Cloe
Liebe Angst, es ist Zeit das du gehst
Als Cloe mir ihre Geschichte erzählte, lagen bereits zwei Jahre zwischen ihr und der Chemotherapie. Zwei Jahre, und doch war manches noch zum Greifen nah. Die Behandlung hatte ein Ende gefunden. Die Angst war geblieben. Sie hielt sich an den Rändern der Hoffnung auf, trat hervor, sobald ein Gedanke zu weit in die Zukunft ging.
Aber da war Hoffnung. Cloe sprach auch von ihr. Und ich möchte ihr in diesen Zeilen Platz geben, so wie ich ihr beim Zuhören Platz gegeben habe. Denn wer von seiner Angst erzählt, erzählt oft zugleich von dem, was er liebt. Von dem, was bleiben soll. Von den Tagen, die er noch erleben möchte, den Menschen, denen er nahe sein will. Hinter der Furcht, alles zu verlieren, wartet eine grosse Sehnsucht nach dem Leben.
Während Cloe erzählte, musste ich daran denken, wie viel Kraft es kostet, sich immerzu zu schützen. Wie eng die Tage werden können, wenn wir jede Freude auf ihre Zerbrechlichkeit prüfen. Noch ehe wir uns ihr überlassen, denken wir daran, dass sie enden könnte. Wir sitzen mitten im Leben, und unsere Gedanken stehen schon an einer Tür, durch die wir niemals gehen möchten.
Ich kenne keine Worte, die eine solche Angst auflösen. Beim Zuhören wollte ich auch keine finden müssen. Ich wollte bei dem bleiben, was Cloe mir anvertraute. Es aushalten, dass Hoffnung und Furcht im selben Satz wohnen.
Sie möchte ihrer Angst nun entgegentreten. Wieder selbst entscheiden, wohin sie geht, wem sie sich öffnet, was sie wagt. Ihr Entschluss, sich malen zu lassen, war ein erster Schritt. Ein Ja dazu, gesehen zu werden. Mit dem, was noch schmerzt. Mit dem, was wieder wachsen möchte.
Noch schützt das Tuch.
Sie darf es behalten. Niemand muss sich schutzlos machen, um mutig zu sein. Es gibt ein Öffnen, das ganz behutsam geschieht. Ein wenig Vertrauen, gerade genug für diesen Augenblick. Ein Blick, der bleibt, obwohl man ihn am liebsten wieder abwenden würde. Cloe hat mir erlaubt, hinzusehen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr berührt mich dieses Vertrauen.
Rainer Maria Rilke schrieb:
«Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.»
Seit unserem Gespräch lese ich diese Zeilen mit einem Gedanken an Cloe. Das Wort «gehn» hält mich fest. Es verlangt in meinen Augen keine grossen Schritte. Auch ein zögerndes Näherkommen gehört dazu. Eine Verabredung mit dem Morgen. Der Versuch, einer Freude etwas länger zu glauben als der Sorge, die sich gleich danebenstellt.
Cloe hat diesen Versuch begonnen.
Ich stelle mir vor, wie kostbar eine Stunde sein muss, in der die Wachsamkeit nachlässt. Wenn man einem Gespräch folgt und dabei vergisst, in sich hineinzuhorchen. Wenn man lacht und das Lachen für einen Moment den ganzen Körper bewohnt. Erst später bemerkt man, dass die Angst still gewesen ist. Dass man da war, ungeteilt, ohne sich selbst bewachen zu müssen.
Solche Stunden wünsche ich ihr. Und Menschen, bei denen sie nichts verbergen muss. Bei denen auch ein schwerer Tag Platz hat, ohne dass gleich jemand das Fenster aufreisst und Licht verlangt.
Aus dem, was Cloe mir erzählt hat, und dem, was es in mir bewegt, entsteht dieser Brief. Ich schreibe ihn als einen Wunsch für sie, in Gedanken an ihre Hoffnung:
Liebe Angst, du bist mir so vertraut geworden. Du kennst die Wege durch meine Nächte. Oft bist du schon wach, bevor ich die Augen öffne. Dann legst du mir deine Fragen hin, und ich trage sie durch den Tag.
Ich habe dir viel geglaubt. Dass Vorsicht mich bewahren könnte. Dass ich nur genug nachdenken müsste, um vorbereitet zu sein. Dass es weniger wehtut, sich eine Freude erst gar nicht ganz zu erlauben.
Doch ich vermisse das unbefangene Wünschen. Einen Gedanken an den Sommer, der nach Wärme schmeckt. Die Vorfreude auf einen Menschen. Einen Abend, an dem ich müde bin vom Erleben.
Ich habe noch Hoffnung. Sie ist da, auch an den Tagen, an denen ich sie kaum höre. Und ich möchte wissen, wohin sie mich führt, wenn ich ihr folge.
Deshalb habe ich Ja gesagt. Jemand darf mich malen. Darf sich Zeit nehmen für mein Gesicht, darf mich ansehen, während ich noch lerne, mich wieder zu zeigen. Das Tuch brauche ich noch. Es gibt mir Schutz. Dahinter bin ich längst auf dem Weg.
Liebe Angst, es ist Zeit, dass du gehst. Ich möchte wieder etwas vorhaben, auf das ich mich freue. Und eines Tages beim Erzählen merken, dass ich dich den ganzen Tag vergessen habe.
Zum Bild
Beim Malen von Cloe bin ich immer wieder zu ihren Augen zurückgekehrt. Sie faszinieren mich. Ihr Blick hat etwas so Offenes und zugleich Wachendes, dass ich mich ihm nahe fühle, ohne ganz zu wissen, was hinter ihm liegt. Ich wusste von ihrer Angst, und doch empfand ich beim Blick in ihre Augen auch eine grosse Lebendigkeit. Das hat mich berührt.
Mit Wasserfarben und Graphit habe ich versucht, dieser Empfindung nachzugehen. Ich wollte die Augen sprechen lassen, ohne ihnen einen Ausdruck aufzuzwingen. Die Schatten behutsam setzen, ihren Blick nicht unter zu vielen Spuren begraben. Deshalb habe ich um ihr Gesicht vieles leicht und offen gelassen. Es war ein Suchen nach jener Nähe, die ich bei unserer Begegnung gespürt habe. Und nach einem Blick, der mich auch dann noch beschäftigt, wenn ich das Bild längst zur Seite gelegt habe.