter zu brauchen.

Warum fotografiere ich Akt?

Weil mich diese Nähe interessiert. Weil ich Schönheit in der Individualität eines Menschen finde. In dem, was sich weder beliebig wiederholen noch durch eine andere Person ersetzen lässt. Ich suche nach einer Unbefangenheit, die manchmal für einen kurzen Moment entsteht, wenn die Kamera nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit beansprucht.

Dabei glaube ich nicht, dass ich einen Menschen besser kenne, weil ich ihn unbekleidet fotografiere. Auch dann bleibt vieles verborgen. Gedanken, Erinnerungen, die eigene Geschichte. Ich darf etwas sehen und festhalten, das mir jemand anvertraut. Dieses Vertrauen ist für mich der Anfang der Aufnahme.

Deshalb höre ich zu. Ich möchte wissen, wie sich die Person vor meiner Kamera sieht, was sie zeigen möchte und womit sie sich wohlfühlt. Meine Vorstellung ist ein Teil davon. Ihre ist ebenso wichtig. Ich empfinde ein gelungenes Bild als etwas, das wir gemeinsam gefunden haben.

Hier, im goldenen Gras, zieht mich besonders das Zusammenspiel von Sichtbarkeit und Verborgenheit an. Die Halme unterbrechen die Konturen, lassen meinen Blick weiterwandern. Ich nehme die ausgestreckten Arme wahr, die Wärme der Farben, das Gesicht. Immer wieder komme ich bei ihren Augen an.

Die Aufnahme ist für mich sinnlich. Ich mag diese Sinnlichkeit, das Bewusstsein für den eigenen Körper, für Wärme und Berührung. Ich möchte ihr Raum geben, ohne den Menschen darin auf eine Vorstellung zu reduzieren. Mich berührt gerade, dass jemand zugleich nah und unergründlich bleiben kann.

Ob daraus Kunst wird, kann ich mit dem Auslösen allein nicht entscheiden.

Ich weiss aber, wonach ich suche: nach einem Bild, das mich länger beschäftigt als für die Dauer eines flüchtigen Blicks. Nach einer Aufnahme, in der Licht, Haltung und Ausdruck etwas miteinander eingehen, das sich nicht vollständig in Worte übersetzen lässt. Manchmal empfinde ich dabei Ruhe, manchmal Sehnsucht, manchmal eine leise Irritation. Wenn ich zurückkehre und noch etwas entdecke, bedeutet mir das viel.

Ich lasse mich von anderen fotografischen Sichtweisen anregen. Von ihrer Kühnheit, ihrer Zartheit, ihrer Freiheit im Umgang mit dem Körper. Doch meine stärksten Impulse finde ich oft im genauen Hinsehen. In einer alltäglichen Bewegung. In Licht, das plötzlich eine Schulter berührt. In einem Blick, auf den ich nicht vorbereitet war.

Ich verstehe mich dabei als stillen Beobachter, auch wenn ich mit meiner Anwesenheit und meiner Kamera immer Teil der Situation bin. Ich wähle den Ausschnitt, die Entfernung, den Moment. Und ich versuche, dabei aufmerksam genug zu bleiben für das, was sich meiner Planung entzieht.

Zu meinem Text «Im goldenen Gras» gehört dieses Bild, weil ich darin dieselbe Sehnsucht wiederfinde: Nähe zuzulassen und frei zu bleiben. Mich zeigen zu dürfen, ohne mich vollständig erklären zu müssen. Für einen Augenblick das Gefühl zu haben, dass mein Körper und die Welt um mich herum zusammengehören.

Vielleicht fotografiere ich auch deshalb: weil ich weiss, wie schnell solche Augenblicke vergehen.

Ich kann das Licht nicht aufhalten. Aber ich kann festhalten, wie es einen Menschen berührt hat.

Und wie ihr Blick mich erreichte.