Im Garten der Gedanken (5.0)
Dass du mir ausgerechnet so begegnest, ohne es zu wissen, ohne es zu ahnen, während ich selbst kaum Worte finde und fast blind durch diesen Moment gehe. Ich stehe da, ein wenig verloren, und begreife erst im Nachhinein, was da eigentlich passiert ist: Du läufst längst durch meinen Garten aus Gedanken. Spürst du das überhaupt?
Vielleicht habe ich schon beinahe aufgegeben. Oder ich hole nur Luft, um noch einmal tiefer zu tauchen. Von aussen lässt sich das kaum unterscheiden. Wer könnte schon ahnen, was in mir vorgeht, wenn ich gleichzeitig alles abwehre, was Klarheit bringen könnte, wenn ich mir selbst eine Mauer aus Nicht-wissen-Wollen gebaut habe, so nah an meinem eigenen Inneren, dass ich es selbst kaum noch erreiche.
Und doch regt sich etwas. Der Bauch widerspricht, wächst wie wilder Wein nach oben, sucht sich seinen Weg, während der Kopf sich abwendet, sich beschäftigt, sich verliert in Ablenkungen, als könnte er damit das Offensichtliche übergehen. Es ist ein leiser Widerstand, kein Aufschrei, eher ein Drängen, das nicht aufhört.
Die Zeit geht weiter, unbeeindruckt von all dem, bald Sommer, dann Herbst, dann Winter. Und wir bewegen uns irgendwo dazwischen, in diesem Übergang, im Dunkelgrau, mit Tequila auf den Lippen, Fragen in den Fingerspitzen und Disteln im Haar. Vielleicht ist genau das der Ort, an dem wir uns wirklich begegnen. Ohne es zu wissen.
Ich habe dieses Bild im Spital aufgenommen, in der Onkologie, fast beiläufig, und doch hat sich dieser Moment sofort festgesetzt. Es war ein Gespräch, ruhig, ohne grosse Worte, und gerade darin lag etwas, das mich nicht mehr losgelassen hat.
Da war Trauer, spürbar, nah, nicht versteckt. Und gleichzeitig diese Kraft, die keinen Raum einnimmt und doch alles trägt. Sie lag im Blick, in der Müdigkeit, in der Art, wie jemand einfach da ist, aushält, weitergeht, ohne sich selbst zu verlieren.
Ich habe zugehört und gemerkt, wie wenig es manchmal braucht. Keine grossen Sätze, keine Erklärungen. Nur Präsenz. Nur dieses stille Wissen, dass da mehr ist, als man sagen kann.
Dieses Bild erinnert mich daran. Nicht an das Gesagte, sondern an das Gefühl dahinter. An diesen schmalen Grat zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke. Und daran, wie nah sich beides manchmal ist.
In der anschliessenden digitalen Bearbeitung durch Michael wurde genau diese Stimmung behutsam herausgearbeitet, nicht verändert, sondern präzisiert, sodass das, was in diesem Moment spürbar war, noch klarer sichtbar wird.