Das eine Wort (4.1)
Diesen Text habe ich vor einiger Zeit geschrieben. Vor Kurzem ist er mir wieder in den Sinn gekommen, ausgerechnet in einem Moment, in dem mir die Worte fehlten. Es war, als hätte dieser Text bereits damals etwas in sich getragen, das erst jetzt wirklich sichtbar werden wollte.
Im Zentrum steht ein intensiver innerer Dialog zwischen Nähe und Abgrund, zwischen Geborgenheit und Selbstzweifel. Der Blick des Gegenübers, die Augen, wird im Text zu einer schöpferischen Kraft. Sie formen Worte, geben Halt, Licht und Orientierung. Gleichzeitig bleibt da die ständige Suche nach einem Satz, einem Wort, das Heilung, Erlösung und vielleicht auch ein Verstehen des eigenen Selbst bringen könnte.
Der Abgrund ist dabei nicht nur Bedrohung, sondern auch ein Ort der Erkenntnis. Gerade am Rand der Tiefe öffnet sich die Weite. Diese Ambivalenz, Fallen und gleichzeitig Sehen, Dunkelheit und Licht, Stillstand und innere Bewegung, trägt den gesamten Text. Für mich ist er ein sehr persönliches Bild von Verletzlichkeit, Sehnsucht und der Suche nach Identität.
Passend dazu liegt unter dem Text das Bild des Auges, ein Entwurf, den ich ebenfalls vor längerer Zeit angefertigt hatte. Auch dieses Werk blieb lange unvollendet. Erst vor Kurzem habe ich wieder den Zugang dazu gefunden. Rückblickend wirkt es fast so, als hätten Text und Bild über all die Zeit miteinander gesprochen: Das Auge als Symbol für Wahrnehmung, für den Blick nach innen und nach aussen, für das Sehen und zugleich das Nicht-ganz-Erkennen des eigenen Selbst.
Ein wichtiger Schritt war die digitale Bearbeitung durch meinen Freund Michael. Durch seine feine Arbeit hat das Bild jene Tiefe, Klarheit und Präsenz erhalten, die ich von Anfang an in mir gespürt habe. Nun entspricht es genau dem, was ich immer ausdrücken wollte: ein Blick, der nicht nur sieht, sondern erinnert, fragt und trägt.
So sind Text und Bild heute für mich zu einem gemeinsamen Werk geworden, ein stiller Dialog über Nähe, Dunkelheit, Heilung und das Wiederfinden von etwas, das lange in mir geschlummert hat.
Es sind deine Augen, die die Worte formen. Ich stehe still, fast reglos, und lasse mich von deinem wachen Blick erhellen. In diesem Licht verstumme ich. Ich liege zu deinen Füssen, nicht in Angst, sondern in der stillen Gewissheit, von dir nicht verletzt zu werden. Mit dir würde ich durchs Feuer gehen, mich in jede Dunkelheit stürzen, wenn es sein müsste.
Wenn deine Hände mich berühren, wenn deine Finger mich formen und mich gleichsam neu ins Leben holen, dann atme ich tief ein und spüre, dass ich bin. Nicht mehr und nicht weniger: einfach bin.
Unaufhörlich ziehen Gedanken durch meinen Kopf, kreisen, tauchen auf, verschwinden wieder. Inmitten dieses inneren Lärms bist du für mich die Stille, ein Ort, an dem ich mich selbst wiederfinde. Dein Puls bedeutet Leben. Leben für dich, Leben für mich. Lange war ich von Bedeutungslosigkeit umgeben. Obwohl ich sehen konnte, war ich blind im Sehen, gefangen in einer Wahrnehmung, die nie bis zu mir selbst vordrang.
Ich suche nach einem Satz. Einem einzigen Satz, der alles zu sagen vermag. Einem Satz, der heilt, der erlöst, der das Chaos in mir zur Ruhe bringt. Doch aus einem meiner Sätze formst du nur ein Wort. Ein Wort, das scheinbar nichts sagt und doch eine ganze Welt in sich trägt.
Ist dieses Wort die Antwort auf all meine Fragen? Das Ende meiner Suche?
Nein. Mit jeder Antwort wachsen neue Fragen in mir empor. Sie steigen auf wie Schatten, die kein Ende kennen. Ich stehe am Abgrund und blicke in seine unendliche Tiefe, und zugleich höre ich das Wort, das du mit deinen Augen formst. Es ist seltsam schön, am Rand des Abgrunds zu stehen, weil sich gerade dort die Weite öffnet, grenzenlos und wahr.
Verschwende dein Leben nicht mit dem Suchen, flüstert etwas in mir. Finde die Nähe, die dich längst umgibt. Spüre den Boden unter dir, ob du auf ihm stehst oder auf ihm liegst, und lass deinen Geist frei. In mir lebt eine bewegte Bewegungslosigkeit, ein Innehalten, das dennoch voller Bewegung ist. Ein Blick in die Ferne macht dieses Stillstehen erträglich, ja fast schön.
Immer wieder holst du mich zurück. Du hältst mich am Leben wie ein Tropf, an dem mein Dasein hängt. Deine Worte sind wie Nadelstiche, schmerzhaft und doch notwendig, und dein Leben tropft in meines hinein. Du bist für mich der volle Mond in der Nacht. Ich heule dich an und werde zum Tier, roh und wahr.
Bei dir darf ich sein, wie ich bin. Und doch frage ich mich, ob ich wirklich so bin, wie ich mich gebe. Du zweifelst nicht. Es ist allein mein eigenes Ich, das an mir verzweifelt. Vieles kann ich sehen, doch mein wahres Selbst bleibt mir verborgen, als läge es immer knapp ausserhalb meines Blickfeldes.
Ich wünsche mir, dass du an meinem Abgrund stehst, wenn ich falle, und mich mit dem stummen Gedicht deiner Augen begleitest. Sieh mich dort unten liegen, in der Tiefe, an jenem Ort, an dem ich auf dich warte.
Danke für dieses eine Wort. Es wird für immer in mir bleiben und mich durch jede Dunkelheit geleiten.