Degas schaut zu (3.0)

Ich war nackt, und Degas schaute zu.

Zumindest fühlt es sich so an, wenn man neben einem Plakat steht, auf dem in grossen Lettern „Degas et le nu“ prangt, während man halb im Kleiderschrank verschwindet und versucht, irgendwo dieses eine verflixte Hemd zu finden.

Der Plan war simpel: kurz duschen, schnell etwas anziehen, so tun, als hätte ich mein Leben im Griff. Stattdessen stehe ich hier, Rücken frei, Hintern im Schein des Nachmittagslichts, eine Hand tief zwischen Jacken und Kleiderbügeln, die andere mit einem viel zu grossen Pulli beschäftigt. Neben mir an der Wand die Kunstgeschichte, vor mir das Chaos meines Alltags. Degas malte seine Modelle vermutlich in eleganten Posen. Ich hingegen balanciere zwischen Socken, Staub und einer leicht klemmenden Schranktür.

In meinem Kopf läuft der innere Kommentar auf Hochtouren:

„Et le nu“, denke ich, „das hier wäre dann wohl die unromantische Version. Kein Samt, kein Atelier, kein Glas Rotwein. Nur ich, halb verkantet im Schrank, und ein Poster, das mich daran erinnert, dass Nacktheit in Museen immer so viel würdevoller aussieht.“

Natürlich ist genau in diesem Moment die Tür nicht richtig geschlossen. Ein Luftzug, ein Schatten im Flur, seine Stimme:

„Ähm… du?“.

Ich drehe mich halb um, Pulli in der Hand, komplett unkomplett. Ein Blick von oben nach unten, ein Lächeln, das viel zu viel versteht.

„Passend“, sagt er und zeigt kurz auf das Plakat. „Degas wäre stolz.“

Ich räuspere mich, murmele ein „Danke“ in Richtung Boden und tauche endgültig im Pulli unter. Neben mir hängt die Kunst, vor mir hängt mein Leben, irgendwo dazwischen meine Blösse und ich merke, dass genau das der Moment ist, in dem alles stimmt:

unprätentiös, ehrlich, ein bisschen peinlich und ziemlich lebendig.

Ich liebe dieses Leben.

Am Anfang stand die Fotografie.
Ich habe sie in einem beiläufigen, ungestellten Moment fotografiert, halb im Kleiderschrank, im weichen Nachmittagslicht, während neben ihr das Plakat Degas et le nu sichtbar wurde. Ohne Inszenierung entstand eine unerwartete Konstellation: Gegenwart und Kunstgeschichte begegneten sich im selben Raum. Der intime Alltag traf auf den historischen Blick des Fotografen.

Dieses Bild wurde zum Ausgangspunkt einer weiterführenden künstlerischen Auseinandersetzung.

Erst im Schreiben begann sich zu klären, weshalb mich dieser Moment nachhaltig beschäftigte. Die Szene vereinte Gegensätze: Blösse und Selbstverständlichkeit, Humor und Verletzlichkeit, Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Fern jeder idealisierten Darstellung des Aktes zeigte sich ein Zustand, der unmittelbar und menschlich war. Ein Augenblick, in dem Kunst nicht inszeniert, sondern erlebt wurde.

Aus dieser Reflexion heraus entstanden anschliessend die Ballerinen, gemalt in Acryl auf Papier.

Die malerischen Arbeiten verstehen sich nicht als Abbild der Fotografie und auch nicht als direkte Referenz an Degas, sondern als eigenständige Weiterführung des Gedankens. Während Degas den Körper im Übergang zwischen Probe und Aufführung untersuchte, richtet sich mein Interesse auf den inneren Zustand der Figur: Balance, Konzentration und Fragilität. Die Körper lösen sich teilweise in Farbe und Bewegung auf; Präsenz entsteht weniger durch Kontur als durch Atmosphäre.

Die Reihenfolge der Arbeiten bildet dabei den Kern des Projekts:
Zuerst die fotografische Beobachtung.
Dann die sprachliche Reflexion.
Und schliesslich die malerische Transformation.

So entwickelte sich aus einem alltäglichen Moment ein künstlerischer Dialog über den Blick, darüber, wie wir sehen, wie wir gesehen werden und wie sich Erfahrung in unterschiedliche künstlerische Medien übersetzt.

Die Ballerinen stehen am Ende dieses Prozesses als Verdichtung eines inneren Zustands: zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen Realität und Erinnerung. Ruhig, reduziert und lebendig zugleich.

Edgar Degas (1834–1917) gilt als einer der bedeutendsten Künstler des Impressionismus, auch wenn er sich selbst eher als Realist verstand. Sein Interesse galt weniger der Landschaft als dem Menschen in Bewegung — Tänzerinnen, Badende und Szenen des modernen Pariser Lebens standen im Zentrum seines Werks.

Degas beobachtete genau und suchte nicht die ideale Schönheit, sondern den flüchtigen, oft unbeachteten Moment. Mit ungewöhnlichen Bildausschnitten, neuen Perspektiven und einer grossen Sensibilität für Körperhaltung und Atmosphäre prägte er nachhaltig die moderne Darstellung von Bewegung und Intimität in der Kunst.

Seine Arbeiten beeinflussen mein eigenes Schaffen bis heute stark. Immer wieder inspiriert mich sein Blick auf das Unperfekte, auf die leisen Übergänge zwischen Bewegung und Ruhe. Degas erinnert mich daran, dass die eigentliche Wahrheit eines Bildes oft nicht im grossen Auftritt liegt, sondern im stillen Moment dazwischen.