Good Things (11.0)
Ja zu Ja
In meinem Traum warst du da. Erst als deine Stimme sich mit dem Klingeln des Weckers vermischte, begriff ich, dass du gar nicht zum Traum gehört hattest. Das blecherne Geräusch deines Telefons krachte in die weiche Stille des Schlafzimmers, du rütteltest mich an der Schulter und sagtest: «Hey, aufwachen.»
Fünf Uhr zwanzig.
Kein Morgen wird besser, nur weil jemand «Guten Morgen» sagt. Ich weiss nicht einmal mehr, ob ich es zu dir gesagt habe. Ich weiss auch nicht, wie ich ins Bad gekommen bin. Meine erste klare Erinnerung ist der erste Tropfen Wasser aus der Dusche und dieser seltsame Gedanke, der mir dabei durch den Kopf ging: Immer wenn ich dein Shampoo benutze, rieche ich nach dir. Eines Tages verliebe ich mich womöglich einfach in mich selbst.
Solche Dinge denkt man morgens unter der Dusche, wenn der Kopf noch nicht wach genug ist, um sich mit vernünftigen Fragen zu beschäftigen.
Ich schloss die Augen und hörte das Wasser in meinen Haaren. Dann drehte ich den Hahn zu, sah den letzten Schaum im Abfluss verschwinden, stieg aus der Dusche und hinterliess eine Spur aus Wasser auf dem Badezimmerboden. Zähne putzen, anziehen, Mantel, Schuhe. Alles geschah in jener wortlosen Reihenfolge, die der Körper kennt, lange bevor der Kopf bereit ist, sich einzumischen.
Bevor ich ging, öffnete ich noch einmal leise die Schlafzimmertür.
«Schlaf noch schön.» Ein Kuss auf deine Wange. Im Flur ein kurzer Blick in den Spiegel. Licht aus. Tür zu. Draussen war es zehn vor sechs. Es regnete, aber die Luft war warm. Der Wind trieb das Wasser über die Strasse, und ich stellte mich unter das Dach des Wartehäuschens. Hinter der Bushaltestelle liegt diese Kneipe mit den grossen Fenstern. Ich habe das Gefühl, sie sei immer geöffnet. Egal wann ich dort vorbeikomme, irgendwo brennt Licht. Auch an diesem Montagmorgen. Hinter einem der Fenster sass eine Frau. Vor ihr ein Bier. Sie schaute hinaus, ohne dass ich erkennen konnte, ob sie tatsächlich etwas sah.
Und plötzlich fragte ich mich, wie ich wohl durch ihre Augen aussähe. Durch Augen, die zwanzig Jahre mehr gesehen haben als meine. Der Mantel etwas zu lang. Die Haare nass vom Regen. Der Blick müde. Eine schwere Tasche in der Hand. Ein Mann, der an einer Bushaltestelle steht, als würde er auf etwas warten, das längst abgefahren ist. Was würde dieser fremde Mann wohl in seiner Tasche haben? Unterlagen für die Arbeit? Bücher? Ein paar Dinge für den Tag? Ein halbes Leben?
Woher sollte sie wissen, was ich mit mir trage, nur weil sie mein Gepäck sieht? Woher wissen wir das überhaupt voneinander? Mein Ich in zwanzig Jahren würde langsam auf die achtzig zugehen. Mein heutiges Ich scheint dagegen auf gar nichts Bestimmtes zuzugehen. Nicht auf ein Alter, nicht auf ein Ziel, manchmal nicht einmal auf den nächsten Tag. Ich stand da im Regen und fragte mich, was diese ältere Version von mir der Frau unter dem Wartehäuschen sagen würde. Würde sie sagen: Halt fest, was du hast, auch wenn es an manchen Tagen so schwer wird, dass du glaubst, es nicht mehr tragen zu können? Würde sie sagen, dass manche Chancen tatsächlich nur einmal vorbeikommen Dass nicht alles repariert werden kann, aber vieles einen zweiten Versuch verdient? Oder würde sie mich einfach ansehen und fragen: Willst du es eigentlich? Nicht: Was wäre richtig? Nicht: Was erwarten die anderen? Nur: Willst du?
Während ich diesen Text später schrieb, lief Good Things von Kathleen Edwards in einer Endlosschleife. Immer wieder dieser Song, als müsste er etwas festhalten, das ich selbst noch nicht richtig greifen konnte. In ihm liegt für mich etwas Unruhiges und zugleich Tröstliches, dieses Wissen darum, dass die guten Dinge nicht unbedingt die einfachen sind und dass man manchmal erst im Rückblick erkennt, was sie einem bedeutet haben.
Und irgendwann kam Joni Mitchell dazu. Both Sides Now.
Plötzlich bekam derselbe Morgen eine andere Farbe.
Denn irgendwann schaut man tatsächlich von beiden Seiten auf sein Leben. Auf Liebe und Verlust, auf Nähe und Distanz, auf das, was man damals unbedingt wollte, und auf das, was davon übrig geblieben ist. Man glaubt, etwas verstanden zu haben, und Jahre später sieht man dieselbe Geschichte aus einer vollkommen anderen Richtung.
Vielleicht – nein.
Wer weiss.
In zwanzig Jahren könnte ich in einer anderen Stadt leben. In jener Stadt, von der ich heute denke, sie sei meine Traumstadt. Ich könnte mit der Liebe meines Lebens dort sein. Mit dir. Ich könnte längst wissen, ob du tatsächlich diese verdammte Prinzessin warst, nach der man sucht, obwohl man erwachsen genug sein sollte, nicht mehr an Prinzessinnen zu glauben.
Oder ich sitze selbst irgendwann morgens um sechs in einer Kneipe, ein Bier vor mir, schaue aus dem Fenster und sehe einen Menschen an einer Bushaltestelle stehen. Dann werde ich mir meinen Teil denken. Ich werde die Zeitung aufschlagen, über die verdammte Kreativwirtschaft schimpfen, mit einer Stimme, die in zwanzig Jahren hoffentlich beeindruckend tief geworden ist, und womöglich längst vergessen haben, wie dringlich sich all diese Fragen einmal angefühlt haben. Oder ich erinnere mich an alles. An diesen Regen. An deine Haare auf dem Kissen. An den Geruch deines Shampoos. An die Frau hinter der Scheibe. An den Bus, der gleich kommen würde. An diesen Morgen, an dem ich für einige Minuten glaubte, mein ganzes zukünftiges Leben vor mir ausbreiten zu müssen, nur um entscheiden zu können, was ich als Nächstes tue.
Das Problem ist dieses ewige Dazwischen. Dieses Es-könnte-so-sein, aber auch ganz anders. Dieses Warten auf Gewissheit, bevor man sich bewegt. Wenn das Leben eine Autobahn ist, dann ist das Vielleicht die Standspur. Man kann dort lange stehen. Warnblinker an. Motor läuft. Man beobachtet, wie die anderen vorbeifahren, und redet sich ein, man müsse nur noch einen Moment warten, bis die Strasse frei ist. Aber sie wird nie vollkommen frei sein. Ein Auto hupte. Ich blinzelte in die Halbnacht und war wieder an der Bushaltestelle. Das Licht in der Kneipe war inzwischen aus. Die Frau war verschwunden. Zehn Minuten waren vergangen, ohne dass ich bemerkt hatte, wann genau sie gegangen war. Auf der nassen Strasse spiegelten sich die Scheinwerfer. Die Laternen gingen eine nach der anderen aus. Gleich würde der Supermarkt nebenan öffnen. Ein Radfahrer kam vorbei und hielt einen schwarzen Regenschirm über den Kopf. Für einen Augenblick beneidete ich diesen Schirm. So ein einfaches Dasein. Gut gegen Regen. Gut gegen Sonne. Gut gegen Schnee und gegen achtzig verschiedene Arten von Wind. Keine Entscheidungen, keine Lebensentwürfe, keine Frage danach, ob man gerade in die richtige Richtung fährt.
Nur eine Aufgabe.
Schützen.
Ich hatte keine solche einfache Aufgabe. Ich stand am Ende der Strasse und sah den Bus kommen. In wenigen Sekunden musste ich mich entscheiden. Nicht über mein ganzes Leben. Nicht über die nächsten zwanzig Jahre. Nicht darüber, wer ich mit achtzig sein werde. Nur über den nächsten Schritt. Und auf einmal erschien mir das genug. Der Bus hielt. Die Türen öffneten sich. Ich sagte Nein zum Vielleicht.
Ich sagte Ja zum Ja.
Später liefen wieder Kathleen Edwards und Joni Mitchell. Zwei Stimmen, zwei vollkommen unterschiedliche Arten, auf das Leben zu schauen. Die eine näher am Jetzt, an den Dingen, die wehtun und trotzdem gut sein können. Die andere schon weiter entfernt, mit diesem Blick zurück auf all das, von dem man einmal glaubte, man hätte es verstanden.
Irgendwo dazwischen befinde ich mich. Noch nicht am Ende. Längst nicht mehr am Anfang. Auf dem Weg.
Und kurz bevor der Bus losfuhr, dachte ich noch einmal an dich. Du lagst zu Hause im Bett und schliefst wahrscheinlich längst wieder tief. Während für mich der Tag gerade begann.
Gute Nacht. Gute Nacht. Gute Nacht.
Epilog – Ohne Ziel
Dieses Bild entstand spät am Abend. Elin und ich waren unterwegs, ohne Plan, ohne Ziel, ohne die Absicht, an diesem Abend noch etwas Bestimmtes finden zu müssen.
Ich hatte die analoge Kamera dabei, Kodak-Film eingelegt. Keine Kontrolle nach der Aufnahme, kein Display, kein sofortiges Wissen, ob das Bild gelungen war. Nur Licht, ein Augenblick, ein Auslösen und danach weitergehen.
Heute denke ich, dass genau deshalb dieses Bild so gut zu diesem Text gehört.
Es gibt Nächte, in denen man nicht wissen muss, wohin man geht. Man bewegt sich einfach. Durch Strassen, durch Licht, durch Gespräche, durch Gedanken. Das Ziel entsteht erst viel später, manchmal erst in der Erinnerung.
Elin steht dort irgendwo zwischen Aufbruch und Ankommen. Die Nacht um sie herum, das Licht auf dem Film, dieser eine Augenblick, der damals nichts weiter sein wollte als ein Augenblick. Keine grosse Inszenierung. Keine Geschichte, die vorher schon wusste, wie sie enden würde. Einfach wir, spät am Abend, unterwegs.
Der analoge Film hat etwas davon bewahrt. Seine Körnung, seine kleinen Unschärfen, die nie vollkommen berechenbar sind. Man drückt auf den Auslöser und muss vertrauen. Erst später erfährt man, was geblieben ist.
Eigentlich ist das dem Leben erstaunlich ähnlich.
Wir hätten in eine andere Strasse einbiegen können. Früher nach Hause gehen. An einem anderen Ort stehen bleiben. Ich hätte die Kamera unten lassen können. All diese kleinen Entscheidungen wären vergessen worden.
Doch ich hob sie hoch.
Ein Klick.
Und später gibt es dieses Bild.
Während ich «Ja zu Ja» schrieb und Good Things von Kathleen Edwards immer wieder von vorne begann, musste ich an solche Nächte denken. An das Unterwegssein ohne Gewissheit. Und als danach Joni Mitchells Both Sides Now dazukam, wurde mir noch etwas anderes bewusst: Man versteht einen Augenblick selten, während man ihn erlebt. Erst später bekommt er seine zweite Seite. Erst später wissen wir, was wir damals gesehen haben und was wir übersehen haben.
Auf dem Film ist nur ein Bruchteil einer Sekunde. Dahinter liegt eine ganze Nacht. Und irgendwo darin auch die Antwort auf all die Fragen des Textes. Man muss nicht immer wissen, wohin. Manchmal reicht es, loszugehen. Nicht auf der Standspur stehen zu bleiben. Nicht darauf zu warten, dass das Leben endlich eindeutig wird. Elin und ich hatten an diesem Abend kein Ziel. Und genau deshalb gehört dieses Bild für mich heute hierher. Es erinnert mich daran, dass nicht jede gute Entscheidung mit Gewissheit beginnt. Manchmal beginnt sie mit einer dunklen Strasse, einer Rolle Kodak-Film und dem einfachen Entschluss:
Weiter.