Das alte Leibchen (8.0)

Das alte Leibchen

«Das ist ja mein Leibchen.»

Ich weiss noch, wie ich es gesagt habe. Nicht laut, eher erstaunt. Fast verletzt. Als hättest du etwas getragen, das dir nicht mehr zusteht.

Das ist meins. Warum trägst du es? Warum ausgerechnet zum Schlafen?

Dabei dachte ich: Weil manche Dinge länger bleiben als Menschen. Weil Stoff Gerüche bewahrt, Nähe speichert, Nächte überlebt. Weil ein altes Leibchen manchmal mehr Erinnerung trägt als ein ganzes Gespräch.

Aber eigentlich gehört es dort nicht mehr hin. Nicht an deinen Körper. Nicht so weich auf deiner Haut. Nicht so selbstverständlich. Nicht wie eine Liebkosung. Eine frühere Version von mir hat es im Zimmer einer früheren Version von dir zurückgelassen. Und jetzt trägst du es, als könntest du damit etwas zurückholen. Alte Nähe. Alte Wärme. Ein Wir, das längst nicht mehr weiss, wohin mit sich.

Aber Erinnerung funktioniert nicht so. Man kann sie nicht anziehen und glauben, sie passe noch.

Es ist vorbei.

Und trotzdem tut es weh.

Nicht schön. Nicht würdevoll. Nicht so, wie Schmerz in Büchern klingt. Er ist lodernd, bohrend, gnadenlos. Er frisst sich durch mich hindurch, beisst Stücke aus mir heraus, und ich stehe daneben, als wäre ich Zeuge meiner eigenen Zerlegung.

Morgens schüttle ich die Träume aus dem Kopf. Den Gedanken an dich, an uns, an alles würge ich mit dem Frühstück hinunter. Wenigstens für ein paar Stunden. Ich lege die Tränenkanäle trocken, ziehe mich an, mache weiter. Ausziehen, wegziehen, weitergehen. Mein Zimmer wird von Tag zu Tag kahler, und ich will das so. Ich brauche diese Leere. Ich brauche sichtbare Beweise dafür, dass etwas endet.

Ich beisse die Zähne zusammen und trage den kleinen Tisch auf den Dachboden. Niemand will ihn. Er ist alt, an einigen Stellen verrostet, vielleicht nicht einmal schön. Und doch halte ich ihn vorsichtig, fast zärtlich, als würde ich kein Möbelstück tragen, vielmehr einen Teil dieser Zeit in Sicherheit bringen.

Dabei verlasse ich gerade meinen sichersten Ort. Mein Nest. Meine kleine, lebendige, mit Erinnerungen gefüllte Insel der letzten Jahre. Hier habe ich angefangen. In so vieler Hinsicht. Dinge begonnen und nie zu Ende gebracht. Anderes versucht und daran gescheitert. Wieder anderes ist geglückt, ganz unerwartet, fast gegen jede Wahrscheinlichkeit.

So viele Gefühle haben hier gewohnt. Ich wünschte, sie hätten Spuren hinterlassen. Abdrücke in den Wänden. Bunte Muster. Kleine Brandstellen der Erinnerung. Irgendetwas, das beweist, dass all das wirklich war.

Søren Kierkegaard schrieb:

«Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden.»

Vielleicht ist genau das der Satz, der wehtut. Weil man rückwärts plötzlich alles erkennt: die Zeichen, die Fehler, die zärtlichen Augenblicke, die man zu spät verstanden hat. Aber leben kann man nur in die andere Richtung. Nicht zurück ins Zimmer. Nicht zurück in den alten Körper der Erinnerung. Nicht zurück in eine Nähe, die ihre Form verloren hat.

Und irgendwo in mir klingt Bob Dylan nach. The Times, They Are a-Changin’. Nicht als Trost. Eher als nüchterne Wahrheit. Die Zeiten ändern sich, ob wir bereit sind oder nicht. Sie fragen nicht, ob wir noch einen Moment brauchen, ob wir noch einmal zurückwollen, ob wir das alte Leibchen noch nicht loslassen können. Sie gehen weiter. Und wir mit ihnen. Manchmal aufrecht. Manchmal taumelnd. Manchmal mit beiden Händen voller Dinge, die längst zu schwer geworden sind.

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem grossen Entschluss. Manchmal beginnt sie damit, dass man ein Zimmer leert. Einen Tisch wegträgt. Ein Leibchen nicht zurückfordert. Eine Tür hinter sich schliesst und trotzdem noch nicht weiss, wohin mit all dem, was in einem schreit.

Und immer noch will ich zu dir.

Alles in mir drängt dorthin. Alles zieht, alles ruft, alles wehrt sich gegen das Ende. Obwohl ich weiss, dass nicht jeder Ort, nach dem man sich sehnt, noch ein Zuhause ist.

Vielleicht ist genau das der Anfang: weiterzulieben und zugleich zu begreifen, dass Liebe manchmal zurückbleibt, während das Leben weitergeht.

Und während all das in mir schreit, liegt da noch die Arbeit, die längst auf mich wartet.

Ob sie sich nicht doch von allein schreibt? Manchmal glaube ich, darin liege tatsächlich der Hintergedanke, die heimliche Hoffnung.

Dass sich alle Wörter in meinem Kopf ganz automatisch aneinanderfügen und unsichtbar aufs Papier gespuckt werden, von ganz allein, natürlich. Warum sonst finde ich wieder und wieder andere Beschäftigungen, tue anderes, schiebe das Wichtige weg wie eine Kehrschaufel einen Berg Schmutz? Es sammelt sich und sammelt sich, verwandelt sich jedoch nicht in Gold.

Schweifende Gedanken führen nicht zum Ziel. Sie ziehen immer wieder daran vorbei, wie Scheibenwischer, wie der wandernde Lichtkegel eines Leuchtturms: rastlos, ziellos und doch von einer seltsamen Bestimmtheit. Währenddessen vergeht die Zeit, und ich sitze da, bis ich ganz durchsichtig werde, kaum mehr als ein blasses Wabern.

Grässliches Labern. Ich lese Halbsätze im Halbschlaf und klicke mich durch ganze Universen, ohne dass etwas davon in mir zurückbleibt. Wann habe ich zuletzt laut gelacht? Laut gedacht: Es geht doch nichts über ein wenig Freizeit.

Frei sein. Zeit haben. Zelten. Grosse Zeiten erleben, mitmischen, auftischen, aufheitern. Etwas Entspanntes zwischen all dem Ziehen und Zerren. Eine Lücke im Gewühl. Eine Brise auf schweissnasser Stirn.

Aber wer arbeitet heute noch so, dass ihm der Schweiss von der Stirn rinnt? Das tut man doch – eben – in seiner Freizeit. Schweiss produzieren. Leise grosse Schritte.

Aus meiner Mitte schält sich etwas heraus wie eine Frucht, wie ein Tier, das sich aus seiner Puppe befreit. Es löst sich, fällt.

Ein Klumpen Haut bleibt zurück.
Ein Klumpen Haut bleibt übrig.

Das bin ich.

Zum Bild

Dieses Bild entstand auf der Schützenmatte. Mitten im Regen. Er kam so plötzlich, dass wir es nicht mehr ins Trockene schafften.

Also blieben wir draussen.

Nasse Haare, Wasser auf der Haut, ein Blick, der nichts mehr versteckt. Kein Zimmer mehr, kein altes Leibchen, nichts, woran man sich festhalten könnte. Nur dieses Gesicht im Regen. Offen. Wach. Ungeschützt.

Für mich gehört dieses Bild genau deshalb zu diesem Text. Es trägt dieselbe Unruhe in sich. Dieses Ziehen zwischen Abschied und Anfang. Dieses Weitergehenmüssen, während noch etwas zurückruft. Dieses Wissen, dass sich die Zeiten ändern, leise oder brutal, ob wir bereit sind oder nicht.

Auch im Bild klingt Dylans Lied weiter: The Times, They Are a-Changin’. Nicht als Trostlied. Eher als Wahrheit, die durch den Regen geht. Alles verändert sich. Zimmer werden leer. Wege trennen sich. Alte Stoffe verlieren ihre Wärme. Und trotzdem bleibt etwas zurück, das nicht einfach verschwindet.

Der Regen nimmt dem Bild jede Pose. Er macht nichts schöner. Er macht es wahrer. Er legt frei, was bleibt, wenn Schutz, Behauptung und Sicherheit verschwinden.

Ein Blick.
Ein Atemzug.
Ein Mensch im Regen.

Und irgendwo darin beginnt das Weitergehen.