Auf, da gehts lang (8.1)
Auf, da geht’s lang
Du hast dich entschieden. Du bist dabei geblieben. Du bist nicht ausgewichen, nicht zurück in die Sicherheit, nicht in das alte Zögern. Du bist auf etwas zugegangen.
Jetzt fürchtest du dich ein wenig.
Du denkst in richtig und falsch, in gute Idee, schlechte Idee, in oh Gott, in vielleicht doch lieber nicht. Du zuckst mit den Schultern, ein wenig unbeholfen, als wüsstest du selbst nicht genau, ob du dich freuen darfst.
Aber ja: Freu dich.
Nicht, weil alles einfach wird. Nicht, weil du keine Angst haben sollst. Eher, weil du etwas gewagt hast. Weil du den ersten Schritt gemacht hast. Weil irgendwo in dir längst ein leiser Teil weiss, dass es gut ist, sich zu bewegen.
Ich weiss nicht, was ich schreiben müsste, damit du dich fallen lässt. Vielleicht gibt es diesen einen richtigen Satz gar nicht. Vielleicht bleibt einem am Ende nur, es immer wieder zu sagen: Vertrau. Mach dich nicht kleiner, als du bist. Halte dich nicht die ganze Zeit fest. Atme. Ein. Aus. Noch einmal. Nicht flach, nicht hektisch, nicht nur bis zur Brust. Tiefer. Ruhiger. So, als dürfte der Körper für einen Moment glauben, dass er getragen wird.
Ich denke ein paar Monate zurück. An den Anfang. An die Aufregung. An dieses Herz, das plötzlich viel zu laut war. Ich sehe dich noch vor meiner Tür stehen, in dicker Jacke und bunter Mütze, wie du etwas erzählst und ich dich anschaue, als hätte ich die einfachsten Dinge der Welt vergessen.
Da war etwas zwischen uns. Und zugleich stand etwas davor. Eine Vergangenheit, die man nicht einfach zur Seite schiebt. Alte Geschichten, alte Vorsicht, alte Verletzungen. Dinge, die bleiben, auch wenn man längst gerne freier wäre.
Manchmal war es mühsam mit uns. Unnötig kompliziert. Missverständlich. Merkwürdig. So merkwürdig, dass man sich entschuldigen wollte, ohne genau zu wissen, wofür.
Es ist anstrengend, ständig darüber nachzudenken, ob man den nächsten Schritt wagen soll. Es ist anstrengend, jemanden küssen zu wollen und gleichzeitig so zu tun, als ginge einen das alles nichts an. Es ist anstrengend, sich für einen Menschen zu interessieren und ihn zugleich auf Abstand zu halten. Es ist anstrengend, unverletzbar wirken zu wollen, wachsam zu bleiben, auf der Hut, als hätte man nicht ohnehin schon genug mit sich selbst zu tun.
Ich frage: Was willst du?
Und du fragst zurück: Was willst du denn von mir? Lass mich in Ruhe.
Vielleicht wussten wir beide die Antwort nicht.
Wer bist du? Wer bin ich, wenn ich bei dir bin? Ich kann es bis heute nicht richtig sagen. Selbst wenn wir einander in den Armen lagen, blieb manchmal eine Ferne zwischen uns. Etwas Ungesagtes. Etwas, das wir nicht überbrücken konnten, obwohl wir es vielleicht beide wollten.
Wir haben es uns nicht leicht gemacht. Bis heute nicht.
Morgen bist du weg. Nicht mehr hier. Nicht mehr einfach kurz anrufen. Nicht mehr kurz an eine Tür klopfen, auf dem Sofa sitzen und irgendeinen Unsinn schauen. Nicht mehr dieses beiläufige Nebeneinander, das oft wichtiger war, als wir zugeben wollten.
Es bleibt nicht mehr genug Zeit, um alles nachzuholen. Nicht genug Zeit, um einander ganz zu vertrauen, das Gute immer rechtzeitig zu sehen, öfter sorglos zu lachen, mehr Quatsch zu machen, weniger Angst zu haben.
Ich mag dich. Irgendwie mehr, als ich sagen konnte.
Und ja, ich bin traurig, dass du gehst. Traurig, weil eine Spur leiser wird, wenn jemand nicht mehr da ist. Weil Nähe sich verändert. Weil manches, das möglich gewesen wäre, offen bleibt.
Aber etwas bleibt trotzdem. Etwas, das ich halten möchte. Nicht festklammern. Nur bewahren.
Ich habe von dir gelernt. Über dich. Über mich. Über Angst. Über Zuneigung. Über dieses seltsame Bedürfnis, sich zu schützen, obwohl man sich eigentlich nach Nähe sehnt.
Darum sage ich dir jetzt, vielleicht zum letzten Mal in dieser Form:
Vertrau dir. Trau dir etwas zu. Hab Mut. Geh los. Lass dich ein. Steh gerade. Heb den Blick.
Und vergiss nicht: Brust raus, Füsse heben beim Gehen.
Auf, da geht’s lang.
Später denke ich an ein Lied. „Don’t Give Up“ von Peter Gabriel und Kate Bush. Nicht, weil es eine Antwort hätte. Eher, weil es diese eine Hand ausstreckt, die man manchmal braucht, wenn man selbst nicht mehr weiss, ob man noch weitergehen kann.
Und irgendwo dazu dieser Satz von Rilke:
„Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“
Vielleicht reicht das. Nicht gewinnen. Nicht alles verstehen. Nicht immer stark sein. Nur nicht verschwinden. Nicht vor sich selbst. Nicht vor dem Leben. Weitergehen. Brust raus. Füsse heben.
Zum Bild
Aufgenommen im Atelier, vor der schwarzen Wand. Mit der Leica Q. Wenig Licht. Nur leicht bearbeitet. Alles sollte nah bleiben. Dunkel. Direkt. Ohne Ablenkung.
Dieses Bild entstand kurz vor ihrer grossen Reise nach Australien. Zwei Jahre will sie dort leben. Zwei Jahre weggehen, neu anfangen, Luft holen, sich selbst folgen. Alles hinter sich lassen, wenigstens für eine Zeit.
Und doch ist Aufbruch nie nur hell.
Man sieht es in diesem Bild. Die Hände am Gesicht, das Haar, das den Blick teilweise verdeckt, der Körper im Dunkel. Da ist Freude, ja. Da ist Mut. Da ist dieses helle Ziehen in die Ferne. Aber da ist auch ein schlechtes Gewissen. Die Frage, ob man einfach gehen darf. Ob man sein eigenes Leben wählen darf, ohne sich dauernd danach zu richten, was andere erwarten, brauchen oder verstehen können.
Genau diesen Zwischenraum hoffe ich im Bild festgehalten zu haben.
Keinen einfachen Abschied. Eher den Moment davor. Dieses innere Ringen zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Nähe und Freiheit, zwischen Pflichtgefühl und Sehnsucht.
Manchmal muss ein Mensch gehen, um wieder bei sich anzukommen.
Nicht aus Kälte. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus dem tiefen Wissen heraus, dass das eigene Leben irgendwann nach einer eigenen Richtung verlangt.
Vor der schwarzen Wand wird ihr Gesicht fast zu einem stillen Leuchten. Verwundbar, schön, entschlossen. Ein Mensch vor einer offenen Tür, noch im Dunkel stehend, den Blick schon irgendwo weit draussen.
Australien wartet.
Und sie geht.