Sommerlaunen

Wenn es nur nicht so heiss wäre.

Dort drüben schiebt ein Mann einen Einkaufswagen über den flimmernden Asphalt. Er trägt eine Badehose, Tätowierungen bis zum Hals, Rastalocken und schwere Bergsteigerstiefel. Der Wagen ist mit undefinierbarem Zeug aus dem Supermarkt beladen. Mehr braucht er offenbar nicht.

Eigentlich ist das die einzig vernünftige Bekleidung an einem Tag wie diesem. Vielleicht nicht unbedingt mitten in Burgdorf, aber heute kümmert sich ohnehin niemand darum, ob man noch Fasson und Manieren bewahrt. Die Hitze hat jede Förmlichkeit weichgekocht.

Junge Frauen watscheln in Gummi-Flipflops über den heissen Asphalt. Ihre Schritte kleben beinahe am Boden. Männer tragen Hemden, deren dunkle Flecken längst jede Hoffnung auf Würde aufgegeben haben. Selbst die Vögel haben aufgehört, sich zu bewegen, und stehen reglos im Schatten, als warteten sie auf bessere Zeiten.

Es ist Feierabend. Schlafen wird bei diesen Temperaturen ohnehin niemand. Also sitzt man draussen, hält sich an beschlagenen Gläsern fest und tut so, als gehöre diese Hitze zum grossen Versprechen des Sommers.

Der Sommer lockert die Sitten, zumindest will es das Klischee. Vielleicht lockert er aber auch nur Gürtel, Hemdknöpfe und den letzten Rest Selbstbeherrschung. Wenn die Luft über den Strassen flimmert und selbst die Nacht keine Abkühlung bringt, wird die Stadt für einige Stunden zu einer Bühne, auf der jeder trägt, tut und lässt, was gerade noch auszuhalten ist.

Und plötzlich wirkt der Mann in der Badehose gar nicht mehr sonderbar. Vielleicht ist er uns allen nur einen Schritt voraus.

Dabei sehen meine heissen Tage sonst ganz anders aus: Sand unter den Füssen, das gleichmässige Rauschen der Wellen und ein Horizont, der weit genug ist, um die Hitze zu vergessen. Am Meer darf der Sommer heiss sein. Dort trägt der Wind das Schwere fort, das Wasser kühlt die Gedanken, und selbst dreissig Grad fühlen sich nach Freiheit an.

Doch heute bin ich nicht dort. Heute flimmert Burgdorf vor meinen Augen, und das Meer bleibt für ein paar Minuten im Video.

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Der Duft vergangener Sommer