Fernweh 10.1

Fernweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu behandeln, denn wohin soll man fahren, wenn man gar nicht weiss, wohin man eigentlich will? Im Zweifel ist jedes Verkehrsmittel das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet am falschen Flughafen. Und irgendwann steht man irgendwo, weit weg von zu Hause, und merkt, dass das Fernweh einen trotzdem nicht losgelassen hat. Man könnte froh sein, endlich fort zu sein, doch stattdessen bleibt dieses Gefühl, noch immer am falschen Ort zu stehen. Man ist gegangen, hat Distanz geschaffen, und trotzdem stimmt etwas nicht.

Gegen Fernweh hilft zunächst wohl nur Abstand. Abstand von dem Ort, an dem man gerade ist, und irgendwann auch ein wenig Abstand zu sich selbst. Man beginnt sich zu fragen, woher diese Sehnsucht eigentlich kommt, was sich verändern würde, wenn man wirklich ginge, wenn man sich zurückzöge, alles für eine Weile hinter sich liesse und sich entfernte von dem, was täglich an einem zieht. Doch solche Fragen überfordern den Kopf schnell. Wahrscheinlich kann er sie ohnehin nicht beantworten. Es sind Fragen für den Bauch.

Nur spricht der Bauch selten auf Kommando. Er braucht Ruhe, einen Moment, in dem nichts drängt, nichts klingelt, nichts erwartet wird. Manchmal braucht er sogar gute Laune, bevor er überhaupt bereit ist, ein Wort mit uns zu wechseln. In der Stadt ist es dafür meist zu laut. Verkehr, Stimmen, Sirenen, Türen, Schritte. Alles redet gleichzeitig. Und irgendwo darunter versucht dieses leise Gefühl etwas zu sagen, das man kaum noch versteht.

Dann bleibt nur, es auszuprobieren. Aufstehen, eine Tasche nehmen, losgehen. Auch wenn man nicht weiss, ob es die richtige Richtung ist.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche und gehe zu einem anderen Gleis. Der Zug fährt los. Ich weiss nicht genau, wohin. Draussen ziehen gelbe Bagger vorbei, Industrieanlagen, Container, Betonbauten, kleine Bahnhofshäuser. Für einen Augenblick ein Mensch am Rand der Strecke, dann wieder Felder, Mauern, Strassen. Man kann gar nicht so schnell schreiben, wie die Welt am Fenster vorbeizieht. Und manchmal kann man nicht einmal schnell genug bemerken, dass gerade für einen halben Augenblick alles gut ist.

Dann ist dieser Augenblick schon wieder vorbei.