Es gibt keine Tür (9.0)

Prolog

Als du gegangen bist, ist etwas von mir mit dir gegangen. Ein Stück, das mir lange gefehlt hat. Nicht laut, nicht sichtbar, nicht auf eine Weise, die man anderen einfach erklären kann. Aber es fehlte. In den Gedanken, im Körper, in den Tagen, die danach kamen.

Heute bist du wieder da. Nicht nur als Nachhall, nicht nur als dieses eine Bild. Du bist da mit deinem Blick, mit deinen Händen, mit dem weichen Ausdruck deines Gesichts, wenn du gelacht hast. In dieser Art, in der du ganz gegenwärtig warst, auch dann, wenn dein Körper längst mit etwas beschäftigt war, das niemand von aussen wirklich begreifen konnte.

Erst heute werden meine Gedanken wieder klarer. Ich lerne langsam, mit diesem fehlenden Stück zu leben. Es gibt keinen Ersatz dafür. Keine Antwort, die alles ordnet. Aber es gibt Erinnerung. Und etwas von dir haftet an mir. Nicht nur als Schmerz. Auch als Wärme. Als Dankbarkeit. Als Spur.

Ich erinnere mich daran, wie ich dein Gesicht betrachtete. Vorsichtig, fast heimlich, als könnte ich darin lesen, was sich verändert hatte. Ich suchte nach Kälte, nach Entfernung, nach einem Zeichen dafür, dass du schon weiter weg warst. Aber ich fand es nicht. Da war Müdigkeit, ja. Da war Schmerz. Da war dieses Wissen, das zwischen uns sass. Aber da war auch Nähe. Ein Blick, der blieb.

Manchmal vergrubst du deinen Kopf an meiner Schulter, und für einen kurzen Moment war alles einfacher. Du freutest dich. Ich freute mich. Nicht laut, nicht sorglos, nicht unbeschwert. Aber echt.

Genau darin lag Hoffnung: kein grosses Versprechen, keine Antwort auf alles, nur dieser kleine Augenblick, in dem Nähe noch möglich war.

Dieses Bild, das du geliebt hast, bleibt nun als Andenken. Nicht als Versuch, etwas festzuhalten, das nicht festzuhalten ist. Eher als heller Punkt auf deinem Weg, den ich ein Stück mitgehen durfte. Alle anderen Bilder habe ich gelöscht, so wie du es mir damals gesagt hast. Dieses eine bleibt, weil du es so wolltest.

Die Geschichte beginnt genau dort: nicht mit einer Antwort, nicht mit Trost, nicht mit einem grossen Satz. Nur mit einem Menschen, einem Bild, einem Sportplatz beim Spital und einem Falter, der für einen Augenblick auf einer Hand landet.

Der Sportplatz

Sie kommt aus dem Haupteingang und geht direkt auf mich zu. Ich muss nicht einmal winken. Ich sitze am Rand des Sportplatzes beim Spital, blinzle in das helle Nachmittagslicht und richte mich auf. An meinen Waden klebt trockenes Gras, an den Knien Staub vom Boden. Alles wirkt für einen Moment fast gewöhnlich: der Rasen, die spielenden Kinder auf dem Platz, irgendwo ein Ball, der gegen einen Zaun schlägt, Stimmen in der Ferne.

Nur dass nichts gewöhnlich ist.

Sie setzt sich neben mich. Ihr Gesicht trägt diese Mischung, die ich inzwischen kenne: Müdigkeit und Witz, Schmerz und Trotz, eine Wut auf alles, was sich nicht mehr ändern lässt. Krebs. Dieses Wort steht zwischen uns, auch wenn niemand es sofort ausspricht. Nicht mehr heilbar. Auch dieser Satz sitzt da. Unsichtbar, aber schwer.

Ich denke an ein Bild, das ich früher von ihr gemacht habe. An diesen Blick. An die Hände vor dem Mund, als würden sie etwas zurückhalten, das längst gesagt ist. An diese stille, fast unbequeme Klarheit in ihren Augen. Auf dem Foto war sie ganz da und zugleich weit weg. So sitzt sie jetzt auch neben mir.

Ich lächle vorsichtig und fühle mich für einen Moment klein. Nicht hilflos, eher entwaffnet. Als hätte sie mit einem einzigen Satz alles zurechtgerückt.

Da setzt sich ein Falter auf meinen Zeigefinger. Ein Schmetterling. Oder einfach ein kleines, flatterndes Wesen, das sich nicht um unsere Begriffe kümmert. Er ist bunt, leicht und für diesen Augenblick beinahe unverschämt lebendig.

Schau mal, sage ich und halte ihr die Hand hin.

Hilde Domin schrieb: „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“

Nicht gross hoffen. Nicht erklären. Nicht retten wollen. Nur die Hand hinhalten, wenn für einen Augenblick etwas Leichtes landet.

Der Falter flattert um uns herum, während wir dort sitzen und reden, als hätte er beschlossen, bei diesem Gespräch dabei zu sein. Einmal setzt er sich ganz kurz auf ihre Nase.

Wir lachen.

Und dieses Lachen ist seltsam schön. Es kommt aus einem Raum, in dem eigentlich wenig Platz dafür ist. Zwischen Spitalmauern, Diagnosen, Blutwerten, Behandlungsplänen und der Gewissheit, dass es keinen Weg zurück in ein früheres Leben gibt. Gerade dort braucht das Leben manchmal diesen kleinen, fast unverschämten Moment. Einen Falter. Ein Lachen. Einen hellen Punkt mitten im Schweren.

Sie schaut beim Sprechen manchmal an mir vorbei. Nicht aus Desinteresse. Eher, als müsste ihr Blick irgendwo landen, wo es weniger weh tut. Dann wieder sieht sie mich direkt an, so fest, dass ich nicht weiss, ob sie mich prüft, ob sie sich erinnert oder ob sie längst weiter ist als ich.

Ab und zu wird es still zwischen uns. Der Sportplatz liegt da, als wäre er für eine andere Welt gemacht. Für Körper, die laufen, springen, fallen und wieder aufstehen. Für Atem, der ausser Puste gerät, aber zurückkommt. Ich denke daran und sage nichts.

Zum ersten Mal bin ich in einem Gespräch mit ihr gestrandet.

Also erzähle ich irgendetwas. Von einem Bild. Von einem absurden Gedanken. Von einem kleinen Missgeschick. Blindlings. Nicht, weil es wichtig wäre. Eher, weil die Stille manchmal zu viel Raum bekommt, wenn man sie lässt.

Es gibt nichts mehr zu hoffen, sagt sie irgendwann.

Ich nicke.

Ich weiss.

Aber ich weiss auch, dass dieser Satz nicht ganz stimmt. Nicht, weil noch Heilung wartet. Nicht, weil man sich mit billigen Worten über die Wirklichkeit retten kann. Hoffnung wechselt manchmal die Form. Sie ist dann nicht mehr die grosse Tür in die Zukunft. Sie ist ein Nachmittag im Licht. Ein Falter. Ein gemeinsames Lachen. Ein Satz, der bleibt. Eine Nähe, die nichts verspricht und trotzdem trägt.

Ich will ihr noch ein Stück davon geben. Nicht als Rettung. Nicht als Trost, der sich wichtig macht. Nur als Gegenwart. Als etwas Warmes, das neben ihr sitzt, solange sie es zulässt.

Wir gehen ein Stück am Rand des Platzes entlang. Zwischen uns kein grosses Gespräch mehr, nur Kies unter den Schuhen, Gras am Wegrand, das Spital im Rücken. Ich weiss nicht, was man sagt, wenn das Leben keine einfachen Antworten mehr hat. Dann sagt man weniger. Dann bleibt man da.

Zum Abschied schaut sie mich an und sagt nichts von Zukunft. Nur etwas Kleines, Alltägliches. Fast beiläufig. Und gerade das macht es schwer.

Später liege ich im Bett und denke an sie. An den Sportplatz. An das Licht auf ihrem Gesicht. An den Falter, der sich für einen Moment auf ihre Nase gesetzt hat, als wäre selbst die Welt kurz zärtlich geworden.

Ich sehe wieder das frühere Bild vor mir. Ihr Gesicht. Die Hände. Diesen Blick, der nicht bittet und sich nicht versteckt. Einen Blick, in dem mehr Leben liegt, als eine Diagnose je fassen könnte.

Es ist dunkel, und ich liege still da.

Ich denke an sie.

Nicht als Patientin. Nicht als Diagnose. Nicht als Geschichte, die ich begreifen könnte.

Als Mensch.

Und für einen Augenblick fühle ich mich ihr nah, ohne etwas festhalten zu wollen.

Es gibt keine Tür. Keine, die man öffnen oder schliessen könnte. Kein Drinnen, kein Draussen, keinen endgültigen Übergang. Es gibt nur diesen Moment, sie und mich, den Sportplatz, das Spital im Rücken und diesen Falter im Licht.

Nachklang: Hilde Domin

Der Satz „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“ stammt aus Hilde Domins Gedicht „Nicht müde werden“.

Es ist ein sehr kurzes Gedicht, beinahe nur ein Atemzug lang, und doch trägt es eine ganze Haltung in sich. Für mich ist es kein lauter Trost. Eher eine stille Form von Zuversicht: nicht kämpfen, nicht erklären, nicht festhalten. Nur offen bleiben für diesen einen kleinen Augenblick, in dem sich etwas Lebendiges auf die ausgestreckte Hand setzt.

Zum Bild

Dieses Bild ist für mich auf besondere Weise das letzte und zugleich das erste.

Aufgenommen habe ich es in meinem Atelier. Danach wurde es von meinem Freund Michael digital bearbeitet und in seiner Stimmung weiter verdichtet.

Gleichzeitig war es auch das erste Bild, nachdem ich sie in der Onkologie getroffen hatte, noch vor all den Untersuchungen, die danach folgten. Sie hat mich ausdrücklich gebeten, genau dieses Bild zu verwenden, weil es sie so zeigt, wie sie in dieser Zeit war: anders als früher, verändert, gezeichnet, aber ganz bei sich.

In einem anderen Gedicht gibt Hilde Domin diesem Gedanken eine zweite Form: „Nur eine Rose als Stütze“.

Dieser Gedanke passt für mich zu diesem Bild. Nicht als grosser Halt, nicht als feste Sicherheit, nicht als Antwort auf alles. Eher als etwas Zartes, das dennoch trägt. Eine Rose ist keine Mauer, kein Boden, kein Schutzschild. Und doch kann sie für einen Moment Stütze sein.

Auch dieses Bild zeigt keinen unversehrten Zustand und kein einfaches Vorher. Es zeigt einen Menschen in einer Zeit, in der vieles unsicher geworden ist. Zugleich zeigt es Würde, Gegenwart und diesen stillen inneren Halt, der manchmal nicht grösser ist als eine Rose und trotzdem genügt, um nicht zu fallen.

Der Satz „nur eine Rose als Stütze“ stammt aus Hilde Domins Gedicht „Nur eine Rose als Stütze“.

Hilde Domin im Atelier

In meinem Atelier liegen nicht nur Pinsel, Papier und Bilder herum, auch Gedichtbände. Viele davon begleiten mich seit Jahren. Als sie damals auf meinem Schreibtisch die Sammlung von Hilde Domin entdeckte, sagte sie fast sofort, dass Domin eine ihrer Lieblingsdichterinnen sei.

Das blieb bei mir hängen. Auch ich verehre Hilde Domin sehr. In unserem Haus tauchen ihre Worte immer wieder auf, neben Bildern, an Wänden, in kleinen stillen Ecken. Für sie war das sofort vertraut, fast wie ein Wiedererkennen.

Darum war klar: Hilde Domin darf in diesen Texten mitschwingen. Nicht als Schmuck, nicht als Erklärung. Als leiser Unterton. Als Verbindung zwischen ihr, mir, dem Bild und diesem besonderen Blick auf das Leben.

Nachtrag: Polo Hofer

Als ich die Texte abgeschlossen hatte, kam mir plötzlich dieses Lied wieder in den Sinn: „Wenn mys letschte Stündli schlat“ von Polo Hofer.

Sie mochte dieses Lied sehr. Unglaublich sogar. Damals war es einfach ein Lied, das ihr naheging. Heute klingt es anders. Näher. Klarer. Schwerer. Auch tröstlicher. Kein dunkler Gedanke. Eher eine Erinnerung daran, wie bewusst sie manches wahrgenommen hat: Musik, Worte, kleine Zeichen, Dinge, die bleiben.

Auch dieses Lied gehört nun zu dieser Geschichte. So wie der Gedichtband von Hilde Domin auf meinem Schreibtisch. So wie das Bild, das sie geliebt hat. So wie der Falter auf ihrer Nase. Es ist ein weiterer Faden, der zu ihr führt.

Und während ich daran denke, spüre ich wieder: Manche Menschen gehen nicht einfach weg. Sie bleiben in Bildern, in Sätzen, in Liedern. In diesem einen Moment, in dem plötzlich alles wieder da ist.

Letzte Worte

Ich bin traurig.

Nicht jeden Moment gleich. Nicht immer sichtbar. Nicht so, dass man es mir sofort ansehen müsste. Aber die Traurigkeit ist da. Sie kommt wieder. In Wellen. In Sätzen. In Liedern. In diesem einen Blick auf das Bild, in dem plötzlich alles wieder gegenwärtig ist.

Es ist nicht gestern gewesen. Es sind Wochen vergangen. Und trotzdem fühlt es sich manchmal an, als hätte die Zeit nur eine dünne Haut darübergelegt. Darunter ist noch vieles offen.

Die Gedichte helfen. Das Bild hilft. Die Musik hilft. Die Erinnerungen helfen meistens. Sie geben dem Schmerz eine Form, einen Ort, eine Sprache. Sie machen etwas Haltbares aus dem, was sonst nur fehlen würde.

Und dann gibt es Augenblicke, da helfen sie nicht.

Dann erinnern sie einfach nur an sie. Zu stark. Zu nah. Dann liegt der Gedichtband auf dem Schreibtisch, das Lied klingt wieder im Kopf, das Bild schaut zurück, und für einen Moment ist alles wieder da: ihre Stimme, ihre Augen, ihre Wärme, ihr Lachen, ihr Weg.

Auch das gehört dazu. Erinnerung tröstet nicht immer. Manchmal führt sie einen noch einmal ganz nah an das heran, was fehlt.

Und trotzdem möchte ich sie nicht missen.

Ein Versuch, ihrem Blick noch einmal Raum zu geben.

Manchmal bleibt von einem Menschen ein Bild. Ein Gesicht. Ein Blick, der einen nicht mehr loslässt. Und in diesem Blick lebt etwas weiter: Würde, Schönheit, Verletzlichkeit, eine leise Spur von Licht.

Für sie.